Trauer um den politischen Architekten des modernen Lehrte

Nach 27 Jahren fast ununterbrochener Tätigkeit als ehrenamtlicher Bürgermeister gab Helmut Schmezko (hinten links) 2001 dieses Amt an seine hauptamtliche Nachfolgerin (über elf Jahre) Jutta Voß ab - blieb aber (Ehrenbürgermeister seit 2002) in mehreren politischen Funktionen noch einige Jahre aktiv. (Foto: Archiv/Walter Klinger)

Ehrenbürgermeister Helmut Schmezko starb mit 73 Jahren

LEHRTE/REGION (kl). Wenn es in der Lehrter Politik einen gab, auf den der alte Ehrenname "Stadtvater" zutrifft (in seiner Partei, der SPD, auch oft "Übervater" genannt), dann ist dies Helmut Schmezko. Die Nachricht über den unerwarteten, plötzlichen Tod des Lehrter Ehrenbürgermeisters hat in der einstigen "Eisenbahnerstadt" (die sich unter seiner Leitung in 26 Jahren als Bürgermeister zu moderner, aber lebenswerter Zentralität mit gesundem Branchenmix und vielen Arbeitsplätzen vor Ort wuchs) und auch bei seinen politischen Gegnern ehrliche und tiefe Trauer ausgelöst. Die Anteilnahme geht weit über die Stadtgrenzen hinaus, denn der am Sonntag im Alter von 73 Jahren verstorbene Helmut Schmezko - bis zuletzt politisch und sozial engagiert - war auch ein erfolgreicher Regionalpolitiker.
Die meisten Lehrter werden ihn, der in seinem Haus fast ein eigenes Stadtarchiv unter anderen an Zeitungsausschnitten ansammelte, in einer seiner Lieblingsrollen, das Erzählen alter Lehrter Geschichten und Anekdoten, in Erinnerung behalten - und auch hier war Helmut Schmezko kundiger als jeder andere.
Mit Herzblut stets für Lehrte; mit viel Detailarbeit, stets aber dem Blick fürs Ganze und dem Mut auch zu Visionen; und großer Bereitschaft auch zum persönlichen Risiko hat Helmut Schmezko in 40 Jahren kommunalpolitischer Ratstätigkeit zur Umgestaltung der einstigen Industriestadt beigetragen wie kein Zweiter.
Die Herausnahme eines Teils des Eisenbahnverkehrs, der mit seinen Schranken die Stadt lähmte, der Bau der Tangenten, die Sanierung der Innenstadt mit dem "Neuen Zentrum", das Auffangen von Arbeitsplatzverlusten durch die Aufgabe von Schlüsselindustrien wie dem Kalibergbau, Neubauten von Schulen, Forum, Bahnunterführungen, Bücherei, SEK II-Gebäude und unzählige Verbesserungen in den Ortsteilen, deren Zusammenwachsen zur Gesamtstadt er erfolgreich mitmoderierte, waren nur einige der wichtigsten Veränderungen unter Leitung von Helmut Schmezko.
Als Jungsozialist zusammen mit dem späteren hannoverschen Oberbürgermeister Helmut Schmalstieg in die politische Arbeit gestartet, traute man dem jungen Lehrer in Lehrte bereits schnell viel zu: Die erste Amtszeit als ehrenamtlicher Bürgermeister (von 1972 bis zur Gebietsreform und Geburtsstunde Lehrtes in seinem heutigen Gebietszuschnitt 1974) kam selbst für Helmut Schmezko überraschend. Nach kurzem Zwischenspiel der anderen politischen Richtung gab er das 1976 zurückeroberte Bürgermeisteramt dann erst 2001 an seine Nachfolgerin Jutta Voß ab, als die bisherige "Doppelspitze" der Städte in Niedersachsen zu Gunsten eines hauptamtlichen Bürgermeisters an der Verwaltungsspitze aufgelöst wurde.
