"Uetze muss sich auf Klimawandel einstellen"

Der Uetzer Bürgermeister Werner Backeberg rechts) zeichnet Reinhard Probst für sein Engagement als Jugendtrainer beim SV Uetze 08 aus. Auch Lara Dahlgrün (hinten) wird für ihren Einsatz beim VfL Uetze gewürdigt.
 
Zwischen den Redebeiträgen sorgt das Trio "Marshmallows" für musikalische Unterhaltung.

Beim Neujahrsempfang der Gemeinde skizziert Bürgermeister Werner Backeberg die Herausforderungen für das neue Jahrzehnt / Auszeichnung für vier Ehrenamtliche

UETZE (r/fh). Mit dem traditionellen Neujahrsempfang hat Bürgermeister Werner Backeberg die Uetzer diesmal nicht nur auf ein neues Jahr eingestimmt, sondern gleich auf ein neues Jahrzehnt. Und so sprach er abseits des Alltagsgeschäft einmal die ganz großen Themen an, die seine Gemeinde in der zurückliegenden Dekade beschäftigt haben, aber auch in Zukunft begleiten werden.
Für etwas Leichtigkeit zwischen den teils düsteren Themen der Redebeiträge sorgte das Trio Marshmallows, das sich selbst als "Hannovers kleinste und feinste Marching-Band" bezeichnet. Die drei Musiker Sigrun Krüger (Klarinette), Ulli Kiehm (Banjo) und Claus Cordemann (Baritonsaxophon) spielten unter anderem "Octopus's Garden" von den Beatles, ein Medley aus der Filmmusik von Mary Poppins und das Jazz-Stück "The original Charleston".

"Das Ökokraftwerk der Region"

Eine herausragende Bedeutung attestierte Backeberg der Klimapolitik: Ob Windräder, Solaranlagen oder das Biomasseheizkraftwerk in Dollbergen - die Gemeinde habe die ehrgeizigen Ziele, die sie vor zehn Jahren formuliert hat, mehr als erfüllt. "Wir können voller stolz sagen, dass wir zum Ökokraftwerk der Region Hannover geworden sind", resümierte Backeberg.
Auch bundesweit komme der Klimaschutz voran und sei erfolgreicher, als es die öffentliche Diskussion glauben mache, betonte der Uetzer Bürgermeister und appellierte deshalb an die Zuhörer, sich von Untergangsszenarien zu verabschieden. "Sie unterhöhlen unsere liberale Demokratie", warnte er. Denn angesichts eines drohenden Weltuntergangs gehe eigentlich kein Gesetzesbeschluss weit genug. "Jeder Kompromiss, der gefunden wird, erscheint dann von vornherein faul und verliert seine Akzeptanz, weil eigentlich noch viel mehr hätte getan werden müssen. Dabei sind Kompromisse das Herzstück unserer Demokratie", so sein Argument.
Die Gemeinde müsse in der Klimapolitik ihren Weg weitergehen, ohne nachzulassen, aber auch ohne in Panik zu verfallen. Im nächsten Jahrzehnt werde es nun vor Ort stärker darum gehen, sich auf die Folgen des Klimawandels einzustellen. "Uetze muss einerseits auf Hochwasser vorbereitet sein, andererseits aber auch auf Dürreperioden", skizzierte er die Herausforderung.


Wandel des sozialen Klimas

Und nicht nur das Wetter ändere sich, sondern auch das gesellschaftliche Klima in Deutschland. "Wir alle spüren es: Es ist rauer geworden", kommentierte Backeberg. Ein trauriges Beispiel seien die Anfeindungen und Drohungen besonders in den Sozialen Medien, die jüngst den Bürgermeister von Estorf Arndt Focke und den Landrat von Hameln-Pyrmont Tjark Barrels zum Rücktritt getrieben haben. Damit sich so etwas nicht wiederhole, seien der Gesetzgeber und die Justiz gefragt - aber auch die Zivilgesellschaft. "Wir dürfen es nicht zulassen, dass wir diese Auswüchse als neue Normalität akzeptieren", forderte Backeberg vor etwa 130 geladenen Gästen in der Agora des Schulzentrums.
Unter seinen Zuhörern waren unter der anderem die Landtagsabgeordnete Thordies Hanisch, der Bundestagsabgeordnete Matthias Miersch, Regionspräsident Hauke Jagau, Regionsbrandmeister Karl-Heinz Mensing, Vertreter der Nachbarkommunen sowie Firmeninhaber und Geschäftsführer örtlicher Unternehmen. Aber auch viele Uetzer Bürger, die sich ehrenamtlich in Vereinen, bei der Feuerwehr oder in der Kommunalpolitik einbringen.


Auszeichnung für vier Ehrenamtliche

Gerade angesichts gesellschaftlicher Verrohung uns immer stärkerer Betonung des eigenen Vorteils sei ihr Engagement umso wertvoller und wichtiger. "Es ist eine der Voraussetzungen, wenn nicht die wichtigste Versicherung für den Erhalt unserer liberalen Demokratie. Denn die gibt es nicht zum Nulltarif, sondern nur durch den Einsatz und das Bekenntnis für die kommunalen Belange, für die örtliche Gemeinschaft und damit für Staat und Gesellschaft", betonte Backeberg.
Vier Uetzer, die sich dabei in besonderer Weise hervorgetan haben, zeichnete der Bürgermeister beim Neujahrsempfang aus: Er überreichte Rosemarie Weschke die Ehrenamtskarte des Landes Niedersachsen und würdigte den Einsatz von Lara Dahlgrün, die im vergangenen Jahr für den VfL Uetze die Norddeutschen Turnmeisterschaften auf die Beine gestellt hat. Auch Reinhard Probst vom SV Uetze 08 überreichte er eine Urkunde und einen Präsentkorb. "Er ist einer von denen, die man meistens nichts sieht, aber ohne die nichts läuft", fasste Backeberg zusammen. So betreue er im Moment drei Fußball-Jugendmannschaften unterschiedlicher Altersklassen. "Das heißt sechs Mal Training pro Woche, zehn Stunden Vorbereitung und drei Spiele am Wochenende", hob der Bürgermeister hervor.
Dieter Blanke, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, konnte aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht anwesend sein. Er ist seit 28 Jahren Ratsmitglied, hat in vielen Ausschüssen mitgearbeitet und sich außerdem als Schatzmeister sowohl beim Uetzer Schützenverein als auch beim DRK-Kreisverband eingesetzt. "Die persönliche Würdigung werde ich später nachholen", kündigte Backeberg an.


Auf Rekordüberschuss folgt Rekorddefizit

Die finanzielle Entwicklung bewertet Backeberg zum Beginn des neuen Jahres ambivalent: 2019 habe die Gemeinde den Haushalt zwar mit einem deutlichen Überschuss abschließen und einen Kassenkredit in Höhe von 15 Millionen Euro vorzeitig zurückzahlen können - doch das sei überwiegend Sondereffekten zu verdanken gewesen. Für 2020 erwarte Uetze stattdessen ein Rekorddefizit. "Wir dürfen uns also weiter über das Ergebnis 2019 freuen, aber unsere Strukturprobleme bleiben", stellte der Bürgermeister fest und ergänzte: "Deshalb müssen wir weiter jede notwendige Ausgabe abwägen und dürfen in unseren Konsolidierungsbemühungen nicht nachlassen." Weil es kaum noch Einsparpotenzial gebe, müsse vor allem die Wirtschaftsförderung verstärkt werden, um langfristig die Gewerbesteuereinnahmen zu erhöhen oder zumindest zu halten.