Ilten zeigt sich zum 775-Jahre-Jubiläum stolz und weltoffen . . .

In der bunten Ballkleidung des 19. Jahrhunderts forderte das Hannoversche Traditionscorps (vorn der Vorsitzende in der Rittmeisteruniform des hannoverschen Königs Ernst-August) die Ehrengäste des Jubiläumsballes "775 Jahre Ilten" in der ausverkauften Aula der Wilhelm-Raabe-Grundschule zum "Kaiserwalzer" auf. (Foto: Walter Klinger)
 
Die ersten zehn Platzierten des Iltener Jubiläumsschießens (deren Abstände mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen sind) riefen Schützenchef Carsten Elges (links) und Schießsportleiter Walter Engling (vorn, 2.v.re.) auf. Die von Martin Prezetak gemalte Scheibe (leider seine letzte) holte die junge Lisa Wegener und überrundete dabei auch ihre Mutter Anke Wegner (re. neben der Scheibe), die amtierende Iltener Schützenkönigin. (Foto: Walter Klinger)
 
Ortsbürgermeisterin Gisela Neuse mit einigen der heute noch in der Region lebenden Mitgliedern der Familie von Ilten (verkauften 1824 ihr letztes Grundstück hier) am Tisch der Ehrengäste. (Foto: Walter Klinger)
 
Geblieben in 775 Jahren Ilten ist auch die Tatkraft der Iltener. In atemberaubender behender Anmut gaben die Kunstkraftakrobatinnen des MTV Ilten dafür bei zwei Auftritten ein eindrückliches Zeugnis. (Foto: Walter Klinger)
Sehnde: Wilhelm-Raabe-Schule Ilten |

Bunter Spannungsbogen von den Franken bis zur Popsängerin

ILTEN (kl). Einen ganz weiten Bogen durch die Orts- (und es wäre nicht dieser Ort, würde nicht auch ein wenig die Weltgeschichte durchscheinen) spannten beim Festball "775 Jahre Ilten" der Ortsrat und die Vereine in der Arbeitsgemeinschaft "Iltener Heimattage".
Von den ersten fränkischen Siedlern (noch mehr als 200 Jahre vor der Urkunde, die das Ortsjubiläum begründet), über ganz viele Erinnerungen und erhaltenes Brauchtum wie das Ausschießen der Jubiläumsscheibe bis hin zur modernen Popmusik und zur aktuellen Ilten-Hymne in Gothic-Rock reichte das bunte Programm der Jubiläumsfeier.
So etwas ist kein leichtes Unterfangen: "Wenn das Fest nur halb so aufregend wie die Zeit der Vorbereitung wird, wird es sehr aufregend heute Abend", verriet zusammen mit dem Dank an zahlreiche Sponsoren zu Beginn die Ortsbürgermeisterin Gisela Neuse.
Aber dann klappte, trotz aller Gegensätze der traditionellen und modernen Zutaten zum Festprogramm, doch alles wie am Schnürchen. Dass zum Beispiel die Sportakrobatinnen des MTV Ilten ihre atemberaubende Behendigkeit nur Zentimeter von den Gästetischen entfernt bewiesen. Oder dass es der Orts-DJ Volker Pietsch routiniert schaffte, den Sound der bereits überregional bekannten Popsängerin Laura Diederich und ihrer Band direkt von der Bühne auszusteuern, obwohl so etwas kaum möglich ist.
In Ilten ist so einiges möglich. Das liegt auch am 1863 gegründeten Klinikum Wahrendorff, dessen Retter in den finanziell schwierigen 90er Jahren, Dr. Matthias Wilkening, der Ortsbürgermeisterin am Jubiläumsabend Grüße im Namen auch der heute 1.000 Mitarbeiter überbrachte.
Dass Ilten anders (sprich: weltoffener) ist als andere niedersächsische Ortschaften vergleichbarer Größe, begründete als Laudator des Abends kenntnisreich passenderweise denn auch ein nicht hier gebürtiger Ortsansässiger ("Ich bin von Geburt kein Iltener; höchstens bin ich ein Vierteljahrhundert Iltener").
Doch Pastor Johann Christophers war schon bei der Anfrage der Organisatoren "gleich im zweiten Moment dann auch deutlich: das hat auch etwas Reizvolles; zumal dieser Ort ja eine ganz bunte Bevölkerung hat, von denen die wenigsten aus einer Familie stammen, die schon über Generationen in Ilten lebt".
Und kündigte für seinen unterhaltsamen geschichtlichen Vortrag an: "Wir
werden sehen: Ilten ist von Anfang an durch dieses Kommen und Gehen geprägt".
Diese offene Mentalität zeigte sich auch darin, dass das historische Gebiet des "Großen Freien" mit Ilten als Mittelpunkt am Jubiläumsabend um ganz Hannover (eigentlich nur Anderten) erweitert wurde, damit sich das Hannoversche Traditionscorps im Festtagsstaat des 19. Jahrhunderts zeigen konnte. Und weil die Freien damals ihr Recht auf Bierbrauen nicht öffentlich nutzten, wurde vom Schützenverein Ilten gleich auch das Jubiläumsbier beim Hannöverschen Brauhaus bestellt, dessen Juniorchef Phillipp Aulich jetzt jauch ein Sehnder geworden ist.

