Schwedisches Donnerwetter in Lehrte

Schwedisches Donnerwetter auf der Bühne: „Thundermother“-Frontfrau Guernica Mancini mischt die Massen auf. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Hartmetall-Musik aus Dänemark: Die hessische Volbeat-Tribute-Band „Still Counting“ machte dem Dänensound alle Ehre, und das textfeste Publikum sang und feierte mit, was das Zeug hielt. (Foto: Susanna Veenhuis)

Besucher feierten entspannt die 21. Rocknacht

LEHRTE (sv). Öfter mal etwas Neues wagen die Männer mit den schwarzen Lederkutten bei der Zusammenstellung ihres Programms für die Rocknacht: Obwohl diesmal nicht der Dauer-Publikumsmagnet, die „Rammstein“-Coverband „Völkerball“ mit ihrer fulminanten Feuershow auf dem Gelände am Ahltener Fuhrenweg gastierte, war das Kartenkontingent nahezu ausverkauft, das Festgelände wieder voll und die Helfer-Crew an den Essen- und Getränkeständen gut in Schweiß.
Neu war also das Fehlen von Völkerball, und auch der hervorragende musikalische Stammgast und Qualitätsgarant Jimmy Cornett mit seiner Band blieb fern; statt dessen hatte man mit der Leipziger Band „Four Roses“ auf Musik von Deep Purple, Pink Floyd, den Stones, Coldplay und den „Red Hot Chili Peppers“ gesetzt, die schon zum Auftakt den Platz gut füllte und das Publikum zum Mitsingen brachte. Die Hits passten zur Hitze, so konnte man sich so schon mal eingrooven auf die Musik, die da im Lauf des Abends noch kommen sollte.
Obwohl nur Lückenfüller für die aus Krankheitsgründen abgesagte US-Band „Modern Earl“, kamen die „Wake Woods“ aus Berlin mit ihrem „Motor an und abfeiern!“-Sound auf der Lehrter Rockerbühne gut an. Einige Lehrter kannten sie schon von einem Blues Special im Anderen Kino, wo sie zwar ein etwas anderes Programm gespielt hatten, aber beim Motorradclub bedienten sie nicht minder handwerklich gekonnt die Saiten und Tasten und mit ihrem melodischen Indie-Rock'n'Roll-Garagenkrachmix die Wünsche der Besucher.
Bei bestem Festival-Sommersonnenschein brachen sie wie ein gewaltiges Donnerwetter von Norden über den Platz herein: „Thundermother“, Hard-Rocker-Babes aus Schweden, die sich selber als „the loudest girls on earth“ bezeichnen, brachten das Feiergelände inmitten der Gartenkolonie zum Beben. Die blonden Damen um Bandgründerin und Gitarristin Filippa Nässil wissen, wo der Donnerhammer hängt, sie haben schließlich Wacken-Erfahrung und verhalfen mit ihrer Mischung aus Hardrock und Heavy Metal der Wiese auf Kochgrade. Daran war Sängerin Guernica Mancini mit ihrer unwiderstehlichen Rockröhre sicher nicht ganz unschuldig. In bester Game-of-Thrones-Manie in einen goldbestickten Mantel gehüllt, betrat sie die Bühne wie eine Königin - und ließ ihre Stimme wie eine Naturgewalt auf das Volk los. Für den gut getakteten Wumms schmetterte Trommelfrau Emlee Johansson die Sticks auf Felle und Becken. Bandchefin Filippa suchte Publikumskontakt und ließ sich auf den Schultern eines starken Mannes, auf ihrer schicken weißen x-Gitarre spielend, durch die Menge tragen. Sie war es auch, die als Tribut an den 2015 verstorbenen Motörhead-Basskollegen Lemmy Kilmister das Thundermother-Stück „Deal With The Devil“ anstimmte, denn zwei Wochen vor dessen Tod war sie dem verehrten Metal-Barden noch in Stockholm begegnet – eine Erfahrung, die sie bis heute prägt. „Wir lieben das, was wir tun, und Ihr liebt es auch: Party machen“, rief die Frontfrau, und der Saal, Pardon, die Wiese tobte.
Da hatte der Top Act leichtes Spiel: „Still Counting“, Cover-Combo der Kopenhagener Heavy Metal-Crew „Volbeat“, konnte auf dieser Power-Welle weiter schwimmen und mit dem textfesten Publikum die Dänen-Dinger ordentlich abfeiern. Dass die Coverband leider ihre speziellen Ausrüstung für die angekündigte Pyro-Show vergessen hatte, ärgerte eigentlich nur die Veranstalter, die eben auch wegen dieser Effekte die Band eingekauft und entsprechend Feuerwehrleute zur vorschriftsmäßigen Absicherung engagiert hatten. So gab es halt nur ein bisschen Nebel – und tatenlose Feuerfachleute, die der freie Abend mit Live-Musik in familiärer Atmosphäre hoffentlich ein bisschen entschädigte.
Das Open air-Festival der härteren Gangart ist mittlerweile so gut etabliert, dass es nach zwei Jahrzehnten als Lehrter Tradition gelten kann und nicht nur befreundete Motorradclubs, sondern auch Leute ohne Bike und Kutte aus ganz Deutschland nach Lehrte lotst. „Wir haben das Programm komplett umgestellt, weil wir auch mal jüngere Leute ansprechen wollten“, sagte Jojo Sievers vom Orga-Team. Ein Gang über den Platz zeugte vom Gelingen des Vorhabens: Viele junge Leute und neue Gesichter fanden sich neben den üblichen Rocknacht-Gängern. „Wir haben so rund ein Drittel Rocker hier, ein Drittel Lehrter und ein Drittel Festivalgänger aus ganz Deutschland“, berichtete Jojo. Denn neben befreundeten Motorradclubs, zum Beispiel aus dem schwedischen Partnerverein in Göteborg, aus Bayern und Dänemark hatten unter anderem auch Hamburger und Münchner „Normalos“ den Weg in die Lehrter Gartenkolonie gefunden. „Das war die entspannteste Rocknacht ever“, meinte er – trotz der Pyro-Panne.
Der Motorradverein wäre nicht der MV, wenn es nicht wieder etwas Neues auf dem clubeigenen Festivalgelände zu bestaunen gäbe: Diemal konnten sich die Besucher ihre Drinks in einer stabilen Holzbude statt eines Zelts besorgen. „Wir hatten das Auf- und Abbauen von dem Zelt satt und haben jetzt was Reelles da hingestellt“, erklärte Jojo. Da nach dem Festival auch vor dem Festival ist, plant der MV natürlich schon die 22. Rocknacht. „Da war einer vom Veranstaltungsteam aus Wacken hier, der hat sich total gewundert, was hier so in einer Kleinstadt vor den Toren Hannovers abgeht“, verriet er. Das Datum für die 22. Rocknacht steht jedenfalls schon: 13. Juni wird es wieder laut zwischen Radieschen und Ranunkeln. „Aber sonst ist noch alles offen“, sagte Jojo – mit einem Augenzwinkern.
Für den 5. Oktober steht auf dem großzügigen Gelände mit der festen Bühne eine Premiere an. Zum ersten Mal laden die MV-ler zu einem Oldtimertreffen ein. Jojo, selber Besitzer und neuerdings auch Oldie-Rennfahrer mit einem NSU-Gespann: „Viele von uns haben ja auch Oldtimer, warum sollte es also nicht gelingen, die Rocker-Szene und die Oldie-Szene zusammen zu bringen?"