Klassenfoto mit Massenmörder

Buchautor Jürgen Gückel liest am 20. Oktober im Antikriegshaus. (Foto: Antikriegshaus)

Lesung mit Jürgen Gückel im Antikriegshaus

SIEVERSHAUSEN (r/gg). Am Sonntag, 20. Oktober, um 16 Uhr kommt Jürgen Gückel in das Antikriegshaus, Kirchweg 4A, und liest aus seinem Buch „Klassenfoto mit Massenmörder“.
Jürgen Gückel, aufgewachsen in Stederdorf, später fast vier Jahrzehnte als Redakteur und Korrespondent für die Zeitungen der Madsack-Gruppe tätig und für seine Arbeiten vielfach ausgezeichnet, hat ein Erlebnis seiner Kindheit niemals losgelassen: Sein Lehrer Walter Wilke wird während des Unterrichts von der Polizei abgeholt und später in einem der ersten großen Prozesse über deutsche Verbrechen in Osteuropa verurteilt. In seinem kleinen Ort wird über die Sache nicht gesprochen. Später kehrt der Mann zurück und lebt bis zu seinem Tod 1989 zurückgezogen im Dorf.
Jürgen Gückel hat die ganze Geschichte recherchiert und darüber ein Buch geschrieben. Walter Wilke war in Wahrheit Artur Wilke, geboren 1910, der nach dem Krieg die Identität seines gefallenen Bruders angenommen hatte. Artur selbst war studierter Theologe und Archäologe, im Dritten Reich zum Kriegseintritt 1939 der SS beigetreten und dort die Karriereleiter hochgeklettert. Er wurde einem Einsatzkommando in Minsk in Weißrussland zugewiesen, wo er die Massentötungen von westlichen wie weißrussischen Juden in Minsker Ghettos überwachte. Er war nachweislich an Massenerschießungen von Juden beteiligt, galt als gefürchteter Partisanen-Jäger und wurde nach dem Krieg dann Volksschullehrer. Sein Name ist mit grauenhaften Kriegsverbrechen verbunden. 1963 wurde er vom Landgericht Koblenz für „sechs Massentötungen von Juden“, deren Gesamtzahl vom Gericht auf 6.600 Menschen geschätzt wurde, zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Das Buch zeichnet nicht nur eine spektakuläre deutsche Biografie im 20. Jahrhundert nach – die Entwicklung eines Intellektuellen zum Täter und die Verneinung jeglicher persönlicher Schuld –, sondern auch das Wegsehen der Gesellschaft. Es zeigt auf, wie schwierig das Erinnern ist, wie unterschied­lich Erlebtes bewertet wird und wie schwer die Erarbeitung historischer Wahrheit letztlich ist.
„Jürgen Gückel nimmt seine Leser mit auf seine Suche nach der historischen Wahrheit“, sagt Jörn Laakmann, Verlagsprogrammchef bei Vandenhoeck&Ruprecht, wo das Buch im September erschien. Sein Buch sei auch für Nicht-Historiker so gut lesbar, dass es den eigentlich schweren Stoff einem breiteren Publikum zugänglich machen würde.
Jürgen Gückel wird im Antikriegshaus Passagen aus seinem Buch lesen und auf Fragen aus dem Publikum eingehen.