Die Steine im Kirchturm erzählten Jubiläums-Ortsgeschichte . . .

Pastor Johann Chistophers als Laudator begeistert "seine" Iltener

Nahezu gefesselt (in der Aufmerksamkeit) hat Pastor Johann Christophers "seine" Iltener bei der Laudation auf "775 Jahre Ilten" in der zum Jubiläumsball ausverkauften Aula der Wilhelm-Raabe-Schule. Mit einem Kunstgriff entführte der Gemeindepastor sein Publikum auf eine "Traumreise" durch die Jahrhunderte: Das älteste Gebäude des Ortes gab sich die Ehre und seine Steine erzählten von dem, was
sie erlebt haben . . .
"Es ist eine Freud- und Leidgeschichte von Frauen und Männern, Knechten und Mägden, Herren und Untergebenen. DAS sei vorweg gesagt, ehrwürdige Festversammlung: ihr allhier feiert heute ein Jubiläum und keinen Geburtstag. Allein ich, das älteste Gebäude Iltens, ich euer Kirchturm, bin über 100 Jahre, wenn nicht sogar 200 Jahre älter als das Dokument, das Grund für eure Feier heute ist.
Ein Kaufvertrag aus dem Jahre 1240 unter dem Herzog Otto von Braunschweig. Drei Hufe, also drei Hofstellen, von dem vornehmen Conrad von Dorstad - ich meine mich zu erinnern, dass die Hofstellen je um die 30 Morgen betrugen - hatte dieser verkauft.
Ich habe zwar mein Geburtsdatum vergessen, aber das weiß ich noch genau, damals baute man mich auf einen kleinen Hügel in Ilten, auf einem Hillen.
Merkt ihr was? An diesen Hügel erinnert der Name unseres Dorfes: Ilten, Hilten, Hillen, Hügel. Heute könnt ihr doch alle Englisch: the hill - der Berg. Il - der Hügel. Und ten kommt von tun, und tun ist der Zaun. Ilten - ein umzäunter Hügel.
Oder sollte der Name unseres Ortes einen ganz anderen Ursprung haben? Mitgebracht von den fränkischen Siedlern aus dem Westen? Da gibt es ein Elten am Rhein und ein Hilden bei Düsseldorf. Wie dem auch sei, und was ihr auch glaubt, allein ich stehe auf einem Hügel - bis heute.
Wisst ihr: In meinem Gemäuer gibts einige Steine, die können sich noch daran erinnern, wie alles begann. Es waren unruhige Zeiten. Es gab in dieser Gegend Sachsens genug Bauern, aber mit dem Kriegshandwerk war es nicht soweit her. Unten in meiner Gründung da ist ein Stein, der hat mir - ich glaube bereits vor 799
Jahren verraten, dass der Kaiser Karl der Große dafür gesorgt hat, dass hier fränkische Siedler her kamen; denn die wussten, wie man in eine Schlacht zieht. Die hatten ja das Kriegshandwerk gelernt.
Und nun waren sie hier im Sachsenland angesiedelt; angesiedelt im einstigen Feindesland. Und auf der anderen Seite bei mir im Turm - auch ganz weit unten, raunte noch in der letzten Woche ein kleiner Stein mir zu: Und diese fränkischen Siedler, sie sind der Ursprung des Großen Freien.
Sie bekamen das Land, gaben den Königszins und vor allem standen sie Gewähr bei Fuss, um das große Reich des Kaisers Karl und seiner Könige gen Norden und Osten zu verteidigen. Aber, liebe Festversammlung, damit ihr nun nicht in eine düstere und
kriegerische Stimmung des Mittelalters versinkt, muss ich euch auch daran erinnern: Diese fränkischen Siedler, sie waren seit Jahrhunderten Christenmenschen, und sie sorgten dafür, dass dieser Glaube nun auch im Sachsenlande nicht mehr untergehen sollte.
. . .
Ach, und nun könnte ich so richtig ins Schwärmen geraten, waren das doch glückliche Zeiten. Da gab es in jenen Zeiten diese zu Reichtum gekommene Familie. Unseren Ortsnamen trug sie mittlerweile als ihren Familiennamen. Es waren derer von Ilten.
Diese Familie war nicht nur zu Reichtum gekommen, sondern sie hatte auch ein ganz großes Herz. Großzügig stellten sie das Land zur Verfügung, auf dem ich erbaut wurde. Und sie sorgten für meinen Bau und für den Bau der kleinen Kirche. Nicht nur sie, sondern alle in unserem Ort halfen mit. Ja, sehr gottesfürchtig waren die Iltener. Allerdings - auch das sei gesagt - so groß wie heute war ich zu Beginn noch nicht, aber schon ziemlich imposant. Und das Kirchenschiff in jener Zeit war auch noch etwas kleiner als heute. Eure jetzige Kirche ist ja noch ziemlich jung. Geradezu ein Küken im Vergleich zu mir. Erst 1723 fertig gestellt.
Die Tage hat mir die Kirchturmspitze - auch so ein Küken - zugeraunt: erzähl den Leuten am Sonnabend bloß nicht aus der ellenlangen Geschichte unseres Ortes. Du musst nichts von dem Großen Freien erzählen - von den Freien vor dem Nordwalde, nicht von den Tagen des echten Dings, wo drei Mal im Jahr das Recht gesprochen wurde - und der Platz am Thie noch dran erinnert.
Und auch nicht davon, dass allmählich die Rechte der Freien immer mehr beschnitten; dass das Scheibenschießen ihnen aber nicht genommen wurde".

