Mit 18 PS hinauf zum Gipfel

Mit dem Fendt F2L 612 /6n, Baujahr 1956, soll es in diesem Jahr wieder hoch hinauf zum Hintertuxer Gletscher gehen. Uwe Ulbrich hat einen zweiten Treckersitz montiert, auf dem seine Frau Stefanie fürs Foto Platz genommen hat. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Ein Glück, dass sie so klein sind! Sonst gäbe es Platzprobleme: An die 650 Treckermodelle präsentiert Uwe Ulbrich in seinem Keller. (Foto: Susanna Veenhuis)

Uwe Ulbrich will mit seinem Fendt-Trecker zum zweiten Mal den Hintertuxer Gletscher bezwingen

Schwüblingsen (sv). Wenn Uwe Ulbrich sein Lieblingsgefährt anschmeißt, wird es laut. Und eine kleine blaue Wolke fumpt aus dem Auspuff. Denn Katalysatoren gab es 1956 noch nicht, schon gar nicht für Trecker. F2L 612 /6n lautet die offizielle Bezeichnung für den Fendt-Trecker aus dem Jahr 1956, auf dessen Fahrersitz Uwe Ulbrich sichtbar glücklich thront.
Auch wenn im Winter hierzulande kaum Schnee fällt, soll Ulbrichs grüner Liebling demnächst in eiskalter weißer Pracht unterwegs sein: Der Hintertuxer Gletscher ist das Ziel seiner nächsten Tour. Da Urlaubskontingent und Fahrzeit per Trecker bis in die österreichischen Alpen nicht eben kompatibel sind, reist der Trecker auf einem Autoanhänger hinter seinem Piloten her, bis es schließlich am Ende des Zillertals im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt zur Sache gehen soll. Am Freitag, 28. August, startet die Reise. Mit Schneegarantie.
„Seit ich acht Jahre alt war, bin ich treckerfanatisch“, sagt der Schwüblingser. Damals durfte er auf einem Trecker von dem Hof von Helmut Hasberg mitfahren, bei dem seine Mutter arbeitete. Da war es um ihn geschehen. „Ich konnte eher Trecker fahren als schreiben und lesen“, lacht Ulbrich. Dennoch lernte er aber Möbeltischler und arbeitete auch zehn Jahre als Geselle, bis es ihn doch wieder in die Landwirtschaft zog. Für die nächsten 20 Jahre. Seit einigen Jahren ist er wieder als Möbeltischler tätig. Und das ist gut so, denn die Eis-Zeit-Tour fällt mitten in die Erntezeit. Für Landwirte, die beruflich Trecker fahren, ist der Termin äußerst ungünstig. Dennoch konnte sich sein Freund Jürgen Meyer, Landwirt aus Eddesse, für die Gletscher-Tour freimachen und fährt mit.
Ulbrich kennt beide Seiten, und auch als Tischler lassen ihn die Eisenrösser nicht los. Offenbar haben ihn besonders die Fendt-Formen geprägt, so dass er zwei weitere im Schuppen stehen hat: einen seltenen Geräteträger aus dem Jahr 1992, den das Kölner Unternehmen nach der Grenz­öffnung in Weimar produzierte und von dem es weltweit nur 191 Stück gibt, wie Ulbrich berichtet. Und einen aus seinem Geburtsjahr 1969, ein Fendt Farmer 2de, den er in der Nähe von Kassel ersteigert hatte. Vielleicht wurden aus guten Gründen nur 140 Stück davon gebaut. Denn viel Freude hat ihm dieser Oldtimer noch nicht bereitet, aber immerhin reichlich Bastelstunden: „Da steckt irgendwie der Wurm drin“, runzelt Ulbrich die Stirn.
Nun ist es ja nicht so, dass nicht auch im Keller noch Platz wäre. Von Daumennagel- bis handlicher Spielzeuggröße sind an die 650 Minischlepper sauber auf Regalbrettern aufgereiht. Die kleinsten können auf einem Daumennagel parken.
Natürlich nimmt der Ackerschlepperfan auch an jedem erreichbaren Treckertreffen teil. Da Bauwagen selten und teuer geworden sind, gibt es zum Anhängen ein ganz besonderes Schätzchen: einen kleinen Wohnwagen aus DDR-Zeiten, der bei mehrtägigen Ausfahrten als Nachtquartier dient. Als Mitglied des Röhrser Treckerclubs Kolbenring macht er beispielsweise jedes Jahr eine Ausfahrt, die er zusammen mit Holger Behrens aus Schwicheldt organisiert. So sind sie schon ins Weserbergland, nach Stade und Lüchow-Dannenberg, nach Cuxhaven und durch die Innenstadt von Hamburg getuckert, immer schön in Kolonne. „Vom Trecker aus sieht man bedeutend mehr von der Landschaft“, sagt Ulbrich.
Schon zum fünften Mal organisiert Christian Kofler vom Hotel Hintertuxerhof die alle zwei Jahre stattfindende Aktion „Hintertuxer Gletscherkönig“. Den Umständen durch die Corona-Epidemie geschuldet, nehmen diesmal nur 120 statt 150 bis 200 Ackerschlepperfahrer an der Alpin-Tour teil. Von Sonnabend, 29. August, bis zur Abreise am Montag, 7. September, bieten Kofler und sein Team den Treckergästen verschiedene alpine und hochalpine Ausfahrten mit Pausen in Jausenstationen an. Dass dabei nicht mit aufheulenden Motoren um die Haarnadelkurven geprescht wird, liegt in der Natur der Sache. Überwiegend sind es Schotterpisten, die die Dieselrösser in gemächlichem Tempo und mit viel Umsicht bezwingen müssen. Das Hotel liegt auf 1300 Metern Höhe. Den Weg zu den Almen und bis hinauf zum Gletscher auf 2600 Metern Höhe muss der grüne Schlepper aus Schwüblingsen mit seinen 18 PS auf eigenen Puschen bewältigen – mit Steigungen bis zu 36 Prozent. „Für uns Flachländer ist das schon eine Ansage“, meint Ulbrich.
Wobei es bergab manchmal schwieriger ist als bergauf. „Man muss im selben Gang den Berg runterfahren wie hinauf, und man muss auch abwärts Gas geben, sonst kann es übel ausgehen“, hat Ulbrich gesehen. 2018 hat er mit zwei Freunden das erste Mal an dieser Ackerschlepper-Klettertour teilgenommen und ist seitdem restlos begeistert – auch wenn der Gletscher in grauem Schneetreiben und Nebel versank und damit die schöne Aussicht ebenfalls. Mit leuchtenden Augen sagt er: „Das ist das Größte!“