Ministerpräsident und mehr als 1.000 Besucher bei der Mai-Kundgebung des DGB Lehrte

"Ich komme aus einem Vorort von Lehrte", lobte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (Mitte, hier mit der Landtagsabgeordneten Dr. Silke Lesemann und Bürgermeister Klaus Sidortschuk sowie dem aus Lehrte stammenden Bezirksvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnahmerfragen der SPD, Hans-Jürgen Licht bei seinem Eintreffen bereits mehr als eine Stunde vor seinem Redebeginn) die gute Publikumskulisse der DGB-Maikundgebung auf dem Lehrter Rathausplatz. (Foto: Walter Klinger)
 
Das Wetter auf Arbeitgeberseite, wie Ministerpräsident Stephan Weil (vorn, 2. v.l.) es scherzhaft wissen wollte? Der kritische Blick des Lehrter DGB-Vorsitzenden Reinhard Nold (links) schien das zu bestätigen - doch dann ließen mehr als 1.000 Besucher/innen die Gewerkschafter bei ihrer Veranstaltung nicht im Regen stehen. (Foto: Walter Klinger)
Lehrte: Rathausplatz Lehrte |

Mindestlohn, Frieden und Sozialstandards standen im Mittelpunkt

LEHRTE. Auch wenn, wie als Hauptredner Ministerpräsident Stephan Weil scherzte, das (Regen-)Wetter wohl auf Arbeitgeberseite stehe, sorgte die hochkarätige Besetzung der Mitwirkenden bei der diesjährigen 1. Mai-Kundgebung am "Tag der Arbeit" für einen vollen Lehrter Rathausplatz. Im Vergleich zur Kundgebung in Hannover mit 10.000 Besuchern war die Lehrter Veranstaltung mit mehr als 1.000 Teilnehmern ein achtbares Zehntel so groß und bestätigte damit ihren Ruf als größte Mai-Kundgebung nach der in Hannover, wie sich auch Bürgermeister Klaus Sidortschuk freute. "Ich komme aus einem Vorort von Lehrte", spendete auch der Ministerpräsident für die gute Teilnehmerkulisse in Lehrte Lob.
Natürlich ging es in den Redebeiträgen - auch von Betriebs-/Personalräten von Miele und dem KRH-Klinikum - auch um konkrete Sorgen: So das weitere Auseinandergehen der "Schere" zwischen Arm und reich, um gute Gesundheitsfürsorge für alle, der möglichen Verwässerung der Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren, dem Unterlaufen sozialer Standards durch Werkverträge mit Arbeitskräften nicht zuletzt aus Südosteuropa, der hohen Arbeitslosigkeit insbesondere der Jugend dort und den Frieden in Europa.
Dabei standen die Gewerkschafter zum Kundgebungsbeginn nicht mehr im Regen. Auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), schon mehr als eine Stunde vor seiner Rede eingetroffen, um den Auftaktgottesdienst und die Einstimmung durch den Lehrter DGB-Ortskartellvorsitzenden Reinhard Nold mitzuerleben, konnte schließlich den Schirm einklappen.
Solidarität, heute im Wirtschaftsbereich leider schon fast ein Schimpfwort, stehe im Einklang mit der christlichen Nächstenliebe und beinhalte die Pflicht zum Teilen. Ein Arbeitsplatz und die Anerkennung der Arbeit durch faire Entlohnung, die ein versorgtes Leben (auch später im Alter) ermögliche, sei unverzichtbarer Teil der Menschenwürde, führte der katholische Lehrter Pfarrer Roman Blasiekiewicz aus, der mit seinem evangelischen Amtsbruder Andreas Anke den traditionellen ökumenischen Gottesdienst gestaltete.
"Da hat jedes Wort gesessen", dankte für diese Einstimmung auch der Liedermacher und Linken-Bundestagsabgeordnete Diether Dehm, der zur E-Piano-Begleitung durch Michael Letzt angesichts der derzeitigen Sorgen Antikriegs-Gedichte und Lieder von Brecht, aber auch eigene Songs (darunter auf Weils Wunsch auch "Monopoly"), sang und rezitierte.
"Die Eurokrise ist noch nicht dabei", bilanzierte der Lehrter DGB-Vorsitzende Reinhard Nold und forderte angesichts der immer stärker steigenden Vermögen der Superreichen, die noch wenig zur Bewältigung der Krise beigetragen hätten, insbesondere für die krisengeschüttelten südlichen Länder einen europäischen "Marshallplan" (von der Art, wie er auch nach dem Krieg in Deutschland den Aufbau von Industrie zur Arbeitsplatzbeschaffung ermöglicht hatte, Anm.d.Red.). Die Wiedereinführung der Vermögenssteuer und eine Transaktionssteuer für Aktienverkäufe könnten dazu erste Schritte sein.
"Wir freuen uns über eine erfolgreiche Wirtschaft und sind bereit dafür zu arbeiten", begann Ministerpräsident Stephan Weil seine kämpferische Rede. Gerade deshalb sei es "absolut nicht in Ordnung", dass sich die "Einen die Taschen voll stecken und die Anderen immer weiter hinten anstehen".
Weil ptrangerte die Werkvertragsregelungen und deren Ausuferungen auf dem Arbeitsmarkt an: „Es könne nicht sein, dass es in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland Menschen gibt, die von ihrem Lohn nicht leben können und der Steuerzahler .jedes Jahr zehn Milliarden Euro aufbringen muss, um diese sogenannten Aufstocker zu unterstützen“. "Der flächendeckende Mindestlohn muss deshalb das Ergebnis des Jahres 2014 sein", sagte Weil.
In Deutschland, wo ein Fünftel der Jugendlichen ohne qualifizierten Abschluss ins Berufsleben gehe, wie in Europa, wo in mehreren Ländern mehr als die Hälfte des Nachwuchses arbeitslos sei, bedürfe es großer gemeinsamer Anstrengungen. Das in Niedersachsen in wenigen Jahren angestrebte Ziel eines flächendeckenden Systems guter Ganztagesschulen gehöre dazu.
Der Ministerpräsident setzte in Lehrte auch ein persönliches Zeichen für gute Bildung und unterschrieb an deren Infostand auf dem Rathausplatz das Bildungsmanifest der IG Metall. Die Gewerkschaft fordert darin ein Berufsbildungsgesetz, das alle Formen der betrieblichen Ausbildung erfasst, Qualitätsstandards festschreibt und Mitbestimmung auch an Berufsschulen ermöglicht.
Weil bestätigte die - insbesondere leider in Niedersachsen - starke Unterfinanzierung der Krankenhäuser, an deren Besserung im Sinne guter Pflege gemeinsam gearbeitet werden müsse. Noch eines erschrecke ihn: Wie schnell jetzt, Stichwort: Ukraine, nach der längsten Periode des Friedens in Europa "wieder die kalten Mechanismen greifen". Freiheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit müssten das Ziel sein, das statt Besserwisserei und Bürokratie aber auch erfordere, dass die Europäische Union entscheidend mit dafür sorge, dass die Kommunen in die Lage versetzt werden, die Probleme vor Ort anzugehen.
Die Verbundenheit mit Lehrte bekräftigte Weil, zuvor letztmals bei der Verabschiedung von dessen erster ehrenamtlichen Bürgermeisterin Jutta Voß im Rathaus, mit der Eintragung in das Goldene Buch der Stadt.