Besuch der psychiatrischen Abteilung

Die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza (Zweite von links), im Gespräch mit Anstaltsleiterin Regina Weichert-Pleuger, stattete zusammen mit den Landtagsabgeordneten Silke Lesemann und Rainer Fredermann der JVA Sehnde einen Besuch ab. (Foto: Susanna Veenhuis)

Ministerin Barbara Havliza informiert sich in der JVA

SEHNDE (sv). Schon zum dritten Mal stattete die Ministerin der Justizvollzugsanstalt Sehnde (JVA) einen Besuch ab, um sich selber ein Bild über Haftbedingungen und Zustand der Einrichtung machen zu können. Die „besonderen Fälle“ waren es diesmal, auf die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza ihr Augenmerk legte. Die Landtagsabgeordneten Silke Lesemann (SPD) und Rainer Fredermann (CDU) begleiteten sie und informierten sich so ebenfalls über den aktuellen Stand, aufgrund dessen sich mögliche neue politische Perspektiven für die Unterbringung von Häftlingen entwickeln lassen.
Anstaltsleiterin Regina Weichert-Pleuger besuchte mit den Politikvertretern diesmal die psychiatrische Abteilung, in der psychisch auffällige Gefangene untergebracht sind. Therapie ist unbedingter Bestandteil dieser Abteilung mit elf Plätzen, die eine fest angestellte Psychiaterin leitet und in der auch Inhaftierte aus anderen JVA aufgenommen werden.
Die Zahl Kranker steige stetig, die Gründe seien multikausal. Psychische Erkrankungen durch Alkohol- und Drogenabhängigkeit, aber auch ohne vorherige Suchtkarriere nehmen drastisch zu wie überall, bestätigte Havliza. Damit einher gehe der eklatante Ärztemangel, der vor allem Haftanstalten betreffe. „Die Arbeitsbedingungen sind hier eben ganz anders“, nannte Barbara Havliza einen der Gründe. Auch einen Allgemeinmediziner gibt es in der JVA Sehnde. Abhängige Gefangene machen als erstes einen therapeutsch begleiteten Entzug und werden, falls erforderlich, auch substituiert.
Bestmögliche Therapie-Maßnahmen wie Gesprächskreise, eine Kochgruppe und andere Angebote gibt es für die Bewohner der psychiatrischen Abteilung. Für manche Häftlinge sei der Aufenthalt dort nur zeitweise erforderlich, beispielsweise in einer akuten Krisensituation durch schlechte Nachrichten von der Familie. Andere wiederum seien dort während der gesamten Haftdauer untergebracht. Die Entscheidung zur Unterbringung im Maßregelvollzug oder in Sehnde obliege den Richtern, die ihr Urteil nach einem psychiatrischen Gutachten fällen. „Wenn hier in Sehnde therapeutisch Grenzen erreicht werden, geht es in andere Fachkliniken“, sagte Barbara Havliza.
Der psychiatrische Bereich sei clean, sagte Regina Weichert-Pleuger zum Thema Drogen. Trotz gründlicher Kontrollen sei dies im allgemeinen Vollzug nicht der Fall, wussten Leiterin und Ministerin. Problematisch seien die synthetischen Drogen, die auch der bestens trainierte Drogenhund nicht erschnüffeln könne und die beispielsweise in Form von imprägniertem Briefpapier in die Anstalt gelangten. „Da hinken wir technisch hinterher“, gab die Ministerin zu.
Auch den Bereich der „besonderen Fälle“ nahm das Gremium in Augenschein. Besonders intensiv gesichert in Einzelhaft sind Täter in dieser Sicherheitsstation untergebracht, die sich jeglichem Zugang entziehen oder aggressiv gegen Mithäftlinge, Personal oder sich selber sind – meist stark Drogenabhängige, erklärte die Öffentlichkeitsbeauftragte Marianne Schmidt. „Sie sind physisch und psychisch am Ende und nicht mehr in der Lage, sich gesellschaftlich adäquat zu verhalten“, sagte Marianne Schmidt. 20 Plätze halte das Gefängnis für diesen Personenkreis vor, zwölf davon sind derzeit belegt.
Die JVA bietet ihren Inhaftierten auch Chancen für eine Zukunft auf der Basis einer schulischen oder beruflichen Ausbildung. Auch diesen Teil der Haftanstalt hat die Ministerin besucht. „Ich habe dort höchst motivierte Lehrkräfte angetroffen, die den Gefangenen wichtige Dinge für ihr zukünftiges Leben beibringen“, sagte Barbara Havliza. Es gebe Deutsch-Kurse, computergestützte Unterrichtseinheiten in Mathe, EDV, Physik, und es können Schulabschlüsse erworben werden. Es gibt auch Lese- und Schreiblernkurse für Analphabeten. 40 Gefangene nehmen derzeit an Weiterbildungen im schulischen Bereich teil. Andere Insassen qualifizierten sich in der Tischlerei, der Schlosserei, Gebäudereinigung, Logistik oder als Koch.
Der Mangel an Haftplätzen sei ein weiteres Problem, sagte Regina Weichert-Pleuger. So teilten sich im Normalvollzug schon Gefangene zu zweit Einzel-Zellen. Insgesamt 529 Inhaftierte sind zur Zeit in der JVA untergebracht. Man stehe mit dem Ministerium und mit anderen Anstalten stets in regem Austausch, erklärte die Leiterin. „Aber bei einem Besuch kann man bestimmte Dinge eben auch mal deutlich zeigen“, sagte sie. Ihre Chefin zeigte sich angetan von der guten Arbeit, die in der Anstalt von den insgesamt 330 Voll- und Teizeitkräften in allen Bereichen geleistet werde.