Die Früchte seiner jahrzehntelangen kommunalpolitischen Arbeit hat Helmut Schmezko dabei nicht wirklich ernten dürfen: Der persönliche Zeitplan der Hauptamtlichen war so, dass er nicht mehr selbst hauptamtlicher Bürgermeister werden konnte.
Geschichte hat er dennoch geschrieben: Helmut Schmezko war zu Beginn der jüngste und dann der zweitdienstälteste Bürgermeister im Land und hat sich auch als jahrzehntelanger Lehrter Schulleiter großen Respekt erworben. Ebenso - nicht zuletzt als Finanzexperte - in der Region: Vom Zweckverband Großraum Hannover über den Kreistag des Landkreises bis zur Regionsversammlung trug er zur Harmonisierung von Stadt- und Regionalplanung bei.
Politisch durchaus auch kampfbereit, konnte sich Helmut Schmezko, auch dank seiner Fähigkeit zu lebenslangen Freundschaften etwa im legendären "Tandem" mit seinem jahrzehntelangen Stellvertreter Erich Weber von der CDU, auf eine Rekordzahl einstimmiger Entscheidungen im Lehrter Rat stützen. Dieser Rückhalt, dazu das eigene Selbstbewusstsein - und mit seiner beruflich selbstständigen Ehefrau Marlis auch eine politische Weggefährtin an seiner Seite - machten Helmut Schmezko als Bürgermeister in einem Maße souverän, als wäre die Reform zum hauptamtlichen Chef schon vollzogen: Als der Stadtrat einmal wegen einer Wahlformalie beschlussunfähig war, unterschrieb er, als Bürgermeister in diesem Fall selbst haftend, kurzerhand selbst den Erschließungsvertrag für ein großes Gewerbegebiet - schätzungsweise 220 Jahre hätte der Sozialdemokrat sein Lehrergehalt aufwenden müssen, wäre diese Angelegenheit gescheitert.
In allen städtischen Gesellschaften (heute oft als "Konzern Lehrte" bezeichnet) wirkte Helmut Schmezko im Verwaltungsrat oder der Gesellschafterversammlung mit, die Lehrter Entscheidungsfähigkeit und finanzielle Eigenständigkeit abzusichern. Kennzeichen seiner durchaus machtbewussten Amtsführung war auch, dass während der Haushaltsberatungen des Rates die Finanzlage stets erheblich weniger hergab, als dann später tatsächlich noch bei den Einnahmen der Stadt als zusätzliche freie Spitze aufgefunden wurde. Die Mehrheit im Rat sicherte sich Schmezko unter anderem durch die erste Koalition mit den Grünen.
Ein gewiefter Taktiker, ja, aber auch ein persönlich zutiefst sozial engagierter Mitbürger: Mit ihm als Verbandsvorstand wuchs die Volkshochschule zum leistungsfähigen regionalen Bildungsverbund mit hohem beruflichen Qualifikationsanteil, im Lions Club und dessen Förderverein war sich der Ehrenbürgermeister nie auch für Handarbeit zu schade - wenn es nur dem sozialen Zweck diente.
Dass er die Feiern zum diesjährigen 150-jährigen Bestehen der Deutschen Sozialdemokratie noch miterleben durfte, ist der um ihn trauernden Partei ein kleiner Trost. Ein fast unglaubliches Drittel dieser Parteigeschichte lang hat der Sozialdemokrat Helmut Schmezko selbst Politik mitgestaltet.
Seine Beisetzung erfolgt am Mittwoch, 12. Juni, ab 13.30 Uhr auf dem Neuen Friedhof Lehrte, Am Stadtpark. Bei den vielen Erinnerungen, die in diesen Tagen bei Bürgern und Weggefährten des großen Mannes der Lehrter Politik wach werden, wäre die Stadt Lehrte wohl gut beraten, im Rathaus selbst ein Kondolenzbuch auszulegen. Walter Klinger