Seit 40 Jahren Hilfe für Kinder und Jugendliche

Ein starkes Team für das Kindeswohl (von links): Anne Kutzner, Pflegemutter aus Lingen, die erste Vorsitzende Dorothea Bleck, Geschäftsführerin Marion Eichner und die pädagogische Leiterin Christiane Dietrich vom Verein Therapeutische Erziehungshilfen. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
„Unsere Gesellschaft ist derzeit auf einem Weg, bei der ihre Arbeit immer wichtiger wird“, sagte Bürgermeister Klaus Sidortschuk. (Foto: Susanna Veenhuis)

Verein „Therapeutische Erziehungshilfen“ ist landesweit gefragt

LEHRTE (sv). Benni (Name geändert) ist 15 Jahre alt, schwimmt gern, liest viel hört Musik und spielt seit einiger Zeit Trompete – ein ganz normaler Jugendlicher. Dabei war sein Lebensweg nicht immer leicht. Als seine Eltern sich trennten, musste Benni bei seinem Vater bleiben. Er wollte aber unbedingt zur Mutter und machte nach eigenen Worten seinem Vater das Leben schwer, bis der überfordert war und der damals Fünfjährige vom Jugendamt aus der Familie herausgenommen wurde. Ihm konnte der Verein „Therapeutische Erziehungshilfen“ mit der Unterbringung in einer so genannten Erziehungsstelle die Heimerziehung ersparen – und neue Perspektiven eröffnen.
Als Möglichkeit zwischen Familienberatung und Heimaufenthalt sieht der Verein „Therapeutische Erziehungshilfen“ sein Angebot, verhaltensauffällige Kinder in pädagogisch-psychologisch geschulten Familien – besagten Erziehungsstellen – unterzubringen und ihnen mit zusätzlichen Therapien die Einzelbetreuung zukommen zu lassen, die sie in einem Heim nicht erfahren würden. So beschrieb die Vorsitzende Dorothea Bleck bei der Begrüßung der Gäste den Zweck ihrer Organisation, die inzwischen schon sehr vielen Kindern helfen konnte. Denn die feierte jetzt mit einem kleinen Fest im Fachwerkhaus ihr 40-jähriges Bestehen.
Schon 1977 hatten sie und Mitstreiter mit pädagogischem und psychologischem Hintergrund sich zusammengetan, um die Heimerziehung zu verändern. „Wir haben uns privat getroffen und ehrenamtlich gearbeitet, bis es 1979 tatsächlich zu einer Aufnahme kam – und damit zur Vereinsgründung und zur engen Zusammenarbeit mir dem Jugendamt“, beschrieb Bleck die Vereinsgründung.
Diese Zusammenarbeit ist noch immer sehr eng und erstreckt sich mittlerweile auch auf acht Jugendämter und Betreuungsstellen anderer Kommunen in ganz Niedersachsen sowie auf das Landesjugendamt. „Sie haben Kinder in Erziehungsstellen genommen, die ganz, ganz schwierige Ausgangsbedingungen hatten“, sagte Eberhard Baildon, Leiter des Lehrter Jugendamts. „Was Sie da für die Kinder leisten, kann man nicht hoch genug schätzen, Sie bieten den Kindern eine echte Alternative an!“
„Die positive Entwicklung der Kinder und dieser Erfolg waren nur möglich, weil Fachleute bereit waren, ihren privaten Familienbereich zu öffnen, und den Mut hatten, die Herausforderung anzunehmenen und ein bis zwei Kinder aufzunehmen“, sagte Brigitte Wagner vom Landesjugendamt.
„Die Arbeit im Verein ist einmalig und vorbildhaft“, sagte Anne Kutzer aus Lingen, „das Wohl des Kindes steht im Mittelpunkt!“ Die Erzieherin hat selber zwei kleine Mädchen von vier und sechs Jahren in ihre Familie aufgenommen, 15 Jahre lang betreut wie ihre eigenen und hält auch immer noch Kontakt zu ihnen. „Ihr habt meiner Schwester und mir so viel beigebracht, was andere Kinder nicht wissen oder können“, zitierte sie aus einem aktuellen Brief der jungen Erwachsenen, in dem die Schreiberin auch weniger erfreuliche Phasen anspricht: „Es war nicht immer alles schön, was wir getan haben, aber auch dann habt ihr zu uns gehalten und wart für uns da, und auch heute noch können wir Euch um Rat fragen, ihr seid liebevolle und verantwortungsvolle Eltern, wir haben Euch lieb“, schreibt die Ziehtochter weiter.
„Der Brief drückt aus, was in dem meisten Erziehungsstellen erlebt wird“, sagte Kutzer. Man müsse Respekt vor der Geschichte des Kindes, seinen Verletzungen und seiner Entwicklung haben, gleichzeitig das Liebenswerte erkennen und wertschätzen, „das bringt uns manchmal an unsere Grenzen“, gestand die Pflegemutter. Aber durch den Verein erfahre man viel Unterstützung und Hilfe, es werde gute Teamarbeit geleistet und Supervision angeboten. „Es ist eine Haltung“, sagte sie zur Öffnung ihrer eigenen Familie für fremde Kinder und ihrem Einsatz als Familienmutter.
Aktuell gibt es 16 Familien mit 32 Pflegeplätzen, sagte Christiane Dietrich. Neben Lehrte stehen auch in Lingen, Steinhude, Hildesheim und am Harz Erziehungsstellen zur Verfügung. „Der Bedarf steigt, aber es ist sehr schwierig, neue Familien dafür zu gewinnen, die bereit sind, Kinder aufzunehmen“, sagte Dietrich. Der Verein bietet auch Erziehungsberatung, Elternkurse, Erziehungsbeistandschaften und Familienwohngruppen sowie Gruppenangebote für Schulen wie etwa Kunstkurse sowie Mediation, Diagnostik und Psychotherapie an und verfügt neuerdings über ein Beratungsbüro in der Iltener Straße 48. Für den Notfall stehen Bereitschaftspflegefamilien zur Verfügung.
Benni lebt nun seit gut zehn Jahren in seiner Hamelner Pflegefamilie. Er hält Kontakt zu seinem Vater, seinem leiblichen großen Bruder und seinen Großeltern und sagt, er fühlt sich sehr wohl. „Ohne meinen kleinen Bruder wäre alles halb so spaßig“, sagt er über seinen Pflege-Bruder. Er habe sich vom ersten Tag an komplett angenommen gefühlt und sei sehr zufrieden.