Mit dem Bajan als Begleitinstrument

Bariton Sven Erdmann (links) und Akkordeonist Manolis Stagakis gastieren am 3. und 10. Februar in Sehnde und Lehrte. (Foto: Privat)

Schuberts Winterreise soll emotional herausfordern

LEHRTE-SEHNDE (r/gg). Mit „Mariä Lichtmess“ am 2. Februar endet die christliche Weihnachtszeit. Doch statt Frühlingsahnung macht sich, wenn auch nur musikalisch, erst einmal kalter Winterhauch in Ilten und Lehrte breit: Mit dem Liederzyklus „Die Winterreise“ von Franz Schubert am Sonntag, 3. Februar, um 18 Uhr in der Barockkirche in Ilten und eine Woche darauf, am 10. Februar um 17 Uhr, in der Lehrter Matthäuskirche.
Es sind keine gewöhnlichen Aufführungen, die der Bariton Sven Erdmann und sein Begleiter Manolis Stagakis, beide aus Hannover, den Konzertbesuchern präsentieren. Denn der Sänger wird nicht, wie vom Komponisten vorgesehen, auf dem Pianoforte begleitet. Manolis Stagakis spielt den Klavierpart statt dessen auf dem Bajan, einem Konzert-Knopfakkordeon. Die Zuhörer erleben so eine ganz neue Fülle an Klangfarben und eine enorm differenzierte Dynamik, ohne dass das Werk in seiner Komposition und seinem Ablauf verändert wird. Schuberts „Winterreise“ ist technisch und interpretatorisch eine Herausforderung für Sänger und Begleitinstrument. Das Bajan wird auch den Zuhörern einen neuen emotionalen Zugang zu dem Liederzyklus öffnen.
Für die Iltener Barockkirche ist die Kombination eine besonders glückliche Fügung. Weil dort weder Flügel noch Klavier Platz finden, wäre eine klassische „Winterreise“-Aufführung nie möglich. Für Zuhörer und Künstler gleichermaßen spannend wird das Konzert in Lehrte, denn Manolis Stagakis und Sven Erdmann werden in der viel größeren Matthäuskirche auf eine gänzlich andere Akustik treffen.
Inhaltlich beschreibt der Liederzyklus „Die Winterreise“ eine gescheiterte Liebe und ihre Folgen. Der Enttäuschte verlässt seine vergebens Angebetete im Winter bei Nacht und Nebel. Die Stationen seiner Wanderung, vom Lyriker Wilhelm Müller 1826 in 24 Gedichte gefasst und von Franz Schubert ein Jahr später vertont, entfalten alle Stimmungen von überschwänglicher Freude bis zu hoffnungsloser Verzweiflung. Häufige Wechsel von Dur und Moll verdeutlichen die emotionale Berg- und Talfahrt. Die melancholischen Klangfarben des Bajan verstärken dieses Erlebnis eindrücklicher, als es wohl ein Klavier je könnte.
Der „Winterreise“ wird auch eine politische Dimension zugesprochen: Als Ausdruck zunehmender Unzufriedenheit vieler Interlektueller im frühen 19. Jahrhundert mit der Ära der Restauration. Nach dem Wiener Kongress waren die Ideen der französischen Revolution und die aufgekeimten Hoffnungen auf größere Liberalität von der Obrigkeit schnell zunichte gemacht.
Für beide Konzerte wird kein Eintritt erhoben. Die Kirchengemeinden Ilten und Matthäus in Lehrte sind für freiwillige Spenden am Ausgang dankbar.