„Die Welt wird morgen eine Andere sein!“

Auf der Bühne im Gutshof Rethmar: Nick Lin-Hi, Professor an der Universität Vechta, konfrontiert die Landwirte mit radikalen Zukunftsvisionen und bekommt dafür viel Applaus. (Foto: Wiebke Molsen)
 
Karl-Heinz Krudewig wirbt für die Digitalisierung auf dem Acker. (Foto: Wiebke Molsen)

Volksbank engagiert hochkarätige Redner

RETHMAR (wim). In 20 Jahren werden junge Menschen keinen Führerschein mehr machen, weil Autos autonom fahren. Ein Implantat in der Hand wird das Schlüsselbund, den Personalausweis und die Kreditkarte ersetzen. In der Medizin werden Computer mittels künstlicher Intelligenz die Diagnose übernehmen und das Fleisch auf dem Grill wird entweder auf Pflanzenbasis hergestellt oder aus dem Reagenzglas stammen. Diese Zukunftsvisionen vertrat Nick Lin-Hi, Professor für Wirtschaft und Ethik an der Universität Vechta, bei der Informationsveranstaltung der Volksbank Hildesheim-Lehrte-Pattensen im Gutshof in Rethmar. Unter dem Motto „Landwirtschaft morgen – Zukunft 2030“ hatte die Volksbank Landwirte dazu eingeladen. „Ich kann mir zwar nicht vorstellen, kein Fleisch mehr zu essen, aber vor zehn Jahren konnte ich mir auch nicht vorstellen, nicht mehr zu rauchen“, sagte Volker Böckmann, Vorstand der Volksbank Hildesheim-Lehrte-Pattensen. Er war begeistert von der großen Resonanz, bei der ersten gemeinsamen Veranstaltung dieser Art für die drei Standorte.
„Wenn sie glauben, die Welt sieht morgen noch genauso aus wie heute, dann haben sie morgen keinen Betrieb mehr!“ – mit dieser provokanten Aussage eröffnete der Professor, der in Hildesheim sein Abitur abgelegt hat, seinen Vortrag und fesselte die Zuhörer von der ersten Sekunde an. Die Bemühungen der Landwirte nach mehr Transparenz, Tierwohl und Treibhausgasminderung seien nutzlos, denn der Verbraucher würde sich ohnehin nur für den Preis interessieren. „Und so wie das ganze Spiel funktioniert, wird der Verbraucher sich nicht ändern“, ist Nick Lin-Hi sich sicher. Die Welt der Landwirte werde sich aber sehr wohl ändern. Denn Fleischersatzprodukte sind schon heute die Konkurrenten der klassischen Landwirtschaft. „Beyond Meat hat den erfolgreichsten Börsengang der vergangenen 20 Jahre hingelegt“, nannte Nick Lin-Hi ein Beispiel. Das Unternehmen stellt in den USA vegane Burger her.
Den bevorstehenden radikalen Technologiesprung verglich Nick Lin-Hi mit der Entdeckung des Feuers für die Menschheit. „Leider kommen Innovationen selten von Leuten, die sich auskennen, sondern meist von außen“, sagte er und zog den Vergleich mit dem Elektroautohersteller Tesla, der den Markt gedreht habe und an renommierten Marken wie VW vorbeigezogen sei. Heute ist Tesla mehr wert als VW. Kaum einer der anwesenden Schüler erinnerte sich zudem noch an den Mobiltelefonhersteller Nokia, der 2007 noch Weltmarktführer war und nach nur acht Jahren keine Rolle mehr spielte. „Dieser Wandel wird in Zukunft noch schneller gehen“, befürchtet Nick Lin-Hi. Gerade im Lebensmittelbereich sehen Afrika und China die meisten Vorteile des Fortschritts und machen Druck. Denn die Fleischersatzprodukte der Zukunft werden dem herkömmlichen Fleisch überlegen sein. „Sie schmecken wie Fleisch, sind gesünder, nachhaltiger und billiger“, sagte der Professor. Sogar die Welternährung bekomme man so in den Griff, glaubt er. Denn der Bioreaktor für das In-Vitro-Fleisch könne auch in Gegenden stehen, in denen durch den Klimawandel keine herkömmliche Landwirtschaft mehr möglich sei. Außerdem könnte China sich damit unabhängig von Importen machen.
„Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann“, zitiert der Wissenschaftler den Evolutionsforscher Charles Darwin. Und diese Empfehlung gab Nick Lin-Hi auch den Landwirten mit. „Diese Entwicklung ist die größte Chance des Jahrhunderts für sie!“, sagte er und ergänzte: „Landwirt sind sie auch noch, wenn sie Einzeller züchten oder Nährmedien für Fleisch aus dem Reagenzglas liefern!“ Er hofft, dass diese neuen Technologien nach Deutschland kommen und die Landwirte damit ihre Zukunft sichern können. Und die Landwirte reagierten nach dem ersten Schock begeistert. So, als ob sie erleichtert wären, dass ihnen endlich mal jemand eine Vision für die Zukunft gezeigt hat.
Um die nähere Zukunft der landwirtschaftlichen Höfe drehte sich der Vortrag von Karl-Heinz Krudewig, der das Unternehmen "365 FarmNet" vorstellte. Es bietet den Bauern an, ihre Betriebszweige mittels digitalem Hofmanagement zu vernetzen und damit den Bürokratieaufwand zu verringern. „Die Software ist heutzutage genauso wichtig, wie die Wasserpumpe im Schlepper“, machte er deutlich und nannte den Trecker eine Businessmaschine, mit der unter anderem die punktgenaue Düngung und die frühzeitige Erkennung von Blattkrankheiten möglich sind. „In Zukunft stelle sich die Spritze automatisch ab, sobald sie in die Nähe eines Grabens kommt“, erläuterte er. Zudem sei die künstliche Intelligenz für die Transparenz und Rückverfolgbarkeit der Lebensmittel wichtig. Alle Arbeitsschritte auf dem Feld könnten im Internet nachverfolgt werden, wenn die Landwirte diese zum Beispiel auf ihrer Homepage veröffentlichen: „So kann man Vertrauen schaffen.“