Jugend auf dem Dorf

Sven Pfizenmaier schreibt in seinem Debütroman "Draußen feiern die Leute" über die Jugend auf dem Dorf. (Foto: Svenja Trierscheid)
 
Der Roman "Draußen feiern die Leute" ist beim Verlag Kein & Aber erschienen. (Foto: Kein & Aber)

In seinem Debütroman "Draußen feiern die Leute" verbindet Sven Pfizenmaier eigene Erfahrungen aus Uetze mit übernatürlichen Elementen

Uetze (fh). Die Suche nach Individualität und Zugehörigkeit, das Unbehagen mit der Enge des Dorflebens und die Angst vor Ausgrenzung und Einsamkeit –in seinem Debütroman „Draußen feiern die Leute“ schreibt der 30-jährige Sven Pfizenmaier über die Jugend in einer kleinen Ortschaft. Und auch wenn der Schauplatz in dem Buch immer nur „das Dorf“ genannt wird, hat er unverkennbar große Ähnlichkeiten mit Uetze – dem Ort, in dem Pfizenmaier selbst aufgewachsen ist, bevor er vor einigen Jahren nach Berlin zog.
Eine zentrale Rolle spielt zum Beispiel das Zwiebelfest, bei dem sich fast die ganze Dorfjugend versammelt. Und immer wieder tauchen konkrete Ortsbezeichnungen auf: der Kreisel an der Hannoverschen Volksbank, der Hindenburgplatz, das Waldgebiet Herrschaft oder das Farmer‘s Inn, obwohl die Kneipe im Buch einen anderen Namen trägt. Auch die Wege, die seine Protagonisten zurücklegen, beschreibt Pfizenmaier oft so genau, dass Uetzer Leser ihnen in Gedanken mühelos folgen können. Ein Blick auf die Straßenkarte bei Googlemaps sei für diese Passagen nicht nötig gewesen. „Ich war in meiner Kindheit und Jugend einfach so oft dort, dass ich die Strecken in- und auswendig kenne“, sagt er mit einem leisen Lachen.
All diese realen Bezugspunkte und den konkreten gesellschaftlichen Rahmen verbindet Pfizenmaier in seinem Roman mit übernatürlichen Elementen. Dabei hat er sich vom magischen Realismus aus Lateinamerika inspirieren lassen, zu dessen bekanntesten Vertretern unter anderem die Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa und Gabriel García Márquez gehören. „Die irrealen Komponenten betonen die realen Komponenten und spitzen sie zu“, beschreibt Pfizenmaier.
In seinem Debütroman hadert Timo beispielsweise mit seinem Körper und zieht immer wieder den Spott der anderen auf sich, weil er einer Pflanze zum Verwechseln ähnlich sieht. Valerie schläft wochenlang ohne Unterbrechung und kann ihren Träumen nicht entkommen. Und immer wenn sich ihre Mutter einsam fühlt, beginnt es draußen zu stürmen. Schließlich taucht auch noch ein Drogenboss auf, der sich infolge seines Amphetaminkonsums in eine Eule verwandelt hat.
All das habe sich beim Schreiben von Seite zu Seite entwickelt. „Als ich vor etwa drei Jahren mit dem Buch angefangen habe, hatte ich noch nicht die komplette Geschichte im Kopf, sondern zunächst nur die Ideen für meine ersten Protagonisten“, verrät er. Nach und nach habe er dann noch viele weitere Charaktere eingeführt. „Ich wollte die Geschichte aus möglichst vielen Blickwinkeln erzählen und in jedem Charakter steckt auch ein kleiner Teil von mir selbst“, sagt er.
Einfühlsam beschreibt er insbesondere das Leben junger Russlanddeutscher, deren Eltern so wie seine eigenen in den neunziger Jahren als sogenannte Spätaussiedler aus Kasachstan nach Deutschland gekommen sind. Da sind zum Beispiel Dina, Danik und Doktor Dobrind, der in Wirklichkeit keinen Doktortitel hat aber von allen so genannt wird. Sie fangen nur deshalb an, mit Drogen zu dealen, weil der Dorfpolizist ohnehin schon davon überzeugt ist, dass sie das tun. Ihren moralischen Kompass verlieren sie dabei aber trotzdem nie.
Und da ist Valerie, die noch immer verwunderte Blicke erntet, wenn sie eine Eins in Deutsch bekommt. Dabei hat ihre Mutter sie nicht Nadjeschda, sondern Valerie genannt, damit ihr Name in Deutschland nicht auffällt. Unter den anderen Russlanddeutschen fühlt sie sich seit jeher fremd, weil sie in Deutschland geboren ist und ihr die Verbindung zu Kasachstan fehlt. Und irgendwann als Kind hat Valerie aufgehört, Russisch zu sprechen, weil sich die russischen Verwandten über ihren deutschen Akzent lustig gemacht haben. Trotzdem bleibt sie in der Schule für alle die Russin.
Wenn Pfizenmaier über seine eigenen Jugenderfahrungen spricht, wird deutlich, dass ihm die Fragen und Nöte seiner Prota­gonisten vertraut sind. Trotzdem gerät sein Debütroman nicht zu einer Abrechnung mit Uetze oder dem Dorfleben im Allgemeinen. „In einem kleineren Ort wird es vielleicht schneller problematisch, wenn man anders ist. Aber das Dorf ist nicht die Quelle des Problems“, betont er und fügt hinzu: „Das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft gibt es überall. Und für Jugendliche ist es wahrscheinlich nirgends leicht, ihren Platz zu finden.“
Sein persönliches Verhältnis zu Uetze habe sich mit der Zeit und dem räumlichen Abstand entspannt. „Meine ganze Familie lebt noch dort und ich komme regelmäßig zu Besuch“, sagt er und ergänzt: „Ich spüre dort jetzt nicht mehr diese Unzufriedenheit, die ich als Jugendlicher oft empfunden habe. Mittlerweile habe ich eine gute Zeit, wenn ich dort bin.“
Und so schlagen die Jugendlichen in dem Roman ganz unterschiedliche Wege ein. Einige steigen ins Auto und suchen ihr Glück jenseits des Ortsschildes. Andere vertrauen auf die Heilsversprechen des Drogenbosses in Eulengestalt, der ihnen Erlösung in einer anderen Welt in Aussicht stellt. Doch nicht alle kehren dem Dorf den Rücken zu, um in der Ferne nach dem sagenumwobenen Sehnsuchtsort Avalon zu suchen.
Obwohl auch er sich in dem Dorf und im Haus seiner Familie immer fremd gefühlt hat, entscheidet sich Timo zu bleiben. „Es ist auch mein Haus. Ich werde es zu meinem Haus machen“, sagt er entschlossen. Anstatt wegzugehen, will er versuchen, auf dem Dorf sein persönliches Avalon aufzubauen.
Der Roman „Draußen feiern die Leute“ von Sven Pfizenmaier ist beim Züricher Verlag Kein & Aber erschienen. Das Buch hat 334 Seiten und kostet 24 Euro.