Mit Muskelkraft und speziellen Knoten

Die Obershagener richten ihren Maibaum allein mit Muskelkraft auf.
 
Jörg-Peter Schumann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen oder ablenken: Mit einer speziellen Technik notet er Seile am Stamm fest, die zur Sicherheit an einem Trecker als Gegengewicht befestigt werden.

Die Obershagener stellen ihren Maibaum auf / 25 Mann packen mit an

OBERSHAGEN (fh). Als Jörg-Peter Schumann mit seiner Arbeit fertig ist, hält er sich kurz die Hände vors Gesicht und sagt im Scherz: "Ich verschwinde dann mal." Immerhin lastet eine ganze Menge Verantwortung auf ihm. Um genau zu sein sind es an die 200 Kilogramm. Denn so schwer ist nach Schätzung des früheren Ortsbrandmeisters Bernd Thies der Obserhagener Maibaum. Um ihn aufzustellen, packen etwa 25 Mann mit an. Kein ganz ungefährliches Unterfangen! Für den Fall dass etwas schief läuft, befestigen die Obershagener den Baumstamm deshalb mit Seilen an einem Trecker. Nicht um mit Maschinenkraft nachzuhelfen, sondern als Absicherung wie beim Klettern.
Ob die Konstruktion im Notfall hält, hängt eben ganz entscheidend von den Knoten ab, mit denen die Seile am Stamm befestigt werden. Und für die ist seit dem ersten Obershagener Maibaumfest vor 13 Jahren Jörg-Peter Schumann zuständig. So leicht wird er aus der Nummer wohl auch nicht mehr herauskommen. Schließlich sind es keine gewöhnlichen Knoten. "Das ist eine ganz spezielle Technik, sodass man sie hinterher von unten wieder lösen kann", erläutert der frühere Ortsbrandmeister Thies. Und dieses Geheimnis kenne außer Schumann niemand im Dorf.
Der gibt sich bescheiden. "Beim ersten Maibaumfest hieß es, dass ich mich um die Knoten kümmern soll und hinterher mit der Leiter da hoch soll, um sie wieder zu lösen. Da war ich viel zu feige für", sagt er mit einem Grinsen. Deshalb habe er die spezielle Technik entwickelt. Und auf die verlässt sich die Dorfgemeinschaft seit dem Jahr für Jahr. Die Probe auf Exempel mussten die Knoten aber auch in diesem Jahr zum Glück nicht bestehen. Denn die Obershagener haben ihren Maibaum wieder erfolgreich und ohne viel Wackeln aufgestellt. Allein mit ihrer Muskelkraft!
Vor 13 Jahren haben die Obershagener ihr erstes Maibaumfest gefeiert. Damals hatten einige Männer aus dem Ort, eine Douglasie aus dem Beerbusch geholt. Extra bei Vollmond gefällt, weil sich die Rinde dann besser entfernen lassen, betont Thies. Am Anfang maß der Stamm noch stolze 23 Meter Wir hatten oben nur einen ganz kleinen Kranz dran, aber man konnte ihn bis nach Weferlingsen und Burgdorf sehen", sagt Thies.
Mit der Zeit kürzten sie ihn ein, zuletzt vor drei Jahren, als der Holzwurm sich unten eingenistet hatte. Bei dieser Gelegenheit strichen sie ihn auch weiß an. Außerdem hatte das Organisationsteam schon nach der ersten Saison beschlossen, zusätzlich zu dem kleinen noch einen deutlich größeren Kranz anzubringen, den man zwar vielleicht nicht von Weferlingsen aus sehen kann, dafür aber umso besser in Obershagen.
Dieses Jahr machte der Maibaum besonders viel her. Und das lag nicht nur am herrlichen Sonnenschein. Die Obershagener haben auch die Vorhang-Bändsel am Kranz gegen bunte Satin-Bänder ausgetauscht. "Insgesamt 200 Meter Band", sagt Martin Fischer. Er muss es wissen. Schließlich hat er sie alle mit der Nähmaschine an Kabelbindern befestigt, mit denen sie dann am Kranz angebracht, aber auch wieder abgenommen werden können. "Nächtelang habe ich genäht", sagt Fischer mit gespielter Leidensmiene. Doch während er das sagt, flattern die bunten Bänder vor dem strahlend-blauen Himmel im leichten Wind - kein ganz schlechter Lohn für die Mühe.