Erinnerung an das Explosionsunglück

Ortsbürgermeister Norbert Vanin (von links), K+S-Betriebsleiter Axel Hinterthür, Pastor Steffen Lahmann und der Vorsitzende des Bergmannsvereins Henning Meyer bereiten für den 18. Juni eine Gedenkfeier vor.
 
Heinz Reich hat bei dem Explosionsunglück im Schacht Hänigsen-Riedel vor 75 Jahren seinen Vater verloren. Später arbeitete er selbst 75 Jahre lang unter Tage.
 
Ein historisches Foto zeigt den beschädigten Eingang des Schachts. (Foto: Heimatverein/Archiv)

Vor 75 Jahren entzündete sich im Bergwerk Riedel Munition aus dem Zweiten Weltkrieg / 86 Männer starben

Hänigsen (fh). Am 18. Juni 1946 um 10.15 Uhr trug Heinz Reich gerade eine Schüssel mit Kartoffeln in die Küche, weil er zusammen mit seinen Geschwistern das Mittagessen vorbereiten sollte. Dann gab es einen lauten Knall. „Über mir bröckelte Putz von der Decke und die Schüssel rutschte mir aus der Hand“, schildert der 87-Jährige. Er ahnte, dass etwas Schreckliches passiert war. Wenige Stunden später wusste der damals Zwölfjährige, dass er seinen Vater nie wieder sehen würde.
Denn Otto Reich war zusammen mit 81 anderen Männern unter Tage gewesen, um im Bergwerk Hänigsen-Riedel Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich zu machen, als es dort zu einer gewaltigen Explosion kam. Keiner von ihnen überlebte das Unglück.
Die Explosion ließ die Erde erbeben, die Förderkörbe und anderes Inventar wurden aus dem Schacht geschleudert, der Förderturm brach zusammen. „Eine halbe Stunde lang schoß eine mehr als hundert Meter hohe Feuersäule mit unheimlichem Heulen aus dem Schacht, und ein dichter Hagel von Eisen-, Stein- und Holzteilen ging auf die Umgebung nieder“, beschreibt der Lehrer und Dorfchronist Albert Depenau in einem Zeitungsartikel zum 40. Jahrestag 1986.
Insgesamt kamen durch die Explosion 86 Männer vor allem aus Hänigsen und Burgdorf sowie den umliegenden Dörfern ums Leben. Zusätzlich zu den 82 Männern im Schacht befand sich einer gerade auf dem Förderturm und stürzte mit ihm in die Tiefe. Drei weitere erstickten an giftigen Gasen, als sie sich fast eine Woche später für eine Erkundung dem Schachtgelände näherten.

Gedenkfeier zum 75. Jahrestag

Am kommenden Freitag, 18. Juni, jährt sich das Unglück zum 75. Mal und aus diesem Anlass laden der Ortsrat Hänigsen, der Bergmannsverein „Riedel“ Hänigsen und die ev.-luth. Kirchengemeinde Hänigsen-Obershagen zum gemeinsamen Gedenken ein. Zum Zeitpunkt der Explosion um 10.15 Uhr wird vom Turm der St.-Petri-Kirche das Totengeläut erklingen. Den Vormittag über bis 14 Uhr besteht dann Gelegenheit zum Besuch des Gedenksteins auf dem Schachtgelände Riedel an der Wathlinger Straße. „Es kommen an diesem Datum jedes Jahr Hänigserinnen und Hänigser zum Werkstor, weil sie das Bedürfnis haben, sich am Ort des Geschehens zu erinnern. Deshalb haben wir uns entschieden, das Tor diesmal ausnahmsweise für alle zu öffnen“, sagt der zuständige Betriebsleiter von K+S Axel Hinterthür.
Abends wird dann um 18 Uhr ein Kranz am Gedenkstein auf dem Hänigser Friedhof niedergelegt und ab 19 Uhr wird es einen Gedenkgottesdienst vor der Hänigser St.-Petri-Kirche geben. Nach Möglichkeit sollten Besucher dafür ihre eigenen Sitzgelegenheiten mitbringen, zum Beispiel einen Klappstuhl.
Aus Anlass des 75. Jahrestags lassen Kirchengemeinde und Ortsrat auch den Gedenkstein auf dem Friedhof restaurieren, wobei die Arbeiten jedoch nicht rechtzeitig zum 18. Juni abgeschlossen sein werden. Auf dem Stein sind die Namen der Opfer eingraviert – allerdings nur 65. Denn es fehlen diejenigen von 21 ehemaligen Zwangsarbeitern, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht gleich in ihre Heimat hatten zurückkehren können und bei den Aufräumarbeiten im Schacht Arbeit gefunden hatten.
Auch an sie will Pastor Steffen Lahmann bei der Gedenkfeier erinnern und zugleich die Vorgeschichte der Explosion ins Gedächtnis rufen. „Man kann das Unglück nicht von den Jahren davor abkoppeln, als hier Kriegsmunition produziert wurde. Es geht nicht nur um das reine Erinnern. Wir wollen uns auch darauf besinnen, wie es dazu kommen konnte und welche Lehren wir daraus für die Gegenwart ziehen“, sagt er.

