Rückblick auf das 40-jährige Bestehen

18 junge Leute aus neun Nationen lernten sich im Workcamp kennen und zusammenarbeiten und bemalten die großen Gartenschach-Figuren nach eigenen Ideen. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Auf dem Pilgerpfad: Unter der Leitung von Pastor Lutz Krügener, Friedensbeauftragter im Haus kirchlicher Dienste, hatten sich im September etliche Pilger auf einen einwöchigen Weg für den Frieden gemacht und im Antikriegshaus eine Pause eingelegt. (Foto: Susanna Veenhuis)

Ein arbeitsintensives Jahr für das Antikriegshaus-Team

SIEVERSHAUSEN (sv). Der Begriff Langeweile dürfte dem Team vom Antikriegshaus unbekannt sein. Vor allem im vergangenen Jahr war der Einsatz der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter um die zuständige Pastorin Hanna Dallmeier und den Vorsitzenden Berndt Waltje gefragt. Größtes Highlight war die Jubiläumsfeier zum 40-jährigen Bestehen des Antikriegshauses. Dessen Präfix „Anti“, also „gegen“, hatte seinerzeit bei der Gründung auf Initiative des überaus engagierten Pastors Klaus Rauterberg und seiner Mitstreiter seinerzeit reichlich Gegenwind im Dorf und in der Kirchengemeinde entfacht. Gleichwohl genießt die „Dokumentationsstätte zu Kriegsgeschehen und Friedensarbeit“, wie der offizielle Name lautet, inzwischen allseits hohe Anerkennung für ihren mannigfachen Einsatz in Sachen Friedens- und Kulturarbeit.
Mit einem anderen Jubiläum startete das Jahresprogramm beim Sievershäuser Neujahrsempfang im Januar: Der Förderverein des TSV 03 Sievershausen, mit 20 Jahren seit Gründung ebenfalls Jubilar, richtete den Empfang aus, auf dem das Antikriegshaus gleichzeitig das fünfjährige Bestehen als Nagelkreuz-Zentrum feiern konnte. Damit zählen die Kirchengemeinde und das Antikriegshaus zu den weltweit 160 Nagelkreuz-Gemeinden im Sinne der Arbeit des Zentrums im englischen Coventry, in denen das Streben nach Frieden und Versöhnung im Vordergrund steht. „Das ist eine große Wertschätzung der Arbeit hier und eine Auszeichnung für den Verein“, sagte die ehemalige Superintendentin Gisela Fähndrich, Präsidentin des Antikriegshauses.
Ebenfalls auf fünf Jahre seit Gründung besteht die Stiftung „Frieden ist ein Menschenrecht“, deren Sinn und Zweck ebenfalls in der Unterstützung der Friedensarbeit besteht und mittels der auch finanziell Opfern von Krieg und Folter geholfen werden kann. Zudem wird aus dem Stiftungsvermögen das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro für die „Sievershäuser Ermutigung“, einen alle zwei Jahre vergebenen Preis für besonders engagierten Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, erwirtschaftet. Ende 2020 wird die Jury den Preis zum zehnten Mal vergeben.
Die evangelische Landeskirche hat die Stätte außerdem als einen von sechs Friedensorten in Niedersachsen anerkannt. Elvin Hülser, Referent für Friedensarbeit und Geschäftsführer des Antikriegshauses, sowie die Mitarbeiter Angelika Schmidt und Maik Bischoff werden von Kommunen, Vereinen und anderen Organisationen für Referate angefragt und bieten friedenspädagogische Arbeit für alle Altersklassen in Schulen an.
Diese wird auch immer wieder direkt im Antikriegshaus praktiziert: Schon seit 1969 finden in Sievershausen jedes Jahr internationale Workcamps statt, bei denen junge Menschen aus aller Welt zusammenkommen, um gemeinsam dort zu arbeiten. 2018 waren 18 junge Frauen und Männer aus neun Nationen für zwei Wochen im Antikriegshaus zu Gast. Neben Besuchen in Berlin und Bergen-Belsen hatten die Besucher den Arbeitsauftrag, neue Figuren für das Gartenschachspiel zu bemalen. Das eigentlich kriegerisch ausgelegte Spiel erhielt durch die Bemalung und Beschriftung mit Artikeln aus der Carta der Menschenrechte eine ganz neue Bedeutung. In der wärmeren Jahreshälfte sollen auf dem Freiluftfeld am Antikriegshaus Schach-Turniere stattfinden.
Das Workcamp mit seinen internationalen Begegnungen war auch Höhepunkt und Abschluss für das freiwillige Jahr von Nicolás Hernandéz Chimenéz und Samir Mührasst Iriarte. Die beiden Studenten aus Kolumbien hatten mit ihrem Einsatz ein Jahr lang die Arbeit im Antikriegshaus unterstützt und zum Abend der Begegnung für die Vorstellung ihres Landes gemeinsam mit Gisela Fähndrich eine Ausstellung erarbeitet.
Neben Musik- und Literaturveranstaltungen sowie Diskussionsabenden, darunter auch mit der Lehrter Fridays-For-Future-Gruppe zum Beginn der Friedensdekade, war die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft der Friedensgruppen in Deutschland (AGDF) ein weiterer Höhepunkt im Jahresprogramm – eine Aktion, die nur mit dem Einsatz vieler freiwilliger Helfer zu stemmen war.
2020 wird wieder ein ganz besonderes Jahr im Antikriegshaus sein: Im August gilt es, deutschlandweit 100 Jahre Workcamps zu feiern. Die Sievershäuser Gruppe ist eine von zweien, die zu dieser Feier nach Berlin reisen wird.
Mit einer spannenden Veranstaltung zum Shoah-Gedenktag startet das Programm im Antikriegshaus ins neue Jahr: Am Sonntag, 26. Januar, um 16 Uhr befasst sich der Historiker und Antisemitismusforscher Uffa Jensen unter dem Titel „Zornpolitik - Gefühle und antisemitische Ressentiments gestern und heute“ mit der Emotionalisierung von Politik und damit zusammenhängenden Verneinungsgefühlen und Ausgrenzungstendenzen. Jensen ist Historiker und Inhaber einer Heisenberg-Forschungsprofessur am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Die Veranstaltung wird unterstützt von der „Initiative Kirche für Demokratie - gegen Rechtsextremismus“ (IKDR) statt, der Eintritt ist frei.