Politiker sollen nicht nur in Wahlperioden denken

„Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut!“ Rund 200 Demonstranten, überwiegend Schüler, protestierten mit Plakaten und Parolen für eine nachhaltige und umweltfreundliche Klimapolitik. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
„Birne statt Mango“ bot Gudrun Schmal als gesunden Snack aus heimischem Anbau an – und als Zeichen gegen teuer und umweltschädlich transportierte exotische Früchte. (Foto: Susanna Veenhuis)

200 Lehrter demonstrierten friedlich am weltweiten Fridays for Future Protesttag

LEHRTE (sv). 30.000 Menschen demonstrierten in Hannover, 70.000 in Hamburg – und immerhin 200 auch in Lehrte am internationalen Streiktag der Aktion „Fridays for Future“ (FfF), die deutschlandweit 1,4 Millionen Menschen mobilisierte. „Die wollen doch nur Schule schwänzen“, lautete es bisweilen von den Passanten. Hätten diese aber nicht nur über, sondern mit den Schülern gesprochen, hätten sie feststellen können, dass selbst die Fünftklässler fundiert informiert und auch argumentatorisch sicher sind bei der Begründung, warum sie kostbare Bildungszeit versäumen und stattdessen demonstrieren. Schließlich geht es um nichts Geringeres als ihre Zukunft und Existenz.
„Wenn die Politiker wieder richtige, klimaschützende Entscheidungen treffen, werden wir ihnen auch wieder vertrauen“, brachte es Thore Meiwes als Sprecher der Lehrter FfF-Gruppe auf den Punkt. „Es gibt keine Grauzone – entweder retten wir den Planeten oder nicht“, sagte Jonas Prüß am Versammlungsort der Demonstranten am Brunnen vor dem Kurt-Hirschfeld-Forum. Der Immenser Geowissenschaftler und Klimatologe Marcus Fernitz-Krüger forderte die Politiker auf, nicht nur in Wahlperioden und an ihre Machtansprüche zu denken, sondern zukunftsweisend und allumfassend zu handeln. Er verglich die Erde mit einem riesigen, leckgeschlagen Schiff mit heftiger Schlagseite. „Vor 30, 40 Jahren hätten wir die Lecks stopfen müssen, als sie noch kleiner waren!“
„Wir wollen friedlich und gewaltfrei für den Klimaschutz demonstrieren“, gab Luca Schneider, ebenfalls Lehrter FfF-Koordinator, den Kodex für den Protestzug bekannt, bevor sich die 200 Schüler und auch einige Erwachsene mit selbst gemalten Schildern auf den Weg durch die Lehrter Innenstadt machten. „Es gibt keinen Planet B“ und „Hurry up or game over“ war darauf zu lesen, auch mal launig „Damit ich auch in Zukunft friere, wenn ich im Winter demonstriere“.
„Kohlekonzerne baggern in der Ferne, zerstören uns're Umwelt nur für einen Batzen Geld“, skandierten die Protestler auf dem kurzen Weg durch die Friedrich-, Manske und Parkstraße zurück zum Ausgangspunkt. Entsprechend der diesmal realistischen angemeldeten Zahl von 250 Demonstranten hatte die Lehrter Polizei zwei Mannschaftswagen mit fünf Beamten zur Begleitung abgestellt. „Es gab keine Probleme“, sagte die Einsatzleiterin, Polizei-Oberkommissarin Tatjana Knust. Im Gegenteil: Für Silja Gerlach aus Ahlten war die Polizei der Freund und Helfer. Trotz ihrer Knieverletzung wollte die auf Gehhilfen angewiesene Zehnjährige unbedingt mitmarschieren. Dazu durfte sie dann im Polizeiwagen mitfahren.
Ostsee statt Malediven, Ökostrom statt Braunkohlekraftwerke und weitere Forderungen hatte Gudrun Schmal aus Aligse auf ihrem Plakat aufgelistet, auf dem sie auch Birne statt Mango anpries – selbst geerntet, geschnitten, getrocknet und als gesunden Snack umweltfreundlich verpackt. Sie und ihre Kollegen von einer Aligser Umweltfirma hatten sich dem Protest angeschlossen.
Reinhard Nold, Vorsitzender der Ortsgruppe Lehrte des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) und Verdi-Vertreter, übermittelte den FfF-Organisatoren die Unterstützung des Ortsverbands. „Wir brauchen eine Transformation der Gesellschaft“, sagte Nold und forderte unter anderem eine gerechte Verteilung der globalen Wertschöpfung. Gleichzeitig dürfe die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen nicht zu einer untragbaren höheren Steuer- und Ausgabenbelastung für Gering- und Normalverdiener werden. Nur mit gesellschaftlichem Druck würden die notwendigen Rahmenbedingungen für das Erreichen der Klimaziele geschaffen und geleichzeitig die Interessen der Beschäftigten und sozial Schwachen gewahrt werden. „Wir brauchen eine starke gesellschaftliche Bewegung, so wie sie die Streiks der Schüler angestoßen haben“, sagte der Gewerkschafter. Auch deshalb sei der Schülerprotest so wichtig. „Ihr setzt damit ein deutliches Zeichen auch gegen die Populisten.“