„Der Mensch braucht nur einen, der an ihn glaubt"

Der Kriminologe Christian Pfeiffer zitierte in seinem Vortrag die Friedens-Preisträgerin des Deutschen Buchhandels 1978, Astrid Lindgren, die damals gebeten worden war, ihre Rede des brisanten Inhalts wegen lieber nicht zu halten: „Niemals Gewalt gegen Kinder!“ (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Zum Mutmachen für die Gefangenen las der Drogerie-Unternehmer Dirk Rossmann aus seinem Buch „…und dann bin ich auf den Baum geklettert!“ über Höhen und Tiefen in seinem Leben in der JVA Sehnde. (Foto: Susanna Veenhuis)

Lesung hinter Gittern: Unternehmer Dirk Roßmann und Kriminologe Christian Pfeiffer zu Gast in der JVA Sehnde

SEHNDE-LEHRTE (sv). Hoher Besuch begab sich jetzt hinter die gut gesicherten Pforten der Justizvollzugsanstalt Sehnde: Unternehmer Dirk Roßmann und sein langjähriger Freund und Skatpartner Christian Pfeiffer, Professor für Kriminalistik und ehemaliger niedersächsischer Justizminister, gaben sich dort mit rund 40 Gefangenen ein Stelldichein. Der Drogerie-Unternehmer, einer der reichsten Männer Deutschlands, las aus seinem Buch „…und dann bin ich auf den Baum geklettert!“ Passagen aus seiner Biografie, die bei weitem nicht immer so glanzvoll war, wie sein heutiger Erfolg vermuten lässt. Der Kriminologe Pfeiffer belegte anhand einiger Beispiele und Forschungsergebnisse, dass Respekt, Vertrauen und Liebe im Umgang mit Straffälligen eine weit geringere Rückfallquote bewirken erzeugen als Härte und Ablehnung.
„Ich bin nicht der, der sagt, man müsste mal… Ich bin für Aktivität!“ Tausendsassa Dirk Roßmann hatte viel zu berichten: Von seinen Anfängen als Begründer der Selbstbedienungs-Drogerie über den großen Crash 1996, als er mit Krediten von 20 Banken Filialen eröffnet und sich an der Börse verspekuliert hatte. „Ich wusste nicht mehr, wovon ich die Angestellten am Monatsende bezahlen sollte, und habe auch noch einen Herzinfarkt erlitten!“ Doch da habe die Familie zusammengestanden und die Krise gemeistert. Auch von seiner Schmuggelaktion von 20000 Spiegel-Heften 1990 in die DDR, um den neofaschistischen Umtrieben etwas entgegen zu setzen, erzählte er. Seinen selbst organisierten Hilfskonvoi für die Ärmsten der Armen in der zerfallenden Sowjetunion 1991, die alten Menschen in Heimen, die Hunger litten und froren, ließ er ebenfalls nicht aus. Mit 19 Sattelschleppern ging es damals im Winter Richtung Moskau, und nach harten Verhandlungen mit staatlichen Stellen, die sich plötzlich an vorher getroffene Vereinbarungen nicht halten wollten, konnten Roßmann und seine Mitstreiter schließlich die Hilfsgüter tatsächlich denjenigen übergeben, die sie am nötigsten hatten. Dabei hatte der Unternehmer auch so manche beeindruckende Begegnung wie zum Beispiel mit den siamesischen Zwillingen Mascha und Dascha Kriwoschljapowa. Seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit anderen mündeten in seiner Botschaft an die Häftlinge: niemals aufgeben! „In den letzten 20 Jahren hatte ich ein gutes Leben, bin aber ein bisschen traurig. Ich kann zwar noch jeden Morgen Tennis spielen, aber auch das ist endlich. Einige Nahestehende habe ich schon zu Grabe tragen müssen“, sagte der 74-Jährige.
Einer, der ihm seit einem gemeinsamen Auftritt in einer Talkshow nahesteht, ist der Kriminologe Christian Pfeiffer. Zusammen mit ihm hatte Roßmann seine erste Lesung hinter Gittern mit der Sehnder Anstaltsleiterin Christine Weichert-Pleuger vereinbart. Der Kriminologe wollte sich nicht auf Zitate aus seinem neuen Buch „Gegen die Gewalt. Warum Liebe und Gerechtigkeit unsere besten Waffen sind“ beschränken. Stattdessen berichtete er anhand zahlreicher Beispiele, warum die Zahlen von Straftaten bei Mord, Schusswaffengebrauch und Körperverletzung in den vergangenen Jahren insgesamt stark zurückgegangen seien. „Bei Umfragen äußern die Befragten das Gegenteil“, erklärte Pfeiffer zum subjektiven Empfinden, das durch intensive Medienberichterstattung beeinflusst wird. Aber auch die Jugendgewalt sei stark rückläufig. Pfeiffer führte dies auf die allgemeine Abschaffung und Ächtung der Prügelstrafe zurück, wie sie bis in die 1960er-Jahre hinein noch als probates Erziehungsmittel galt. „Damit meine ich nicht die oft noch übliche Ohrfeige oder den Klaps auf den Po“, sagte Pfeiffer, der auch dies ablehnte. Umfragen unter Strafgefangenen hatten ergeben, dass sie im Vergleich zu ihren Altersgenossen in der Kindheit wesentlich mehr geprügelt und auch anderweitig misshandelt worden waren. Besonders gefürchtet seien Sexualmorde. „Man wird nicht zum Sexualmörder geboren“, sagte Pfeiffer und führte das Beispiel des Kindermörders Jürgen Bartsch an, dessen Kindheit von Lieblosigkeit, Ablehnung, Gewalt und Missbrauch geprägt war. Auch viele Gefangene hätten als Kinder unter ähnlichen Bedingungen in ihrer Familie gelitten. „Wenn es dann nur einen einzigen Menschen gibt, der an einen Straffälligen glaubt und ihn trotz seines Fehlverhaltens akzeptiert und ermutigt, dann hat der Betroffene alle Chancen, es zu schaffen, und der andere muss nicht mal zur Familie gehören“, erklärte Pfeiffer und zitierte den Rechtsphilosophen und einstigen Justizminister der Weimarer Republik, Gustav Radbruch: „Wenn Du Menschen verbessern willst, dann behandle sie so, als seien sie schon besser!“
Leider hat diese Empfehlung auch nach hundert Jahren noch nicht Eingang in die deutsche Rechtsprechung gefunden, wie einige Gefangene hinterher im Dialog mit den prominenten Lesegästen beklagten. Neben der Verurteilung für ihre Straftaten, die sie akzeptierten, folgten in der Praxis immer weitere Sanktionen, vor allem in finanzieller Form, die einen Neustart nach Beendigung der Haftzeit deutlich erschweren. Einem Gefangenen, der seine Haftstrafe zur Ausbildung als Logistiker nutzte, sagte Roßmann: „Schicken Sie mir eine Email, wenn Sie hier fertig sind. Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann!“