Lehrter Teiche sollen Versuchslabore sein

Kolshorn: Der Biologe Robert Nikolaus untersucht, welche Kleinstlebewesen sich am eingebrachten Totholz angesiedelt haben. (Foto: Sven Matern)
 
Der steile Uferbereich begrenzt auch die Biodiversität. (Foto: Eva-Maria Cyrus)

Hannoveraner Angler und Berliner Forscher setzen EU Biodiversitätsziele um

Lehrte (r/gg). In der Region wird für mehr Artenvielfalt am und im Wasser gekämpft: Angelvereine des Angelverbands Niedersachsens (AVN) und Forscher vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) möchten Baggerseen als Lebensraum für Tiere und Pflanzen aufwerten. Biologen waren daher am Kolshorner und Steinwedeler Teich unterwegs. Sie überprüften verschiedene Maßnahmen, die seit dem Jahr 2017 an diesen und zehn weiteren Seen vollzogen werden: zur Steigerung der Fischpopulationen und Erhöhung der biologischen Vielfalt.
Boot fahren ist am Kolshorner und Steinwedeler Teich eigentlich verboten. Doch wer kürzlich an einem der beiden Seen den Spätsommer genossen hat, dem sind vielleicht das grüne Forschungsboot und das graue Projektmobil vom Forschungsteam "Baggersee" aufgefallen. Die Biologen testen verschiedene Möglichkeiten, wie die Artenvielfalt in und an Baggerseen mit Hilfe von Anglern erhöht werden kann.
„Schaut man sich das Volumen kleiner Baggerseen alleine in Niedersachsen an, schlummert hier ein riesiges Potential zur Förderung der wassergebundenen Artenvielfalt“, erklärt Projektkoordinator Professor Robert Arlinghaus vom IGB und der Humboldt-Universität zu Berlin. Denn im Bundesland der Pferde gibt es kaum Naturseen. Den größten Flächenanteil (rund 40 Prozent) bilden vom Menschen geschaffene Gewässer kleiner zehn Hektar. Baggerseen größer zehn Hektar machen 33 Prozent aus. Leider bieten die rund 30.000 niedersächsischen Baggerlöcher, die aufs Jahr gerechnet schonmal gut und gerne auf 30 Millionen menschliche Besuchertage kommen, für Gäste aus dem Tier- und Pflanzenreich meist keine optimalen Lebensbedingungen. Die Idee des Projektteams ist darum, Baggerseen aktiv so umzugestalten, dass dort mehr heimische, teils bedrohte Wasserpflanzen, Insekten, Wasservögel und Fische ein zu Hause finden.
Im Kolshorner See versenkte der Fischereiverein Hannover Totholzbündel am Ufer. Diese sollen Fischen, Insektenlarven und Kleinstlebewesen als Pflanzenersatz dienen. Denn eine ausgedehnte Unterwasserflora kann an den steil abfallenden Ufern von Baggerseen kaum gedeihen. Bislang konnte das Baggerseeteam herausfinden, dass diese neuen Strukturen von Fischen und Wirbellosen sehr gut als neuer Lebensraum angenommen werden. Ob es dadurch jedoch zu einer Bestandssteigerung – also mehr Fisch udn Insektenlarven in Kolshorn – gekommen ist, muss sich über die Jahre noch zeigen. Jedes Jahr rücken darum die Biologen aus Berlin zur Untersuchung der Fischpopulationen und Gesamtartenvielfalt aus.
In Steinwedel wurde etwas anderes versucht: Der Fischereiverein Hannover kaufte Fische, ließ diese durch die Berliner Wissenschaftler markieren und setzte sie dann in den See. Der Fischereibiologe Sven Matern erklärt: „Fischbesatz ist eine häufige Praxis von Angelvereinen, um Fischbestände in den Vereinsseen zu erhöhen. Doch wird dabei meist vergessen, dass jedes Gewässer nur begrenzt viele Tiere beherbergen kann. Wenn mehr Fische im Baggersee überleben sollen, muss dieser auch mehr Futter und Verstecke bereitstellen. Darum denken wir, dass Fischbesatz oft nicht den gewünschten Erfolg hat.“ Wird der Fokus stattdessen auf eine Verbesserung des Lebensraums gesetzt, könnten davon nicht nur Fische profitieren, sondern auch andere Arten entlang der Nahrungskette – zum Beispiel Libellen. Bezüglich abschließender Ergebnisse müssen Interessierte sich noch bis Projektende gedulden. Doch verrät Matern, dass er bei den Probebefischungen bislang kaum markierte Besatzfische wiedergefangen hat. Dies deckt sich mit vorangegangenen Untersuchungen zum Thema.
Um die Studie wissenschaftlich hieb- und stichfest zu machen, wurden noch drei andere niedersächsische Baggerseen mit Totholz bestückt und drei weitere mit Fischen besetzt. An vier zusätzlichen Baggerseen wurde die „Lebensraum-Luxus-Variante“ umgesetzt: Hier versenkten die Angler nicht nur Totholz, sondern ließen dazu eine Flachwasserzone ausbaggern, in der nun Unterwasserpflanzen sprießen. Zudem gibt es vier Kontrollseen, in denen nichts unternommen wird, außer der regelmäßigen Beprobung der Fischpopulationen und des Arteninventars. Projektergebnisse sind im Jahr 2022 zu erwarten.