Zauberhafte Blüten messen sich mit dem Himmelsblau

Ein strahlend blauer Stern: Die Blüte der Wegwarte, die Heilpflanze des Jahres 2020, ist zur Zeit auch im Garten des Lehrter Krankenhauses zu bestaunen. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Die Wegwarte hat sich hervorragend entwickelt: die „Kräuterhexen“ Anita Degen, Karin Meisinger, Mechthild Leckebusch und Elke Blazejewski sowie ihre Mitstreiterinnen halten den Heilpflanzengarten trotz hochsommerlicher Hitzegrade in Schuss. (Foto: Susanna Veenhuis)

Heilpflanze des Jahres, die Wegwarte, blüht im Krankenhausgarten

Lehrte (sv). Bezaubernde blaue Blüten sind derzeit an so manchem, nicht allzu kurz geschnittenen Wegesrand zu entdecken, bisweilen auch auf Grünstreifen neben Straßen. Wie der Standort schon verrät, so heißt sie auch: Die Wegwarte (botanisch Cichorium intybus) reckt ihre zarten Blütensterne der Sonne, dem Wind und den Insekten entgegen. Vor allem Schwebfliegen und Bienen – gerne auch die Hosenbiene – suchen die blaue Blüten-Bar auf, um Nektar zu tanken und Pollen zu verputzen. Als wollte es sich farblich mit dem dauerblauen Sommerhimmel messen, reckt das Gewächs seine lieblichen blassblauen Blütchen auch im Heilpflanzengarten hinter dem Lehrter Krankenhaus hoch hinauf. Die „Kräuterhexen“ um Margaretha Ehlvers und Karin Meisinger, die den Kräuterberg trotz Dauerhitze fleißig in Schuss halten, freuen sich über die prominente blaue Blume. Sie fühlt sich an diesem sonnigen Standort offensichtlich sehr wohl und hat sich mit mehreren großen Stauden dort angesiedelt. Margaretha Ehlvers hat dem vielfach geehrten Gewächs einen ausführlichen Artikel in der jüngsten Ausgabe des Heimatmagazins „Lehrter Land & Leute“ gewidmet.
Die vielseitige Pflanze war nicht nur 2005 Gemüsepflanze des Jahres und 2009 Blume des Jahres. Aufgrund ihrer vielfältigen Heilwirkungen wurde sie vom „Verein zur Förderung der naturgemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim“ zur Heilpflanze des Jahres 2020 erklärt. Denn die weit verzweigte, ausdauernde Pflanze birgt nicht nur Nahrung für Kerbtiere: Heilkundige und Medizinwissende haben die gesundheitsfördernden Wirkungen der von kniehoch bis zu zwei Meter hoch wachsenden ausdauernden Pflanze schon lange vor der Zeitrechnung entdeckt. Hierzulande wurden ihre Heilkräfte durch eben jenen Theophrastus, genannt Paracelsus, im 15. Jahrhundert als schweißtreibend dokumentiert. Sebastian Kneipp verordnete sie bei Magen-, Darm-, Nieren- und Lebererkrankungen. In der Pflanzenheilkunde wird sie zur Stimulierung und Heilung von Galle, Leber und Milz und zur allgemeinen Reinigung bei Ekzemen und Hauterkrankungen empfohlen.
Einigen ist die Wegwarte sogar schon als günstiges Heißgetränk bekannt: Als Zichorien- oder Caro-Kaffee wurde die geröstete Wurzel dieser Pflanze in früheren Zeiten als Kaffeeersatz aufbereitet und ist auch heute noch Bestandteil alternativer Kaffeemischungen, im Volksmund auch Muckefuck genannt. Der Begriff ist eine Verballhornung des französischen Mocca faux, also des falschen Mokkas. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Wegwarte hierzulande sogar landwirtschaftlich angebaut, und auch schon der Alte Fritz musste Devisen sparen und verordnete seinem Volk den Ersatzkaffee statt der teuer importierten Kaffeebohnen.
Vor allem ihrer Bitterstoffe wegen gesund und begehrt für Salate sind ihre Verwandten, der Radicchio, der Chicorée, die Endivie und der Zuckerhut.
Die Bezeichnung „Blümchenkaffee“ ist auch auf das Wegwartengetränk zurückzuführen. Früher brühte man in Zeiten von Mangel den echten Bohnenkaffee oder eine Mischung mit Zichorienwurzel so dünn auf, dass das Blümchenmuster vom Grund der Kaffeetasse zu sehen war.
Aktuell arbeitet die Materialforschung an viel versprechenden Versuchen mit den Inhaltsstoffen der Wurzel zur Herstellung eines pflanzlichen Plastik-Ersatzes.
Unter dem Titel „Männerwirtschaft“ wären eigentlich am letzten Sonntag im August Adonisröschen, Benediktenkraut, Guter Heinrich, Jakobskreuzkraut und Johanniskraut vorgestellt worden. Die Kräuterhexen bedauern es sehr, dass sie aufgrund der Corona-Epidemie derzeit nicht die monatlichen Pflanzenvorträge anbieten können. Aber dafür erfreut sich die Wegwarte derzeit bester Blühlaune und kann dort tagsüber zu den Öffnungszeiten des Krankenhauses besucht und bestaunt werden, der Eintritt ist frei. Interessierte sollten allerdings die Morgen- und Vormittagsstunden nutzen, da die Wegwarte ihre blaue Blütenpracht ab Mittag wieder zuzuklappen beginnt. So kam sie auch zu ihrem Beinamen „Faule Gretel“, weil ihre Blüten den halben Tag verschlafen – eigentlich eine ganz probate Lösung angesichts der herrschenden Temperaturen.