Kinder sind im Knast willkommen

Die stellvertretende Anstaltsleiterin Anne Junker, Stefan Klapproth vom Sozialen Dienst (Zweiter von rechts) und Kunstlehrer Nicholas Meeter sind begeistert von den Entwürfen der Sechstklässler der KGS, die Lukas Hermanns (rechts) mit Mitschülern aus dem Kunst-Leistungskurs des elften Jahrgangs jetzt in der JVA praktisch umsetzte. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
„Was ich mit meinem Papa gerne mache“,lautet das Motto der Wandbilds, das die Schüler des Kunst-Leistungskurses der KGS unter der Leitung von Nicholas Meeter noch kurz vor den Ferien mit bunter Acrylfarbe in der Kinderecke im Besuchsraum der JVA gestalteten, wo zukünftig Kinder mit ihren Vätern beim entspannten Spiel Zeit miteinander verbringen können. (Foto: Susanna Veenhuis)

KGS-Schüler gestalten Wandbild für eine Spielecke

SEHNDE (sv). Wenn Papa in der Justizvollzugsanstalt Sehnde (JVA) nächstes Mal Familienbesuchstag hat, können die Kinder ein großes, buntes Wandbild im Besucherraum betrachten. Urlaub am Strand mit Wellen und Palmen, ein Boot, ein Ball, Weihnachten, ein großer Lastwagen mit zwei fröhlich lachenden Personen in der Fahrerkabine und immer wieder Vater und Kind sind die Motive, die sich Schüler der sechsten Klassen der Kooperativen Gesamtschule (KGS) für Bilder zum Thema „Mit Papa etwas unternehmen“ einfallen ließen. Ihre älteren Mitschüler aus dem Kunstkursus des elften Jahrgangs haben die verschiedenen Zeichnungen zu einem Bild zusammengefasst und eine Wand nach diesen Entwürfen in kräftigen Farben bemalt.
„90 Prozent der hier Inhaftierten sind Väter“, erklärte Anne Junker, stellvertretende Anstaltsleiterin. Für Kinder geeignet sei diese Institution nun nicht gerade, sagte sie. „Schließlich haben wir ja einen anderen Auftrag!“ Aber jedes Kind hat das Recht auf seinen Vater. Ein hier Inhaftierter habe in der Regel Anspruch auf vier Stunden Besuch im Monat, zu den Besuchszeiten seien bis zu zehn Kinder zugleich in der Institution zu Gast. „Wir wollen den Aufenthalt hier für sie möglichst angenehm und kindgerecht gestalten“, sagte Stefan Klapproth, Sozialtherapeut und Leiter der Arbeitsgemeinschaft Familienorientierung. Da aber nicht längst alles kindgerecht sei, was Erwachsene dafür halten, habe man sich fachliche Hilfe geholt. „Sozusagen von Experten“, meinte Karsten Rehse, Öffentlichkeitsbeauftragter der JVA, mit einem Augenzwinkern. Vor etwa einem Monat habe man den Wunsch zur kindgerechten Wandgestaltung in die KGS getragen, woraufhin sich einige Sechstklässler an die Arbeit machten.
14 Schüler aus der so genannten Einführungsphase zum Start in die Oberstufe hatten die Sechstklässler-Zeichnungen schließlich auf die Wand übertragen, indem sie ein Raster über das Bild legten und auf der Wand in 50 mal 50 Zentimeter große Quadrate übertrugen. Kunstlehrer und Kursleiter Nicholas Meeter beriet seine Schüler bei diesem Kooperationsprojekt zwischen sechstem und elftem Jahrgang und der JVA zu Technik, Farbart und -auswahl. Da am Aktionstag im Gefängnis nicht alle 14 Schüler gleichzeitig an dem Malprojekt tätig sein konnten, wurde die Gruppe geteilt. Während sieben Schüler mit den Vorzeichnungen loslegten, konnten die anderen auf einer Führung eine Ahnung davon bekommen, wie man sich als JVA-Insasse fühlt. Nach zwei Stunden wurde getauscht.
Den Rundgang erlebten die Schüler als sehr informativ, teilweise als beklemmend, zumal auch eine formale Durchsuchung dazu gehörte. „Wenn man sich so überlegt, dass man ein bis zwei Tage in einer Beruhigungszelle ohne Fenster und in Einzelhaft verbringen müsste ohne Sonnenlicht, ohne Dunkelheit und ständig von Kameras überwacht, da wird einem schon komisch“, sagte Niklas Winter, 17 Jahre alt. Der gleichaltrige Lukas Hermanns versuchte sich an der Ursachenfindung für Straftaten der insgesamt 534 Inhaftierten: „Viele hier meinten vielleicht, keine andere Wahl zu haben, hatten keinen Ausweg mehr gesehen.“
Die Kooperation mit der KGS sei ein Alleinstellungsmerkmal der Sehnder Anstalt, einzigartig in Niedersachsen, erklärte Anne Junker. Es gebe derzeit ein landesweites Rahmenkonzept zur familienfreundlichen Gestaltung der Justizvollzugsanatalten, das Spielraum für individuelle Ideen lasse. Schon fünf Jahre zuvor hatten KGS und JVA eine Kooperation geschlossen und beispielsweise für Schüler der Werte- und Normen-Kurse während Projektwochen zum Thema Recht und Gerechtigkeit in der Oberstufe Gespräche mit Inhaftierten ermöglicht, berichtet Lehrerin und Koordinatorin Ann-Kathrin Lossow.
Kindgerechte Möbel, ein Spielteppich und Spielzeug sowie Malsachen sollen schließlich die Spielecke komplettieren. Probleme, die noch etwas kindlichen Entwürfe ihrer jüngeren Schulkameraden umzusetzen, hätten sie nicht gehabt, erklären Niklas und Lukas stellvertretend für die anderen Projektteilnehmer. „Im Gegenteil! Die Kids haben das sehr ernst genommen, die Zeichnungen sind authetisch“, meinte Lukas. „Wir haben ein ganz anderes Level, einen anderen Anspruch und hätten das mit Sicherheit nicht so kindgerecht hinbekommen!“