Von singenden Gibbons bis zu neuronaler Vernetzung auch in Lehrte . . .

Von singenden Gibbons über weltweite Wiegenlieder bis hin zur verstärkten neuronalen Vernetzung im Gehirn: „Singen kennt kein Alter“ war der Vortrag von Prof. Dr. Eckart Altenmüller von der Musikhochschule Hannover betitelt. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Obwohl es scheinbar um trockene Theorie gehen sollte, hatten sich an die 70 interessierte Zuhörer/innen in der Matthäuskirche eingefunden, um dem außerordentlich interessanten Vortrag über die Entwicklung von Sprache und Gesang und deren Auswirkungen auf das Gehirn zu folgen. (Foto: Susanna Veenhuis)
Lehrte: Matthäuskirche |

Ein Beitrag von Susanna Veenhuis - Wie Musik aufs Gehirn wirkt - Lieblingsthema für Professor und Publikum

LEHRTE (sv). Zwar ging es diesmal um Musik nur in der Theorie; dennoch hatten sich an die 70 Zuhörer in der Matthäuskirche eingefunden, um dem Vortrag von Prof. Dr. Eckart Altenmüller mit dem Titel „Singen kennt kein Alter“ im Rahmen der zweiten Lehrter „Woche der Stimme“ zu lauschen. Und sie wurden nicht enttäuscht: „Die Wirkung von Musik und Singen auf das Gehirn ist mein Lieblingsthema“, sagte der Professor.
Entsprechend interessant und kurzweilig gestaltete der Mediziner vom Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Musikhochschule Hannover seinen Vortrag. Sein Auditorium erlebte eine spannende Darstellung von der Entstehung der Sprache und dem Singen bis hin zu feinsten physiologischen Vorgängen in bestimmten Bereichen des Gehirns.
So erfuhr das Publikum, dass beispielsweise jedes Volk auf der Erde seine Kinder mit Wiegenliedern in sanften Tönen beruhigt oder aber mit lebhaften Klängen und Rhythmen aktiviert. „Gesang ist emotionale Kommunikation, dient der Gruppenbildung und gilt als Koalitionssignal – beispielsweise im Stadion oder beim Singen von Nationalhymnen“, erklärte Altenmüller.
Seine bestürzend einfache Erklärung über die so genannten verborgenen Qualitäten quittierten die Zuhörer mit fröhlichem Lachen. Denn wenn früher ein Mann seine Stimme kräftig erschallen lassen konnte, bedeutete dies schlicht, dass er gesund ist. „Der hatte keine TBC, das war wichtig!“
Die versteckte Botschaft bei einem Mädchen, das Klavier spielen konnte, hieß: Es hat reiche Eltern. Denn während früher die Kinder schon frühzeitig auf dem Acker, in der Fabrik oder am Webstuhl arbeiten mussten, hatte dieses Mädchen genug Muße, um sich in der Kunst der Klaviermusik zu üben, und die Eltern genug Geld, um sie darin ausbilden zu lassen.
Dass Singen und Musik Machen kein Alter kennt, bewies Altenmüller anhand von Versuchen und Tests mit Kindern und Erwachsenen. Sogar Tiere singen, wie der Referent anhand eines Tondokuments mit urigen Lauten aus einer Herde von Gibbons in Vietnam vorführte. Immer paarweise würden diese Tiere, die sich lebenslang die Treue halten, jeden Morgen etwa zwischen 6 und 9 Uhr stundenlang „im Duett singen“. „Soviel hat sich ein durchschnittliches deutsches Ehepaar am ganzen Tag nicht zu sagen“, meinte der Schwabe schmunzelnd.
Von klein auf musikalisch geschult, entwickeln Kinder nicht nur schneller einen Sinn für komplexe Zusammenhänge, sondern sind ihren Mitmenschen gegenüber auch viel sozialer eingestellt als Kinder ohne musikalische Bildung. Und auch bei Älteren fördert das Singen – wenn auch langsamer und nicht mehr so ausgeprägt wie bei jungen Menschen – eine stärkere neuronale Vernetzung im Gehirn, erklärte der Mediziner.
Denn damit das Zusammenspiel zwischen Lippen, Zunge, Stimme und Atmung überhaupt klappt, sind zahlreiche Muskeln im ganzen Körper über unzählige Befehle des Hirns in Sekundenbruchteilen zu koordinieren. „Das Hirn stellt sich quasi vor dem Singen eines Tons schon vor, wie der Gesang gleich klingen muss, und vergleicht dies mit dem tatsächlichen Ergebnis – und korrigiert auch ständig“, stellte der Professor die antizipatorische Arbeitsweise des Gehirns dar.
Die logische Schlussfolgerung der Zuhörer, dass mittels Singen eine Demenzerkrankung vermieden, gemildert oder verzögert werden könne, konnte der Fachmann in der anschließenden Fragestunde bestätigen, denn auch da gab es bereits Untersuchungen mit entsprechend eindeutigen Ergebnissen. „Nicht rauchen, nur am Wochenende mal zwei Gläschen Wein, dreimal pro Woche 20 Minuten joggen und viel singen – dann können Sie sich und ihre Stimme jung und gesund erhalten“, gab der Professor ihnen mit auf den Weg.