Zwei Apfelbäumchen für einen Hundertjährigen

Einen jungen Apfelbaum einer alten Sorte, eine Goldparmäne, bekam der Vorsitzende des Kleingartenvereins Ahlten, Stefan Gödke (links), von Pastor Henning Runne (rechts) Diakon Werner Mellentin (hinter dem Bäumchen) und dem Ahltener Kirchenvorstandsvorsitzenden Wolfgang Rottwinkel zum 100. Geburtstag des Vereins überreicht. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Alena Kern (7) aus Braunschweig weiß mit dem Akkuschrauber umzugehen und schraubte mit Hilfe von Tischler Alexander Peter ein Vogelhaus zusammen. (Foto: Susanna Veenhuis)

Kleingartenverein Ahlten feierte ein großes Fest zum Jubiläum

AHLTEN (sv). „Und wüsste ich, dass morgen die Erde unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!“ Diesem Luther-Zitat folgte auch sogleich ein junges Bäumchen einer alten Sorte: Eine Goldparmäne übergab Pastor Henning Runne im Namen der Kirchengemeinden an den Vorsitzenden des Kleingartenvereins Ahlten, Stefan Gödke. Wenn auch die zeitlichen Zusammenhänge nicht passen, so konnte der Verein doch sozusagen bei Kaiserwetter sein hundertjähriges Bestehen feiern. Freilich hatte Kaiser Wilhelm II. Ende 1919 gerade abgedankt; mit Jahresbeginn 1919 gründeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die KPD und wurden zwei Wochen später ermordet. Der Spartakusaufstand wurde niedergeschlagen und die Weimarer Republik mit Friedrich Ebert als Reichspräsident entstand. Der erste Weltkrieg hatte schlimme Folgen für die involvierten Nationen. In diesen unsicheren, wirren Zeiten gründeten Richard Bensch, Ernst Bertram, Fritz Buchholz, Adolf Dräger, Georg Fischer und Wilhelm Sonntag die Pächtervereinigung und pachteten 14 Morgen Land, das entspricht etwa 3,5 Hektar. Seinerzeit diente ein Kleingarten in erster Linie zur preiswerten Versorgung der Familie mit Kartoffeln, frischem Obst und Gemüse. Der Erholungseffekt, wie er heute im Vordergrund steht, spielte seinerzeit kaum eine Rolle.
Erst 1926 erhielt der Klub seinen heutigen Namen und trat dem Landesverband der Kleingärtner bei. 1935 schloss er sich dem Reichsbund der Kleingärtner und Kleinsiedler an, musste aber drei Jahre später wegen Zahlungsschwierigkeiten wieder austreten. 1939 fand der erste Fachvortragsabend statt mit dem Thema „Bekämpfung von Erdratten und anderen Schädlingen“.
1945 treffen sich die Gartenfreunde zu einer Gemeinschaftsarbeit: Sie wollen zusammen die Bombentrichter zuwerfen. Die Nachkriegszeit ist hart: 1946 stellen 249 Personen einen Aufnahmeantrag. Das Interesse an den fruchtbaren Parzellen bleibt ungebrochen, zur Jahreshauptversammlung erscheinen 200 Mitglieder. Viele haben Gartendiebstähle zu beklagen. Trotz der hohen Mitgliederzahlen kann der Verein Flüchtlingen Grabeland zur Verfügung stellen. Zu seinem 30. Geburtstag 1949 erlebt der Kleingartenverein wahre Glanzzeiten: 540 Mitglieder feiern in zwei Sälen. Zwei Jahre später werden, wieder in Gemeinschaftsarbeit, die ersten Pumpstellen an den Wegen angelegt. Mit Zäunen sind die Kolonien und Parzellen jetzt eingefriedet.
Doch der Trend kehrt sich um: Zählen die Schrebergärtner 1952 noch 319 Mitglieder, so sind es zum 50jährigen Bestehen 1969 nur noch 166, verteilt auf die drei Kolonien Gemeinschaftsruh, Mühlengärten und Rehwinkel. In den 1970er-Jahren schwindet das Interesse weiter, sodass die Pächter wie schon 1956 Gartenland als Bauland verkaufen. 60 Pfennig pro Jahr kostet die Pacht für einen Quadratmeter im Jahr 1971, die Pächter werden auf 15-jährige Verträge festgelegt. Mit 117 Mitgliedern ist 1973 der Tiefststand in der Vereinsgeschichte erreicht. Ab 1978 bleiben die Tore zu den Gartenkolonien tagsüber offen für alle als Bestandteil des öffentlichen Grüns. 1984 wurde in der Kolonie Gemeinschaftsruh Strom verlegt. Eine weitere wichtige Neuerung wurde 1985 eingeführt, die bis heute Bestand hat: Der Frühschoppen.
Zur Jahrtausendwende gönnten sich die Kleingärtner eine Vergrößerung ihres Vereinsheims und bauten auch gleich eine Küche ein. 2016 trat die Kolonie Rehwinkel aus dem Verbund aus und gründete einen eigenen Verein. Im vergangenen Jahr beteiligte sich der Verein am Maifest und brachte sich auch beim „Haus der Vereine“ aktiv ein. Heute ghören zum Kleingartenverein Ahlten drei Kolonien mit insgesamt 152 Gärten.
Die Schöpfung und ihr Bewahren waren auch das Thema des ökumenischen Freiluftgottesdiensts mit Pastor Henning Runne und Diakon Werner Mellenthin. Unter Zeltdächern fanden sie Schutz vor der Sonne, und dort gratulierten auch die anderen zahlreichen Gäste zum Hundertsten. Da manche Apfelsorten einen Fremdbestäuber brauchen, fügte es sich gut, dass Hartmut Stielau vom Kleingartenverein Schwanenburg ein Apfelbäumchen der Sorte Roter Berlepsch als Geschenk dabei hatte.
Nach dem offiziellen Teil konnten sich die großen und kleinen Besucher und Mitglieder an Kuchen und Kaffee, Bratwurst und Bier und diversen Salaten laben, am Glücksrad drehen, sich bei Sylvia Höppner im Torwandschießen versuchen oder mit Alexander Peter ein Vogelhäuschen aus vorgefertigten Teilen zusammenschrauben. „Da ist die Königin“, zeigte Imker Andrej Bitter Interessierten seine Brumm-Show, ein Bienenrähmchen mit Honigwaben und Zellen mit Bienen-Nachwuchs, alle Einzelheten deutlich zu erkennen hinter Glas.
Der Bezirksvorsitzende Peter Heinze überbrachte die Grüße und Gratulation vom Bezirksverband der Kleingärtner und überreichte eine Tafel zum hundertjährigen Bestehen und meinte: „Beim 200. Geburtstag schauen wir dann von oben zu – hoffentlich!“