Quer durch den Wald zum Kaliberg?

Nach dem Wunsch der Ortsräte Hänigsen und Obershagen soll der Lieferverkehr für die Abdeckung der Kalihalde Wahtlingen über die Trasse der alten Werksbahn durch das Walgebiet Brand geführt werden. (Foto: privat)
 
Der Hänigser Ortsbürgermeister Norbert Vanin (von links) und der Uetzer Gemeindebürgermeister Werner Backeberg moderieren die Sitzung.
 
Mit viel Abstand haben sich die Ortsratsmitglieder in der Aula der Grundschule Hänigsen verteilt.

In der Diskussion um die Haldenabdeckung kommt ein alter Vorschlag wieder auf den Tisch

Hänigsen/Obershagen (fh). Für die Abdeckung der Kalihalde in Wathlingen sollen nach den Plänen des Unternehmens K+S Tag für Tag 100 Lastwagen Bauschutt anliefern – und das über einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren. Damit nicht ein Großteil von ihnen mitten durch Hänigsen rollt, wünschen sich die Dorfbewohner eine Ortsumfahrung. Davon könnten auch Sorgensen und Dachtmissen profitieren. Denn sonst würden viele Lastwagen wohl direkte von der B188 auf die L311 biegen und dann auch durch diese beiden Dörfer fahren.

Ortsratssitzung in der Grundschul-Aula

Zwei mögliche Varianten für eine Ortsumfahrung, eine nördliche und eine südliche, hat die Gemeinde Uetze jetzt in einer Machbarkeitsstudie prüfen lassen. Die Ortsräte Hänigsen und Obershagen haben beiden eine Absage erteilt – trotzdem könnten sie ihrem Ziel damit ein kleines Stückchen näher gekommen sein. Denn anhand der neuen Erkenntnisse will die Verwaltung nun auf die eigentlich favorisierte Route durch das Waldgebiet Brand hinarbeiten. Vorausgesetzt die Politiker im Rat der Gemeinde folgen bei ihrer nächsten Sitzung am 9. Juli der Empfehlung der beiden Ortsräte.
Am Mittwochabend sind die Politiker aus Hänigsen und Obershagen in der Aula der Grundschule Am Storchennest zusammengekommen. Eben dort hatten im Januar auch die Verkehrsausschüsse von Burgdorf und Uetze eine Sondersitzung abgehalten und über die Auswirkungen der Kalihaldenabdeckung beraten. War der Raum damals mit 40 Kommunalpolitikern und rund 150 Anwohnern rappelvoll gewesen, blieb es diesmal deutlich übersichtlicher.
Wegen der Corona-Epidemie waren die Tische der Ortsratsmitglieder mit viel Abstand aufgestellt und es durften maximal 20 Bürger teilnehmen, die sich vorher dafür registriert hatten. „Ich hätte bei diesem Thema mit einem größeren Andrang gerechnet, aber tatsächlich sind nur 17 Anmeldungen bei der Gemeinde eingegangen, sodass wir niemanden abweisen mussten“, sagte der Uetzer Gemeindebürgermeister Werner Backeberg.

Lokalpolitier lehnen Zick-Zack-Strecken ab

Diskussionsgrundlage war bei der Sitzung am Mittwochabend eine Machbarkeitsstudie der Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters. Nachdem der Mitarbeiter Ulf Pohlmann die Ergebnisse des etwa 40-seitigen Papiers mit umfangreichem Anhang vorgestellt hatte, übten die Lokalpolitiker zunächst heftige Kritik. Sie bemängelten vor allem, dass ihre favorisierte Route durch das Waldgebiet Brand gar nicht geprüft wurde, sondern stattdessen zwei deutlich längere Zick-Zack-Strecken, die auf vorhandenen Wirtschaftswegen nördlich beziehungsweise südlich um Hänigsen herumführen würden.
Gegen diese beiden Varianten brachten Ortsratsmitglieder und Anwohner eine Reihe von Einwänden vor: Mit jeweils rund sieben Millionen Euro Baukosten seien sie viel zu teuer und aufgrund der umständlichen Streckenführung für Lastwagenfahrer außerdem unattraktiv. „Das wäre eine unglaubliche Kurverei mit vielen spitzen Winkeln. Ich glaube nicht, dass das angenommen würde“, sagte der Ortsbürgermeister von Obershagen Andreas Staas und fügte hinzu: „Am Ende würden die Lastwagen trotzdem durch Hänigsen fahren und wir hätten für die Ortsumfahrung einfach nur viel Geld versenkt.“
Dagegen warben die Mitglieder der beiden Ortsräte für eine Streckenführung vom Röhndamm quer durch das Waldstück Brand bis zur Kalihalde. Damit wäre eine direkte Verbindung zwischen der B3 bei Ehlershausen und dem Gelände von K+S geschaffen – der kürzest mögliche Weg. „Mit knapp vier Kilometern ist er nicht mal halb so lang, wie die nördliche Variante aus der Machbarkeitsstudie“, argumentierte der Obershagener SPD-Ortsratsherr Johann-Christoph Emmelius. Zum Teil könne der vorhandene Wirtschaftsweg genutzt werden; nur die rund zwei Kilometer zwischen dem ehemaligen Betriebsgelände von Exxon Mobil und dem Salzberg müssten auf der Trasse der alten Kali­bahn neu gebaut werden. Die Strecke sei somit nicht nur attraktiver für die Lastwagenfahrer, sondern auch deutlich günstiger.

