Zögerliches Ringen um Gerechtigkeit

Nach stundenlanger Macho-Attitüde bricht der härteste Verfechter der Schuldannahme (Thomas Stolze) unter der Last der eigenen Schuld zusammen. (Foto: Susanne Veenhuis)
 
Heftige Auseinandersetzungen prägen die Urteilsfindung der zwölf Geschworenen, intensiv dargestellt von den Akteuren der Bretterwelt. (Foto: Susanna Veenhuis)

Die Laienspielgruppe Bretterwelt führt das Stück "Die zwölf Geschworenen" auf / Weitere Vorstellungen am 22. und 23. November

UETZE (sv). Die Hitze ist drückend, kaum zu ertragen. Alle wollen nach Hause, außerdem ist ein wichtiges Footballspiel angesetzt. Eine schnelle Lösung, ein klares Urteil möchten die zwölf Geschworenen, die in diesem New Yorker Gerichtssaal zwangsweise versammelt sind, und alle können wieder ihren eigenen Interessen nachgehen. Doch eine unter ihnen macht da nicht mit – und zieht damit den Unwillen der anderen elf auf sich.
Mit dem Klassiker „Die zwölf Geschworenen“ von Reginald Rose (1920 – 2002) ist es den Akteuren der Laienbühne „Bretterwelt“ gelungen, jenen überhitzten New Yorker Saal im kalten deutschen Herbst in die Uetzer Agora zu transportieren.
Trotz Kuscheljacke und Winterpullover konnte das Publikum der Schwüle an diesem Sommertag nachspüren, an dem eine Zwangsgemeinschaft aus zwölf zufällig aus dem Adressbuch ausgewählte Menschen über das Schicksal eines 19-jährigen Puertoricaners entscheiden sollen. Er steht im Verdacht, seinen Vater erstochen zu haben. Ihn erwartet dafür die Todesstrafe. Die Beweislast ist erdrückend, die Sachlage scheint klar. Alle halten den gebeutelten jungen Mann mit schwerer Kindheit und ausländischen Wurzeln für einen Mörder – nicht nur der scheinbar klaren Beweise wegen, sondern auch aufgrund seiner Herkunft und bisherigen Lebens.
Die Geschworenen müssen sich einig sein: schuldig oder nicht schuldig. Dass diese Art der Urteilsfindung nach amerikanischem Recht durch Laien ihre Tücken hat, zeigte der Drehbuch- und Theaterautor Reginald Rose schon 1954 mit seinem sozialkritischen Stück, das 1957 verfilmt wurde. Alle wollen die einzige Abweichlerin zu einem Schuldspruch überreden. Doch die bleibt standhaft und scheint zumindest anfangs die einzige, die sich wirklich um Gerechtigkeit gegenüber dem Angeklagten bemüht. Im Verlauf der Diskussion stellt sich heraus, dass bei den meisten, die sachlich und objektiv über Leben und Tod eines Menschen entscheiden sollen, vielmehr deren eigene Erfahrungen, Prägungen und Vorurteile sowie eigene Ängste und Gruppenverhalten die Urteilsfindung beeinflussen.
Unter der Regie von Thomas Stolze, der auch selber mitspielt, haben sich Antonia Molle, Leon Fauth, Birgit Rode, Josefine Kaltmaier, Justin van Wanrooij, Fabian Gelin, Birgita Habermann, Klaus Peter Großmann, Elena Korn, Felix Finger, Lara Gieschen und nicht zuletzt Jürgen Schmidt als Gerichtsdiener an einen schwierigen Stoff gewagt. Ein Jahr lang haben sie sich intensiv mit den unterschiedlichen Personen befasst. Über Textlernen und das Agieren auf der Bühne gehen die Fähigkeiten der Laiendarsteller weit hinaus. „Ich habe mir diese Rolle ausgesucht, aber es ist mir nicht leicht gefallen, diese Person zu verkörpern“, sagte Elena Korn in der Pause. Sie spielt mit großer Kraft und Lautstärke eine rassistische, gehässige, rechthaberische und äußerst aggressive Geschworene. Geholfen habe ihr dabei, sich in die Figur hineinzuversetzen und entsprechende Gefühle und Gedanken bewusst aufkommen zu lassen. „Sie ist sonst das genaue Gegenteil“, bescheinigte Josefine Kaltmaier ihrer Kollegin die große mentale und darstellerische Leistung.
Weder durch verbale noch körperliche Attacken lässt sich Birgita Habermann in der Rolle der Zweiflerin am Schuldspruch von ihrer Ansicht abbringen. Beweismaterial wird erneut angefordert und gesichtet, und nach heftigen Auseinandersetzungen, Vorwürfen und gegenseitigen Beschuldigungen, aber auch nach sachlicher Diskussion und erneuter Analyse der Beweise befinden immer mehr der Anwesenden den Angeklagten für unschuldig. Der härteste Verfechter der Schuld-Annahme bricht schließlich zusammen, hat sich selber an seinem Sohn schuldig gemacht: Stolze brilliert in der Rolle eines Cholerikers, der sich besonders aufspielt und allen anderen Schwäche unterstellt, letztlich aber nur sich selber spiegelt.
Alle Akteure halten die Spannung, Längen gibt es keine. Stattdessen erlebte das Publikum ein heftiges Wechselbad der Gefühle in großer Dichte, packend inszeniert und faszinierend gespielt – und honorierte dies mit lang anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen.
Am Samstag und Sonntag, 22. und 23. November, jeweils um 19.30 Uhr wird das Stück nochmals in der Agora des Schulzentrums gezeigt, und am 30. November in Brome. Der Vorverkauf läuft über Schüler+Asnet in Uetze und Hänigsen, der Eintritt kostet 12 Euro, ermäßigt 6 Euro.