Geschichte der Munitionsanstalt

Die Salzförderung im Schacht Riedel hatte 1909 begonnen. Rund 20 Jahre später wurde sie aufgrund der insgesamt schwierigen wirtschaftlichen Lage und wegen Überkapazitäten von Kali wieder eingestellt. In dem stillgelegten Bergwerk richtete die Wehrmacht 1936 eine Heeresmunitionsanstalt ein. Unter Tage wurden dort sowohl einzelne Komponenten wie Hülsen und Pulver eingelagert als auch fertige Granaten und andere Kriegswaffen. Die Produktion fand zunächst oberirdisch im Waldlager Wathlinger Forst statt.
In der Munitionsanstalt mussten auch sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Osteuropa arbeiten, die größtenteils in einem Lager am Celler Weg untergebracht waren. Die Kinder der polnischen und russischen Zwangsarbeiterinnen wurden von ihren Müttern getrennt und in ein Kinderlager im benachbarten Papenhorst gebracht. Viele von ihnen starben dort an den Folgen von Hunger, Kälte und Krankheit.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten nicht alle Zwangsarbeiter, die sich damals in Hänigsen und Umgebung aufhielten, sofort in ihre Heimat zurückkehren. Als sogenannte „Displaced Persons“ (DP) blieben sie zunächst und wurden weiterhin in dem Lager am Celler Weg untergebracht, das unter Regie der britischen Besatzung zu einem DP-Lager mit dem Namen Colorado umgewidmet wurde. 21 ehemalige Zwangsarbeiter, die dort lebten und bei der Räumung des Bergwerkes Riedel Arbeit gefunden hatten, kamen bei der Explosion im Jahr 1946 ums Leben.

Kaliförderung wird wieder aufgenommen

Wodurch die Explosion ausgelöst wurde, ist nicht geklärt. „Es gibt Spekulationen, dass die Arbeiter dort unten geraucht haben, obwohl das natürlich streng verboten war“, sagt Ortsbürgermeister Norbert Vanin. Alte Fotos, die unter Tage aufgenommen wurden, zeigten aber auch, dass es mit den Sicherheitsbestimmungen nicht weit her gewesen sei. „Man sieht zum Beispiel, dass die Männer mit Hammer und Meißel auf leeren Granatenhülsen herumkloppen. Da kann es auch durch Funkenflug zu einer Zündung gekommen sein“, gibt der K+S-Betriebsleiter Axel Hinterthür zu bedenken.
Die Aufräum- und Reparaturarbeiten nach der Explosion dauerten bis 1950 an. Dann wurde die Kaliförderung wieder aufgenommen, erst 1997 wurde das Bergwerk Riedel endgültig stillgelegt. Trotz der Erinnerungen an das tragische Unglück überwog für viele Dorfbewohner die Aufbruchsstimmung und die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung. So auch für Heinz Reich, der sieben Jahre nach dem Tod seines Vaters selbst zum ersten Mal in den Schacht herunterfuhr. Er sei froh gewesen, Arbeit zu finden. Zugleich sei es für ihn aber auch eine persönliche Spurensuche gewesen. „Ich habe mich dafür interessiert, wo mein Vater gewesen ist, wie es sich dort unten anfühlt, wo er gestorben ist“, sagt er rückblickend.

Noch immer ein Thema im Dorf

Er selbst hat 38 Jahre lang unter Tage gearbeitet. Aber auch nach all dieser Zeit sind ihm gerade die ersten Monate im Schacht im Gedächtnis geblieben. „Wir mussten die Strecke damals erst einmal von dem Pulverstaub reinigen, der sich überall abgesetzt hatte und aufräumen“, sagt er und fügt leiser hinzu: „Wir haben damals sieben Jahre nach dem Unglück auch noch einen verkohlten Leichnam gefunden.“ Für ihn steht deshalb fest, dass er bei der Gedenkfeier am 18. Juni dabei sein will. „Das ist mir einfach ein Bedürfnis“, sagt er.
So wie ihm geht es vielen im Dorf – Angehörigen der damaligen Opfer, aber auch Zeitzeugen, die das Unglück damals als Kind miterlebt haben. „Das war ein großer Schlag für Hänigsen und die umliegenden Dörfer und ist hier im Ort bis heute ein Thema“, sagt Vanin.