Machbarkeitsstudie liefert der Gemeinde Argumente

Nach den leidenschaftlichen Plädoyers der Ortsratsmitglieder für eine Streckenführung durch das Waldgebiet Brand ließ der Uetzer Bürgermeister Werner Backeberg durchblicken, dass er vieles von dem ganz ähnlich sehe. Tatsächlich könne auch die Gemeinde den jetzt geprüften Routen wenig abgewinnen. Ob er also geneigt sei, die Erschließung durch den Brand weiterzuverfolgen?, wollte der Hänigser CDU-Ortsratsherr Klaus Cording daraufhin wissen. „Selbstverständlich“, antwortete Backeberg prompt. Doch warum dann überhaupt die Machbarkeitsstudie? Vor allem weil der Brand nach europäischem Naturschutzrecht als FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat) geschützt ist. „Dafür bräuchten wir eine Ausnahmegenehmigung, die nicht so leicht zu bekommen ist“, erläutert Backeberg.
Sowohl mit dem Niedersächsischen Umwelt- als auch mit dem Wirtschaftsministerium sei er über diese Möglichkeit schon im Gespräch, versicherte er. Doch die Gemeinde habe nur dann überhaupt eine Chance, wenn sie vorher Alternativen prüfe und diese dann anhand von Zahlen und Fakten verwerfen könne. Und eben dafür liefere die Machbarkeitsstudie nun einige gute Argumente. Denn sie beweise, dass die Alternativen teuer und unattraktiv wären und ebenfalls Eingriffe in die Natur mit sich brächten. „Da würde zwar naturschutzrechtlich geringerwertiger Boden verbraucht, dafür aber mengenmäßig deutlich mehr“, pflichtete Cording bei.
Im Brand werde hingegen kaum zusätzliche Fläche beansprucht, weil Wirtschaftsweg und Bahntrasse schon vorhanden und ohnehin aus dem FFH-Schutzgebiet ausgeklammert seien. Nach dem Abschluss der Haldenabdeckung in 20 bis 25 Jahren könne die Straße zudem wieder abgebrochen werden, um den Bereich der Natur zurückzugeben, so Cording. Und noch aus einem anderen Grund seien die in der Machbarkeitsstudie vorgestellten Varianten auch ökologisch nicht unbedingt die bessere Wahl: Ob 25 Jahre lang täglich 100 Lastwagen neun Kilometer mehr oder weniger fahren, mache schließlich auch beim Spritverbrauch und beim CO2-Ausstoß einen Unterschied.

Ortsräte entscheiden einstimmig


Nach fast dreistündiger Diskussion sprachen sich beide Ortsräte dafür aus, dass die Gemeinde keine der beiden Routen aus der Machbarkeitsstudie weiterverfolgen, sondern sich stattdessen für die Trasse durch den Brand, vorbei am ehemaligen Betriebsgelände von Exxon Mobile, einsetzen solle. Außerdem solle die Gemeinde Gespräche mit der Landesverkehrsbehörde führen, um die Ortsdurchfahrt durch Hänigsen beispielsweise durch Ampeln für den Durchgangsverkehr möglichst unattraktiv zu machen.
Der Ortsrat Obershagen fasste den Beschluss einstimmig. Auch im Ortsrat Hänigsen gab es keine Gegenstimmen. Nur der Grünen-Politiker Georg Beu enthielt sich. „Die Strecke durch den Brand ist eine unrealistische Idee. Nienhagen und Wathlingen werden dem nicht zustimmen“, prophezeite er. Außerdem bezweifele er, dass die Ausweichstrecke durch das FFH-Gebiet noch rechtzeitig vor Beginn der Maßnahme fertig werde. „Wenn die Lastwagen dann erst einmal ein Jahr lang durch Hänigsen gerollt sind, hat doch niemand mehr Interesse daran, die Umfahrung noch weiterzuverfolgen“, so seine Berfürchtung.
Die Gemeinde solle lieber weiterhin versuchen, die Haldenabdeckung zu verhindern, anstatt an den Symptomen wie der Verkehrsbelastung herumzudoktern, forderte Beu. Backeberg entgegnete, dass man sich in der Ablehnung des Vorhabens einig sei. „Aber als kommunalpolitischer Praktiker und Pragmatiker will ich auch einen Plan B in der Tasche haben für den Fall, dass die Genehmigung erteilt wird.“ Falls die Haldenabdeckung dann doch noch verhindert werde, könne man das Projekt Ortsumfahrung jederzeit zu den Akten legen.

Hindergrund: Die Haldenabdeckung

Das Unternehmen K+S will die Kalihalde in Wathlingen mit Bauschutt abdecken, damit weniger Regenwasser mit den Rückständen in Berührung kommen, sodass unterm Strich weniger salzhaltiges Haldenwasser entsteht. Ziel ist es, die Grenzwerte einzuhalten, um das Wasser in die Fuhse einleiten zu können.Wenn die Halde abgedeckt sei, solle sie anschließend begrünt werden, um einen Raum für Naturschutz und Naherholung zu schaffen.
Die Bürgerinitiative Umwelt Uetze und viele Politiker zweifeln die ökologische Sinnhaftigkeit des Unterfangens aber an und fordern stattdessen, die Salzrückstände unter die Erde zu verbringen. Noch hat das Landesbergbauamt die Haldenabdeckung nicht genehmigt – doch die Gemeinde rechnet damit, dass sie noch in diesem Jahr erfolgt. Schließlich hat die Behörde bereits vorab den Bau einer Bauschutt-Recycling-Anlage zugelassen, die für das Vorhaben gebraucht wird.
Bei der Abdeckung sollen vor allem Bauschutt und Bodenaushub, in kleineren Mengen beispielsweise auch Gleisschotter und Straßenaushub verbaut werden. Zu 70 bis 80 Prozent sollen sie aus dem Großraum Hannover inklusive Hildesheim stammen, der Rest aus Braunschweig, Wolfsburg, Salzgitter, Hamburg und Bremen.