„Wenn nicht hier, wo dann?“

v.l.n.r.: Dr. Silke Lesemann (Ortsbürgermeisterin von Bolzum), Jan Biskup (2. Vorsitzender des DorfVereins Gutes Klima im Dorf e.V.), Dagmar Schierholz (SHH.Architekten), Frauke Lehrke , (Initiatorin Verbundprojekt GutKlima und 1. Vorsitzende des DorfVereins Gutes Klima im Dorf e.V.), Olaf Kruse (Bürgermeister der Stadt Sehnde), Petra Buchwald (Ortsrätin Wehmingen). (Foto: Anna Juhrs)
 
Architektin Dagmar Schierholz im Gespräch mit interessierten Bolzumerinnen. (Foto: Anna Juhrs)

Klimazentrum nimmt immer mehr Gestalt an

Bolzum (r/gg). Für ein gutes Klima im Dorf setzen sich viele engagierte Menschen in Bolzum und Wehmingen ein. Mit viel Rückenwind der Stadt Sehnde und den Ortsräten beider Dörfer entsteht hier ein sogenanntes Klimazentrum – ein Leuchtturmprojekt für Nachhaltigkeit im ländlichen Raum, ausgestattet mit öffentlichen Fördermitteln. Auf Einladung des Vereins „Gutes Klima im Dorf“ trafen am Samstag voriger Woche die Beteiligten zusammen und diskutierten gemeinsam mit über 60 Teilnehmern die Perspektiven und aktuelle Herausforderungen für die Realisierung des Klimazentrums, das allen Interessierten offen stehen soll. Aufbauend auf dem Bürgerbeteiligungsprozess des Verbundprojekts GutKlima hat die Stadt Sehnde zur Umsetzung des Aktionsplans ein 250 Jahre altes Fachwerkhaus im Dorfmittelpunkt von Bolzum gekauft, in dem bereits über Tausend Stunden ehrenamtliche Vorarbeit für die Sanierung geleistet wurde. Der Altbau wird modellhaft energieeffizient saniert und für die neuen Anforderungen um- und ausgebaut. „Die Motivation der Bolzumer und Wehminger ist sehr ausgeprägt und wirklich beeindruckend. Das hat uns als Stadt davon überzeugt, die Realisierung des Klimazentrums nicht nur finanziell zu unterstützen, sondern auch ein echter Treiber des Projekts zu werden“, erläutert Bürgermeister Olaf Kruse. Darüber hinaus konnten Fördermittelgeber vom Bund, vom Land Niedersachsen und der Region Hannover für die Umsetzung des Projekts gewonnen werden. Auch die Energieversorgung Sehne strebt eine Kooperation an.
Die Begeisterung für nachhaltige Projekte in Bolzum hat Geschichte: mit der Eröffnung eines Dorfladens mit angeschlossenem Dorfcafé wurde im Jahr 2015 ein aktiver Treffpunkt und Ausgangspunkt geschaffen. Das Verbundprojekt Gut-Klima wurde möglich und der gemeinnützige Verein "Gutes Klima im Dorf" gegründet. Er setzt sich für ein gutes soziales und ökologisches Klima in Bolzum und Wehmingen ein und zählt trotz widriger Bedingungen in Corona-Zeiten bereits 163 Mitglieder. So bietet der Verein eine Rechtsform für die entstandenen Bürgerprojekte an, möchte aber auch andere Vereine in den Orten unterstützen und Menschen miteinander vernetzen. Deshalb wird auch auf eine Mitgliedsgebühr verzichtet. Der Verein hofft eher auf Spenden für bestimmte Projekte, die den Satzungszielen entsprechen. Mit Auslauf der Gut-Klima-Förderung im kommenden Jahr können der Verein und das Klimazentrum den Bürger-Projekten die Weiterführung ermöglichen. So wird sich im Klimazentrum beispielsweise eine Reparatur- und eine Nähwerkstatt ansiedeln, ein Kleiderkreisel wird Second Hand-Kleidung annehmen und abgeben, ein Coworking-Space ermöglicht gemeinsames Arbeiten ohne lange Wege, eine Dorf-Hochschule mit einem vielfältigen Seminar- und Veranstaltungsangebot wird Wissen vermitteln und erhalten und eine Ausleihstation für E-Roller, E-Fahrräder und E-Lastenräder soll die Begeisterung für neue Mobilitätskonzepte verstärken. Die Umsetzung wird nur mit ganz vielen Menschen funktionieren, die das wirklich wollen, aber „Bolzum entwickelt sich gerade sehr dynamisch. Die Ideen und Gruppen rund um das Klimazentrum bringen Menschen aller Altersgruppen aus unserem Ort neu zusammen“ erklärt Dr. Silke Lesemann, Ortsbürgermeisterin von Bolzum stolz. Eine besondere architektonische Herausforderung Den CO2-Fußabdruck von Bauprojekten möglichst gering zu halten, ist ein wesentliches Puzzleteil der nachhaltigen Stadt- und Dorfentwicklung. „Das Bauen im Bestand ist immer eine ganz besondere Herausforderung! Das Klimazentrum begeisterte uns. Nicht zuletzt, weil wir hier zeigen können, wie man alte Bauten energieeffizient sanieren kann und auf diesem Wege vielleicht auch den Einen oder Anderen davon überzeugen kann, warum es häufig klimafreundlicher ist, zu sanieren als abzureißen“, erklärt die beauftragte Architektin Dagmar Schierholz vom Architekturbüro shh.Architekten. Darüber hinaus sieht sich das Projekt aktuell mit den generellen Herausforderungen der Branche, steigenden Preisen für Baustoffe und Nicht-Verfügbarkeiten der notwendigen Gewerke, konfrontiert. Das hat auch zu Verzögerungen im Projektverlauf geführt und der Notwendigkeit, weitere Fördermittel zu akquirieren. Die Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmer zeigen sich zuversichtlich, dass zumindest Teile des Klimazentrums Ende nächsten Jahres eröffnet werden können. Um dieses Ziel zu erreichen, boten auch am Samstag nach dem offiziellen Teil wieder viele Ehrenamtliche ihre Unterstützung an – von Suppe kochen für Baustellenhelferinnen und -helfern bis Bagger zur Verfügung stellen. Das Projekt bietet einen ambitionierten Blick auf zukünftige Möglichkeiten nachhaltiger Entwicklung ländlicher Räume und hat das Potenzial für eine Blaupause für die Dorfentwicklung. Funktionieren kann dies nur, wenn das Engagement und der Enthusiasmus vieler Menschen anhält, durch noch weitere helfende Hände unterstützt und so die alten Mauern mit Leben gefüllt werden. Deshalb freut sich der Verein sehr über weitere tatkräftige Unterstützung - so der Bericht von Anna Juhrs aus dem Verein "Gutes Klima im Dorf".