„Wehret den Anfängen!“

„Lassen Sie uns sensibel bleiben für unsere Gedanken, Worte und Taten“, sagte Bürgermeister Olaf Kruse in seiner Rede bei der Gedenkfeier zur Progromnacht und zum 70. Geburtstag der Grundrechte. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
„Wir sind anders als Ihr – na und? Das macht das Leben eben bunt“, sangen Selina Berger, Florentine Schön, Paul Böhm, Henri Flohr, Jonas Pomnitz, Romy Staudte, Jessica Besener, Daria Geffert und Frida Pintag von der Grundschule Breite Straße. (Foto: Susanna Veenhuis)

Grundrechte bekräftigt, Gedenkfeier im Rathaus

SEHNDE (sv). „Es gilt damals wie heute: Wehret den Anfängen!“ Mit einer eindringlichen Rede eröffnete Bürgermeister Olaf Kruse die Gedenkfeier der Projektgruppe Stolpersteine. Im Sehnder Ratssaal fand sich kein freier Platz mehr, mehr als 70 Besucher waren der Einladung der Gruppe gefolgt und lauschten interessiert den Vorträgen des Bürgermeisters, der Grundschüler sowie der Konfirmanden und einem Gastredner zum diesjährigen Titel „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, Ausgrenzung gestern und heute“. Gleichzeitig zeigten sie damit Flagge – gegen das Vergessen der Greueltaten in der Nazizeit und gegen die neuen Bedrohungen durch Rassismus, Nationalismus, Populismus, Hass, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit.
Denn darum ging es in den Beiträgen, in denen sich die Vortragenden quasi generationenübergreifend mit der wieder aufbrandenden Gefahr des zunehmenden Rechtsextremismus befassten. Zum sechsten Mal hatte die Sehnder Projektgruppe an diesem Datum zur Gedenkfeier geladen. Das Jubiläum der Grundrechte, die vor 70 Jahren in Kraft traten und die es anzuwenden gilt  und neuerdings auch wieder zu schützen, nahm der Bürgermeister zum Anlass für einen Bericht über die Sehnder Geschichte. Olaf Kruse erwähnte, dass die Erinnerungskultur an die ehemaligen jüdischen Mitbürger ursprünglich dank eines Schulprojekts schon seit den 1990er-Jahren in Sehnde beständig kultiviert wird bis hin zur Gedenkfeier und Ehrung für Gerda Wassermann, geborene Rose, die 1947 in die USA auswanderte, bei ihren persönlichen Besuchen in Sehnde.
„Wir sind anders als Ihr – na und? Das macht das Leben eben bunt!“ Mit diesem Lied brachten die Grundschüler etwas Fröhlichkeit in den ernsten Anlass. Vor 81 Jahren, in der so genannten Pogromnacht am 9. November 1938, überfielen nationalsozialistische Einsatzkräfte jüdische Geschäfte, plünderten und zerstörten sie und zündeten Synagogen an - auch dies war Thema der Schüler.
Mit den bitteren Folgen der Nazi-Diktatur für ihre einstigen Schulkollegen hatten sich die Viertklässler schon anlässlich des Schuljubiläums befasst. Selina Berger, Florentine Schön, Paul Böhm, Henri Flohr, Jonas Pomnitz, Romy Staudte, Jessica Besener, Daria Geffert und Frida Pintag hatten sich zusammen mit ihrer Lehrerin Annika Knauth-Pintag mit den Lebensgeschichten von Gerda und Hans-Georg Rose beschäftigt. Beide hatten seinerzeit die Grundschule Breite Straße besucht, Gerda ging anschließend auf ein Gymnasium in Hannover, das sie aber wegen der Nürnberger Gesetze ohne Abschluss verlassen musste. Am Beispiel des kleinen Hans-Georg, der sowohl von Lehrern als auch seinen Mitschülern massiv ausgegrenzt wurde, bis er die Grundschule verlassen musste, konnten die Kinder den Bezug zu dem Thema Mobbing in aktueller Zeit knüpfen und sich für die Zukunft verabreden. „Es wäre gut, wenn dies auch bei Erwachsenen so problemlos möglich wäre“, sagte Bürgermeister Olaf Kruse.
Eine weitere Altersstufe verkörperten die Konfirmanden der Kirchengemeinde Bolzum/Wehmingen, Ida Radamm, Lase und Tade Fedders und Paul Pintag. Sie hatten anhand einer Comicgeschichte ebenfalls das Thema Mobbing in Szene gesetzt, die einen guten Ausgang nahm.
„Wir erleben gerade die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren, gleichzeitig mit der Diskussion, wie weit öffentliche Meinungsäußerung gehen darf und gehen kann“, erläuterte Elvin Hülser in seinem Vortrag „Verführung und Ausgrenzung durch Sprache“ die Hintergründe für eine Form der Kommunikation, wie sie schon in den 1930er-Jahren gezielt zur Stimmungsmache gegen Minderheiten eingesetzt wurde und von rechten Gruppen neuerdings wieder gegen Andersdenkende und Ausländer angewandt wird. Der Referent für Friedensfragen und Geschäftsführer des Antikriegshauses beschrieb den Populismus als Konzept, das „das Volk“ als eine homogene Einheit betrachte und behaupte, den Willen dieses Volkes zu kennen und durchzusetzen habe. „Das entspricht nicht dem Demokratieverständnis einer pluralistischen Gesellschaft“, sagte Elvin Hülser. Er analysierte die kaskadierende Methodik von falschen Behauptungen, die durch Wiederholen zwar nicht richtig werden, sich aber dennoch immer weiter ins Gedächtnis einschleichen, bis hin zum Anspruch auf die Vertretung des sogenannten Volkswillens. Es gehe immer um das Ganze, Große zum Überleben des Volks, seiner Wirtschaft und seiner Werte. Zusammen mit vereinfachendem Schwarz-Weiß-Denken und einer Victimisierung – der Selbstdarstellung als Opfer von Kritikern, legitimiere dies nach Auffassung der Rechtspopulisten auch Regel- und Rechtsbrüche und führe zur Konstruktion von Feindbildern. „Heute braucht es die Bereitschaft zum mühsamen Engagement für und in der Demokratie für die Würde des Menschen und gegen willkürliche und ideologische Ausgrenzung sowie die leeren Versprechungen populistischer und extremistischer Verführer“, schloss Elvin Hülser sein Referat.
Mit einem Adagio von Albert Becker, einem Lyrischen Tonstück von Gustav Flügel und der Romance von Alexander Baklanov leiteten Anne-Katrin Wolpert am Klavier und Ines Walkling an der Geige musikalisch zu den verschiedenen Beiträgen über.
„Es wäre toll, wenn die Grundschule Breite Straße in Rose-Schule umbenannt würde. Und wenn Gerda Wassermann das noch erleben würde“, sagte Angelika Thomaier von der Projektgruppe Stolpersteine.