Was Jugendliche in den Dschihad treibt . . .

Lamya Kaddor forderte mehr politische Aufklärung und sachliche Auseinandersetzung über politische und religiöse gesellschaftliche Strömungen. (Foto: Susanna Veenhuis)

Ein Beitrag von Susanna Veenhuis - Islamwissenschaftlerin: Mit den Kindern in Kontakt bleiben . . .

LEHRTE (sv). Was treibt Jugendliche aus Deutschland in den Dschihad? Das ist der Untertitel ihres Buches „Zum Töten bereit“, aus dem die Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor vor gut 80 Interessierten in der Alten Schlosserei vortrug und im Anschluss Fragen zu dieser Problematik beantwortete.
„Wir sind froh, Sie hier zu Gast zu haben“, begrüßte der erste Stadtrat Uwe Bee die Autorin. Sie war einer Einladung des Lehrter Präventionsrats, des Antikriegshauses in Sievershausen und der Bibliotheksgesellschaft zu dieser gemeinsam organisierten Lesung gefolgt.
900 Menschen aus Deutschland kämpften derzeit in Syrien, etwa fünf Prozent davon seien Jugendliche, sagte Berndt Waltje vom Antikriegshaus. Gewaltfreie Konfliktlösung ist einer der Schwerpunkte in der Jugendarbeit des Vereins.
Lamya Kaddor, 1978 in Deutschland geboren, studierte in Dinslaken Arabistik, Islamistik, Erziehungswissenschaften und Komparatistik. Es sei zunächst die Aufgabe der Familie, das Verhalten der Jugendlichen und deren Umgang zu beobachten. „Wer seine Kinder aufmerksam begleitet, wird auch Verhaltensänderungen frühzeitig feststellen“, sagte sie.
Allerdings sei dies bei älteren Jugendlichen, die sich der Familie entziehen, schwierig. Alarmiert sollten Eltern, Freunde, Verwandte und Lehrer sein, wenn eine Verhaltensänderung mit drastischen äußeren Veränderungen und dem Einstreuen islamischer Sätze und der Bezeichnung „Ungläubige“ einhergehe.
Auch Aussagen über politische Verschwörungstheorien sowie das Anschauen salafistischen Propagandamaterials könnten, müssten aber nicht zwingend ein Signal für eine beginnende Radikalisierung sein. Vorwürfe seien fehl am Platz, vielmehr sei Sensibilität gefragt. Hilfe könnten betroffene Angehörige bei verschiedenen Beratungsstellen bekommen.
Schutz vor Radikalisierung könne nur durch politische Bildung und umfassende
Aufklärung über Extremismus darstellen. „Aber nicht emotional, sondern sachlich, was ja heute kaum noch möglich scheint“, sagte Kaddor. „Wir erleben kaum einen Tag, an dem Religion nicht in einem negativen Kontext erwähnt wird.“
Im Frageteil konnte die bereits mehrfach ausgezeichnete Publizistin ihrem Publikum so manchen konkreten Tipp geben. Für ihr Buch „Zum Töten bereit“ wurde Lamya Kaddor mit dem Buchpreis „Das politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet.