Die Schicksale hinter den Akten

Zehntklässler der Aurelia-Wald-Gesamtschule erfassen Dokumente für das Online-Register der Arolsen Archives. (Foto: AWG)
 
Auf der Internetseite der Arolsen Archives können sich Interessierte an dem Projekt "Every Name Counts" beteiligen. (Foto: Screenshot)

Zehntklässler der Aurelia-Wald-Gesamtschule beteiligen sich an Projekt zum Gedenken an Opfer der Nazis

Uetze (r/fh). Die Zehntklässler der Aurelia-Wald-Gesamtschule haben den Weltfrauentag am 8. März zum Anlass genommen, um sich intensiv mit der Namensgeberin ihrer Schule auseinanderzusetzen. Aurelia Wald (geb.Torgau) war in Trier aufgewachsen. Sie engagierte sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und überlebte die Konzentrationslager Ravensbrück und Auschwitz. Dort half sie unter Lebensgefahr ihren Mithäftlingen und wurde von ihnen deshalb als Engel von Auschwitz bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkriegs heiratete sie Eduard Wald und zog mit ihm nach Hannover. Sie litt körperlich und psychisch unter den Folgen der Gefangenschaft in den Konzentrationslagern und war deshalb mehrfach in Behandlung. Am 1. Januar 1962 starb sie in den Wahrendorffschen Anstalten in Ilten.
Nachdem einem Rückblick auf ihrer Biographie und ihr Handeln, nutzten die Schüler den Tag, um sich an einer Initiative der Arolsen Archives zu beteiligen. Dieses Zentrum zur Dokumentation von nationalsozialistischer Verfolgung, NS-Zwangsarbeit und den Holocaust hat seinen Sitz in der nordhessischen Stadt Bad Arolsen. Sein Archivbestand ist mit rund 30 Millionen Dokumenten eine der weltweit größten Sammlungen von Unterlagen über zivile Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft. Um sie für die nachfolgenden Generationen zu erhalten, hat das Zentrum mit der Digitalisierung der Dokumente begonnen. Ein Großteil ist bereits eingescannt.
Allerdings liegen sie zunächst nur als Bilddateien vor, sodass sie nicht gezielt nach Namen oder anderen Kriterien durchsucht werden können. Das soll sich mit der Initiative "Every name counts" (englisch für: Jeder Name zählt) nun ändern. Die Arolsen Archives rufen dazu auf, ehrenamtlich die Daten aus den eingesannten Dokumenten zu erfassen und in ein Online-Register zu übertragen. Daran kann sich jeder Interessierte online beteiligen. Besondere Vorkenntnisse oder Erfahrung mit historischen Dokumenten sind dazu nicht erforderlich. Versuche mit computergesteuerter Texterkennung seien gescheitert, erläutert Archivleiter Giora Zwilling in einem Einführungsvideo. Sie habe bei den handschriftlichen Eintragungen, teilweise in Sütterlin und anderen alten Schriftarten, zu vielen Fehlern geführt.
Auch für die Zehntklässler der Aurelia-Wald-Gesamtschule war die alte, teilweise schwer lesbare Schrift eine Herausforderung. Dennoch waren alle aktiv bei der Sache, arbeiteten konzentriert und engagiert, diskutierten über Zusammenhänge und hinterfragten auch vieles. Nach und nach kamen sie über die Schicksale hinter den Akten ins Gespräch. „Wir hätten anfangs gar nicht gedacht, was man anhand dieser Akten überhaupt erfahren kann“, äußerten sich die Schülerinnen und Schüler. So stellten sie beispielsweise fest, dass die Häftlinge der Konzentrationslager aus vielen unterschiedlichen Ländern stammten. Neben der Herkunft aus Deutschland, Russland und Polen, gab es auch Akten von Menschen aus Frankreich, der Ukraine, Ungarn, Dänemark und sogar aus Amerika.
Besonders erschreckend fanden die Schüler, dass viele Familien getrennt und in unterschiedlichen Lagern untergebracht wurden. Ebenso machte es sie betroffen, dass auch viele Akten von Kindern dabei waren, die im Konzentrationslager gestorben sind. „Bei einem 16-Jährigen wurde als Todesursache ,Erschöpfung´ eingetragen, das hat mich am meisten getroffen“, äußert eine Schülerin. Aber auch andere Todesursachen, wie Verhungern, Hirnbluten und Nierenversagen machten betroffen und warfen Fragen auf. "Bisher habe ich die im KZ ermordeten Menschen immer nur als eine große Gruppe wahrgenommen. Daraus sind jetzt echte Einzelschicksale geworden und es stimmt: Jeder Name zählt!“, resümierte ein Schüler am Ende des Tages.
Normalerweise beteiligen sich alle Jahrgänge der Gesamtschule am Aurelia-Wald-Tag. Da sich die meisten Schüler derzeit jedoch wegen der Corona-Epideme im Home-Schooling befinden, war das in diesem Jahr zunächst nur in den zehnten Klassen möglich. Für die Jahrgänge fünf bis neun wird der Tutorentag voraussichtlich im Juli stattfinden. "Die Auseinandersetzung mit Aurelia Wald sowie deren Bedeutung für die NS-Zeit ist insbesondere für die jüngeren Jahrgänge nicht für den Online-Unterricht geeignet", begründet Dieckhoff-Laake.
Weitere Informationen zu dem Projekt "Every Name Counts" gibt es auf der Internetseite https://arolsen-archives.org.