"Woher kommt das Nitrat im Grundwasser?"

Warum ist das Wasser mitten in Anderten an der Sporthalle mit Nitrat belastet? Die Landwirte aus Sehnde und Lehrte weigern sich, dafür die Verantwortung zu übernehmen. (Foto: Wiebke Molsen)
 
Flache Brunnen weisen mehr Stickstoff auf, als tiefere Brunnen. Die Landwirte fordern deshalb einheitliche Messtiefen, um die Werte vergleichen zu können. (Foto: Wiebke Molsen)

Unterschiedliche Messtiefe führt zu unterschiedlichen Ergebnissen,
auch Brunnen in der Stadt betroffen

LEHRTE-SEHNDE (wim) Warum sind die Nitratwerte in dem einen Brunnen erhöht, bei anderen dagegen unauffällig? Und warum weisen auch Brunnen mitten in der Stadt Grenzwertüberschreitungen auf? Auf diese offenen Fragen wollen die Landwirte aus Sehnde und Lehrte aufmerksam machen. „Wir wollen keinen beschuldigen, wir weigern uns aber die ganze Verantwortung alleine zu übernehmen“, sagt Julian Rathmann aus Ilten. Mit mehreren Treckern sind die Landwirte deshalb unter anderem zu einem Messbrunnen direkt an der Turnhalle in Misburg-Anderten gefahren, der schon seit Jahren knapp erhöhte Nitratwerte über 50 mg pro Liter aufweist. „Hier ist weit und breit keine Landwirtschaft zu sehen“, verdeutlicht Julian Rathmann. Also müsse der Eintrag wohl woanders herkommen. Der zweite Brunnen liegt am Kronsberg, mitten zwischen meist ökologisch bewirtschafteten Äckern. Auch bei ihm sind die Nitratwerte erhöht. Allerdings liegt die für die Messungen entscheidende Filteroberkante bereits in 1,36 Metern Tiefe. Von dort läuft das Wasser in den Brunnenschacht. Zum Vergleich: Die Filteroberkante des Brunnens in Anderten liegt bei 8,67 Metern Tiefe und die vom unbelasteten Brunnen in Höver bei etwa 65 Metern. „Es ist doch klar, dass flache Brunnen höher belastet sind, als tiefe Brunnen“, sagt Julian Rathmann. Der Boden filtere und binde schließlich den Stickstoff. Die Landwirte fordern deshalb europaweit einheitliche Messtiefen, um die Messergebnisse überhaupt vergleichen zu können.
Die für die roten Gebiete rund um Sehnde und Lehrte verantwortlichen Brunnen liegen in Hofschwicheldt und Immensen – also rund 35 Kilometer weit entfernt. Trotzdem müssen alle Landwirte, die Flächen in den roten Gebieten bewirtschaften, Einschränkungen bei der Düngung in Kauf nehmen. „Brotweizen mit guten Qualitäten anzubauen, wird damit sehr schwer“, erläutert Fabian Lehrke aus Sehnde. Wissenschaftlich erforschte Empfehlungen lägen in Düngeversuchen bei 230 Kilo Stickstoff pro Hektar, um einen Weizen mit zwölf Prozent Protein zu ernten. Die Einschränkung von minus 20 Prozent bedeuten nun gute 46 Kilogramm Dünger pro Hektar weniger, rechnet Lehrke vor. Und das zusätzlich zu der Düngereform aus dem Jahr 2017, die bereits ihre Wirkung zeige. „Im Nährstoffbericht, den die Landesregierung veröffentlicht hat, wurden 31.000 Tonnen Stickstoff zu viel ausgebracht“, sagt er. Das höre sich zwar viel an, umgerechnet auf die landwirtschaftlich genutzte Fläche sei es jedoch lediglich ein gut gefüllter 10 Liter-Eimer auf 10.000 Quadratmeter, um den sich die Landwirte vertan haben. Es sei vielmehr eine Punktlandung, denn kein Landwirt wisse vorher, wieviel er wirklich ernte, und darauf werde die erlaubte Düngermenge bezogen. „Meist sind wir erst hinterher schlauer“, sagt er. Dafür spielten einfach zu viele unberechenbare Faktoren wie das Wetter eine Rolle. An der Düngung auf dem Land kann es nach Meinung der Bauern jedenfalls nicht liegen, dass die Brunnen im hannoverschen Stadtgebiet regelmäßig zu hohe Nitratwerte aufweisen. Die Landwirte fordern daher die Politik auf, Ursachenforschung zu betreiben. Im Zusammenschluss der ihrer Initiative "Land schafft Verbindung" sollen entsprechende Impulse wirken.