In 775 Jahren Ilten: "Ganz viele Menschen haben hier ihr Herz auf dem rechten Fleck"

Aus der Laudatio von Gemeindepastor Johann Christophers auf ein stolzes, weltoffenes Dorf

Die Erinnerung an die Zeit des Großen Freien mit langjährigem Amtssitz in Ilten, ist - wie Pastor Johann Christophers in seiner Laudatio beim Jubiläumsball „775 Jahre
Ilten“ erinnerte, ja noch aufbewahrt im Schützenwesen des Großen Freien.
Der Pastor ließ auch dazu die Steine des Kirchturms, des ältesten Gebäudes des Dorfes zu Wort kommen: „Ich als deine Spitze sage dir, all das wissen sie. Allein schon dadurch, dass es die Jubiläumsscheibe 775 Jahre Ilten gibt. Und das Bier,
ergänzte ein Stein aus der zugemauerten Schallluke. Ja, irgendwie hat die Kirchturmspitze da recht. Sie hat in unserm Ort ja auch den größten Überblick.
Nichts davon will ich auch davon erzählen, dass mehr oder weniger ich im Mittelpunkt
stand - zusammen mit der Kirchstraße und dem Nordende. Eben zu jenen Zeiten derer
von Ilten.
Nein, ich will nichts davon erzählen, wie es über die Jahrhunderte weiter ging; auch
nicht von den unterschiedlichen Kriegen, die so sehr bedrängten. Besonders der Dreißigjährige. In jenem langen Krieg hatte man es ziemlich auf mich abgesehen. Ganz durchlöchert wurde meine noch so junge Turmspitze; und die Glocken haben sie so ramponiert, dass die große Glocke alsbald zerbrach und im Pfarrgarten noch einmal neu gegossen wurde.
Aber davon muss ich nun doch berichten, weil die Hitze mir noch heute in den Knochen, ich meine in den Steinen sitzt. Es war 7 Jahre nach dem dreißigjährigen
Krieg. Noch nie war ein König oder Herzog bei uns zu Besuch. Nun wollte im Jahre 1655 endlich einer den Amtssitz Ilten besuchen - der Herzog Christian Ludwig von
Braunschweig-Lüneburg.
Durch meine Schallluken konnte ich es damals hören: das war kein guter Ruf, der ihn vorauslief: er sei ziemlich vergnügungssüchtig und dem Gesöff ergeben. Wie dem auch sei. Die Iltener wollten ihn würdig empfangen. Auf der Vogtei und dem Salhof
hatte der Amtsvoigt Ernst Fischer veranlasst, dass alles aufs Feinste vorzubereiten sei.
Und dann geschieht es. Ich sehe es noch wie heute: Feuer bricht aus. Und die Flammen breiten sich in Windeseile aus. Schließlich fallen 53 Gebäude in Schutt und Asche. Weil Westwind herrscht bin ich verschont geblieben.
Dem Herzog, der dem Gesöff so ergeben war, ist diese Katastrophe dann aber doch zu Herzen gegangen. Er half uns sogleich mit Geld, mit Steuererlass, mit öffentlicher
Sammlung, mit Bauholz und mit Saatkorn aus der Lehrter Zehntscheune.
Es hat übrigens gar nicht lange gedauert, da war alles im Dorf wieder aufgebaut. Mit
Herzblut und großer Energie gingen die Leute zu Werke.
Durch die Jahrhunderte hindurch habe ich das nun in unserem Ort beobachtet. Ganz
viele Menschen haben hier ihr Herz auf dem rechten Fleck. Ich glaube ja, dass das damit zusammenhängt, weil unser Ort durch all die Jahrhunderte vom Zuzug geprägt wurde.
Das fing bei den Franken unter Karl dem Großen an und hat sich so fort gesetzt. Auch
derer von Ilten sind einst hier her gekommen, dann allerdings auch weiter gezogen.
Ich muss euch sagen: ich habe mich darüber gefreut, dass in jüngster Zeit das so weiter gegangen ist. Die Neubaugebiete seit den Neunziger Jahren. Die vielen jungen Menschen die zu uns gekommen sind. Und vor 70 Jahren die vielen, vielen Flüchtlinge. Wie gut, dass dieser Ort so gewachsen ist und bunt geworden.“