„Nachdenken, und es jetzt besser machen“

Einweihung der Skulptur an der Burgdorfer Straße (von links): Göksel Güner, Hasan Kurtulus, Stephan Weil, Gül Özge Kaya und Frank Prüße. (Foto: Gabriele Gosewisch)

Ministerpräsident Stephan Weil formuliert Demut und dankt Hasan Kurtulus

Lehrte (gg). Die Enthüllung der Bronze-Skulptur in Lehrtes Zentrum an der Burgdorfer Straße geriet am Freitagabend zu einem historischen Ereignis. Nach der Begrüßung von Bürgermeister Frank Prüße fand Ministerpräsident Stephan Weil in seiner Ansprache große politische Worte, dankte dem Lehrter Mäzen Hasan Kurtulus und mahnte zur Demut. Die Skulptur, „Mann mit Anzug, Hut und Koffer“, symbolisiere das typische Erscheinungsbild der sogenannten Gastarbeiter in den 70er. Die Arbeitskräfte, die nach den damaligen Anwerbeabkommen in Deutschland ankamen, seien in Bezug auf die damals im Wirtschaftswunder benötigten Arbeitskräfte eine „industrielle Reservearmee“ gewesen. Stephan Weil mahnte mehrfach: „Seien wir ehrlich“. Schlechte Unterkunft und Bezahlung kombiniert mit gesellschaftlicher Ausgrenzung sei gelebte Realität gewesen und „kein Ruhmesblatt der deutschen Gesellschaft“, so der Ministerpräsident. Und bis heute sei es nicht vollständig gelungen, die Vorurteile abzuschaffen. „Peinlich und beschämend“ nannte Stephan Weil die vielen Facetten der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Dass die Menschen aus der Türkei, aus Spanien, Italien, Griechenland und aus den Ländern des früheren Jugoslawiens den Weg nach Deutschland gewählt haben, sei ein Ausdruck von bitterer Not in den jeweiligen Heimatländern gewesen. Und, ohne ihre Leistung hätte es den wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland nicht gegeben, ist er sich sicher. Die Skulptur sei „Stoff zum Nachdenken“, aber auch ein Anlass. „Wir wollen es jetzt besser machen“, so das Schlusswort des Ministerpräsidenten.
„Wertschätzung und Respekt“ für die Leistung und Tatkraft der Arbeitsmigranten drücke die Bronze-Skulptur aus, so die Beschreibung von Gül Özge Kaya, Generalkonsulin der Republik Türkei in Hannover. Für ihre staatstragenden Worten und Werben für ein friedliches Zusammenleben gab es spontanen Applaus der rund einhundert Zuhörer, darunter Lehrter Ratsmitglieder und Vertreter der Bundes-, Landes- und Regionspolitik.
Hasan Kurtulus vermittelte in seine Ansprache Dynamik. Zum Antrieb der Arbeitsmigranten der 70er Jahre fasste er kurz und knapp zusammen: „Mit dem Ziel, den eigenen Kindern eine bessere Zukunft zu geben, und mit dem Versprechen, mit Arbeit den sozialen Aufstieg zu schaffen“, sei ein „langer, schmerzhafter Weg“ beschritten worden. Er hoffe auf die Abschaffung des Wortes Gastarbeiter. „Was denn nun, Gast oder Arbeiter?“, so der Widerspruch. Wie die Skulptur, die in der Mitte von Lehrtes Zentrum platziert ist, sehe er die Zukunft der Menschen. Völlig überflüssig sei es zu zählen, wie viele Generationen seit dem Anwerbeabkommen in Deutschland aufgewachsen sind. Brachen, Berufe, in jedem Arbeitsbereich und in allen Ausbildungsstufen seien Menschen jeglicher Herkunft gemeinsam tätig, so seine Betonung. Dabei gab es einen kurzen Blick zu seinem langjährigen Freund und früherem Schulkameraden im ersten Jahrgang der Albert-Schweitzer-Schule Göksel Güner, der an der Zeremonie teilnahm. Göksel Güner ist ein in Hannover bekannter Industriemanager. Als Geschäftsführer der Komatsu Germany GmbH hat er großes Ansehen erlangt, weil der den vor rund 20 Jahren kränkelnde Industrie-Standort Hannover stabilisierte. Er wurde vor zwei Jahren in den Vorstand der Komatsu Europe International N.V. berufen, ist Chief Operating Officer (COO). Seite an Seite mit Hasan Kurtulus wurde die private freundschaftliche Verbundenheit deutlich sichtbar. Entsprechend launig wurde die Bronze-Skulptur enthüllt, einladend auf einer Bank platziert, so dass man sich gerne daneben setzt – ganz der Idee von Hasan Kurtulus folgend.
Ausdrückliche Würdigung des unternehmerischen Erfolgs von Hasan Kurtulus, der international wirkenden Kurt-Zeitarbeit GmbH, und Dank für seine Unterstützung der Stadt Lehrte formulierte Bürgermeister Frank Prüße. Engagiert in gleicher Weise sei immer auch Jürgen Teiwes gewesen, der in diesem Projekt auch die Vermittlung in den politischen Gremien und im Gymnasium vorangetrieben habe. Die Schülerfirma des Gymnasiums hat eine Ausstellung zum Thema Anwerbeabkommen im Forum realisiert. Unter der Leitung der Lehrer Ralph Grobmann, Markus Bauer, André Bien und Melike Ebru Ince ist zudem ein Theaterstück und eine multimediale Zeitzeugen-Quelle entstanden.