Streit über konstruiertes Deutsch

Emotionale Debatte im Lehrter Rat zum Gender-Stern

Lehrte (gg). Ein neues Deutsch hat die Mehrheitsfraktion im Rat mit SPD, Grünen und Linken in der jüngsten Sitzung durchgesetzt: Die Stadtverwaltung soll in jeglichen Mitteilungen den sogenannten Gender-Stern für eine „die Geschlechter umfassende Formulierung“ verwenden. Da im Personenstand-Gesetz die dritten Option bei der Geschlechtsangabe möglich ist, sei „die bipolare Einteilung der Geschlechter in männlich und weiblich überholt“, so die Begründung. Zukünftig soll die Stadtverwaltung „alle Einwohner*innen ansprechen, männlich, weiblich, trans*, inter* oder queer.“ In seiner Gegenrede bezweifelte Jonas Schlossarek, CDU-Fraktion, dass die Erfassung der individuellen Identitäten damit gelingen könne. Das generische Maskulin erfasse umgangssprachlich alle Personen, egal welchen Geschlechts. Zudem sei die SPD die im Vorfeld gestellte Frage nach der Fallzahl zur Problematik schuldig geblieben. Er vermute, dass es in Lehrte keine Person gibt, die sich wegen vermeintlich falscher Anrede bei der Stadtverwaltung beschwert hätte. Für die SPD-Fraktion protestierte Maren Thomschke gegen die „alten Klamotten, die von der CDU raus geholt werden“. Gesellschaftlicher Wandel müsse von der Politik begleitet werden. Seitens der Grünen erklärte Ronald Schütz die Zielsetzung bei der Verwendung des Gender-Sterns: „Die Sprache bestimmt das Denken.“ Und die Aussprache des konstruierten Plurals sei durchaus möglich, einem afrikanischen Knicklaut ähnlich und auch im Deutsch bereits bekannt, beispielsweise beim Wort Theater, bei dem das „The“ vom „ater“ in der Lautsprache getrennt ist.
Bürgermeister Frank Prüße bat ausdrücklich um mehr Toleranz. Ein Beschluss zur Verwendung des Gernder-Sterns zwinge alle Verwaltungsmitarbeiter zur Anwendung. Bei Nicht-Anwendung gäbe es arbeitsrechtliche Konsequenzen, was er als unnötig empfinde. Schließlich könne es ja auch eine freiwillige Nutzung des Gender-Sterns geben. Der Bürgermeister drang mit seinem Appell nicht durch. Mit 21 zu 20 Stimmen wurde der Antrag der Mehrheitsfraktion zur Anwendung des Gender-Sterns in Schriftstücken der Stadtverwaltung beschlossen.
Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lehrte, Freya Markowis, kommentierte den Beschluss abseits der Sitzung auf Marktspiegel-Anfrage positiv. Es sei ein klares Zeichen für Vielfalt und genau richtig, alle Menschen anzusprechen – egal, welchen Geschlechts. Sie freue sich auf die Umsetzung.

Zeitgleich zur Lehrter Debatte gab die Gleichstellungsbeauftragte in der Regionsverwaltung, Petra Mundt, eine Empfehlung aus: „Ein diskriminierungsfreies und geschlechtergerechtes Verwaltungshandeln lässt sich nur im Einklang mit einer geschlechtsumfassenden Sprache verwirklichen – darin sind sich die Gleichstellungsbeauftragten in der Region Hannover einig. Kommunen haben einen Gleichstellungsauftrag. Diesem werden sie nur gerecht, wenn sie auch in ihrem Sprachgebrauch darauf wert legen, alle Geschlechter gleichermaßen anzusprechen. Das gelingt mit der einseitigen Verwendung des generischen Maskulinums nachweisbar nicht, wie zahlreiche Studien belegen. Die meisten Verwaltungen in der Region Hannover schreiben Doppelformen vor, um Frauen und Männer gleichberechtigt anzusprechen. Leider müssen wir beobachten, dass selbst diese Vorgaben immer noch nicht konsequent umgesetzt werden. Gleichzeitig gehen uns diese aber auch nicht weit genug. Die Zeit, in der wir die Gesellschaft amtlich in weiblich und männlich einteilen, muss spätestens mit dem neuen Personenstandsgesetz auch sprachlich überwunden werden. Menschen, die sich nicht eindeutig als Frau oder Mann definieren, fühlen sich von Doppelformen diskriminiert. Verwaltungen sollten daher für Geschlechter umfassende Formulierungen verwenden.“
Die Regionsverwaltung distanziert sich ausdrücklich von der Empfehlung der Gleichstellungsbeauftragten: „Dies spiegelt nicht die Haltung der Regionsverwaltung wider. Aus Gründen der Barrierefreiheit werden in der Regionsverwaltung bei Personen die weibliche und die männliche Form jeweils voll ausgeschrieben.“