„Klare Kante“ gezeigt

Für Toleranz und Vielfalt demonstrierten rund 250 Leute vor dem Dorfgemeinschaftshaus in Steinwedel. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Schottische Klänge zu friedlichem Protest: Anne-Kathrin Albert und Thorsten Brandes begleiteten die Aktion musikalisch. (Foto: Susanna Veenhuis)

Friedlicher Protest gegen AfD-Sitzung im Dorf

STEINWEDEL (sv). „Ich wollte immer schon mal jemandem den Marsch blasen!“ Anne-Kathrin Alberts rote Lippen umspielt ein Lächeln, dann steckt sie wieder das Mundstück dazwischen und entlockt ihrem Dudelsack bekannte schottische Weisen, während Thorsten Brandes dazu auf seiner riesigen Pauke den Takt schlägt. Die beiden Burgdorfer Musiker haben ein sehr gemischtes Auditorium an diesem Abend auf der Ramhorster Straße in Steinwedel: Auf der von der Polizei abgesperrten Straße werden bunte Fahnen und Plakate geschwenkt. „Für Toleranz, Vielfalt, Freiheit“, „Hass ist keine Meinung“ oder „Steinwedel bleibt bunt“ steht auf den Plakaten, die einige der rund 250 Demonstranten schwenken. Auf der anderen Seite stehen zwei Männer ganz in Schwarz: die Ordnungshüter. Und vielleicht reichen die durchdringenden Dudelsacktöne auch noch bis in das Dorfgemeinschaftshaus (DGH), wo die Lehrter AfD-Fraktion zu einer öffentlichen Sitzung eingeladen hat. Das war der Anlass für die Demonstration.
Fraktionschef Ulrich Gürtler und -kollege Stefan Henze rechneten nach eigenen Angaben mit zwölf bis 50 Besuchern, um politische Arbeit im der Öffentlichkeit vorzustellen. Bei der Suche nach einem geeigneten Raum fand sich im Bereich der Stadt Lehrte nur das DGH, wo auch politische Veranstaltungen zugelassen sind. Viele Einwohner und der Ortsrat hatten sich entschieden gegen die Nutzung des DGH durch diese Partei ausgesprochen. 35 Interessenten fanden den Weg zur Sitzung im Steinwedeler DGH. Auch einige der Demonstranten hörten zeitweise den Ausführungen Gürtlers zu.
Draußen formierten sich etwa 250 Menschen zum friedlichen Protest. Rund 20 Frauen und Männer vom Vier-Dörfer-Zusammenschluss „STARK“ – Steinwedel, Aligse, Röddensen, Kolshorn – hatten die Aktion organisiert, für Grillgut, Getränke und vegan belegte Brote gesorgt und viel Zuspruch erhalten. Neben der Antifaschistischen Aktion zeigten auch die Naturfreundejugend und viele Privatleute Flagge. „Ich bin hier für die Menschen, die miteinander Vielfalt und Toleranz leben und eintreten gegen Hass, Ausgrenzung und das Wiedererstarken von Rechts“, sagte Monika Hartmann-Bischoff aus Steinwedel. Kerstin und André Weiß „finden es gut, dass sich solch eine Gruppe gebildet hat, die so schnell und gut eine Demonstration organisiert hat!“.
„Freiheit, Meinungsvielfalt, Respekt und Toleranz – wir leben das schon immer, nicht nur in der Familie, sondern auch hier in Steinwedel“, sagte Ortsbürgermeister Jens Utermann, der auch im Namen des Ortsrats „klare Kante zeigen“ wollte. „Man steht hier auch für die eigenen Enkelkinder“, erklärte Angela Thimian-Milz aus Garbsen. Ihre Gruppe „Omas gegen Rechts“ zählt mittlerweile gut 2500 Mitglieder in Hannover und Umgebung. „Zusammen leben, zusammen wachsen“ ist das Motto der diesjährigen interkulturellen Woche in Deutschland, sagte der Immenser Pastor Thorsten Leißer. Der Demo-Termin sei gleichzeitig der Tag des Flüchtlings. „Flucht ist kein Verbrechen“, sagte Leißer und fügte hinzu: „Auch Seeenotrettung ist kein Verbrechen!“
Neben der Pipe- und Drumband hatte auch der Steinwedeler Gitarrist Daniel Fernholz Lieder zu Frieden, Vielfalt und Toleranz nach bekannten Melodien dabei, bei denen alle mitsangen und die er auf seiner Ukulele begleitete. Als „total friedlich und kooperativ“ bezeichneten die beiden begleitenden Polizeibeamten die Demonstranten und den Verlauf der Aktion, den sich auch einige Burgdorfer Kollegen gegen Ende der Aktion nicht entgehen lassen wollten. Um Konfrontationen zu vermeiden, hatten die Organisatoren die Demo vor Ende der Sitzung beendet, wie von der Polizei verlautete.