„Ja, es gibt Handlungsbedarf“

Giftiger Müll: Der Bereich Rethmarstraße war nach Sylvester nur ein Tatort der Umweltsünder. (Foto: Hartmut Scholz)

Immer mehr verstreuter Müll in der Feldmark

Lehrte (gg). „Im kleinen vergessen die Menschen, dass sie selbst es sind, die anfangen müssen, umweltgerecht zu denken und zu handeln“, schreibt der Lehrter Landwirt Hartmut Scholz nach dem Auffinden weiterer Müllmengen in der Feldmark. Er ist Hegering-Leiter, hört sich um und hat von den Lehrter Landwirten Bestätigung bekommen: „Die Fälle von illegaler Müllablagerung häufen sich im Corona-Lockdown und nach den Feiertagen ganz besonders.“ Er sei stinksauer, so sein Bekenntnis im Gespräch mit dem Marktspiegel. Dass Fastfood-Abfall, Sperrmüll und sogar jede Menge Gartenabfälle auf die Flächen der Landwirte gekippt werden, sei das eine. Aber es gebe noch eine Steigerung. So habe er Müllsünder schon auf frischer Tat ertappt. Diese hätten sich in keiner Weise einsichtig gezeigt, sondern seien noch in aggressiver Weise auf ihn zugekommen. „Als wollten sie mich noch umhauen“, schildert Hartmut Scholz die Situation. Vollkommen respektlos verhielten sich aber auch die vermeintlich aufmerksamen Spaziergänger. „Da laufen die Leute mit ihren Hunden über jegliche Grünflächen, auch über die extra aufwendig für den Naturschutz aufbereiteten Bereiche, und fühlen sich total im Recht. Aber das sind Rückzugsorte für Rehe oder Hasen. Wenn da überall drin rumgetrampelt wird, ist das der pure Stress für Tiere, die jetzt kaum Nahrung finden.“ Hartmut Scholz hofft auf mehr Aufmerksamkeit unter den Spaziergängern.
Auf Marktspiegel-Nachfrage unter den politischen Fraktionen im Rat bestätigen die Ratsmitglieder die Problematik. Thomas Schwieger, Linke-Fraktionsvorsitzender im Rat, schreibt: „In Sievershausen führen wir regelmäßig Müllsammelaktionen, organisiert im Ortsrat, durch. Meiner Ansicht nach, ist das Problem nicht neu. Sicherlich aktuell verschärft. Bei den Sammlungen haben wir im Umkreis große aha-Container gefüllt. Es existieren auch inoffizielle Müllplätze. In der Feldmark haben wir säckeweise mit Windeln, Flaschen und anderen Unrat gefunden. Ich frage mich, weshalb das Zeug mit dem Auto in die Natur gebracht wird und nicht beispielsweise nach Burgdorf, kostenfrei. In Lehrte haben wir Probleme mit den Papiersammelstellen. Wir als Linke plädieren für einen zusätzlichen Wertstoffhof in Lehrte. Ich kann mir jedoch auch vorstellen, dass bei einigen Bürger ein Informationsdefizit besteht.“
Maren Thomschke, SPD-Ratsfraktionsvorsitzende, schreibt: „Illegale Mülltentsorgung ist in Lehrte wie in der gesamte Region definitiv ein Problem. Viele Menschen haben schlicht keinen Platz zur Lagerung der zunehmenden Menge an Pappen und Verpackungen als Folge des ebenfalls zunehmenden Online-Handels. Andere kümmern sich einfach nicht um Natur und Umwelt und werfen mutwillig ihren Abfall in die Landschaft, obwohl es ja Anlaufstellen zur Entsorgung gibt.
Ja, es gibt hier einen großen Handlungsbedarf.“ Auf Initivative von SPD, Grünen und Linken sei die Stadtverwaltung bereits beauftragt worden, gemeinsam mit aha ein Konzept zur Papiermüllentsorgung im Süden und Westen der Kernstadt zu entwickeln. Die SPD-Abteilung Lehrte-Kernstadt fordere zudem die Prüfung der Wieder-Einrichtung eines Wertstoffhofes in Lehrte. Maren Thomschke erklärt: „Wir forden also, dass die Infrastruktur zur Müllentsorgung den veränderten Erfordernissen angepasst wird, dies stellt einen Baustein beim Umgang mit illegaler Müllentsorgung dar. Darüber hinaus muss das Problem aus meiner Sicht aber auch an der Wurzel angegangen werden, so dass gar nicht erst soviel Abfall entsteht.“ Smarte Konzepte seien zudem nötig, beispielsweise die digitale Erfassung von Lieferungen zwecks Zusammenfassung und Einsparung von parallelen Vorgängen, wobei die Kommunalpolitik hierbei nur sehr begrenzten Einfluss habe. Maren Thomschke ergänzt: „Dass Menschen sich in der Natur aufhalten, begrüße ich ausdrücklich, denn so entsteht am ehesten ein Bezug zum schützenswerten eigenen Lebensumfeld. Die meisten Spaziergänger - egal, welchen Alters - verhalten sich nach meiner Beobachtung auch richtig und nutzen Abfalleimer oder nehmen ihren Müll wieder mit nach Hause. Denjenigen allerdings, die sich nicht an die Regeln des Natur- und Umweltsschutzes halten, sollte ihr Fehlverhalten vor Augen geführt werden. Das Thema muss wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken, hier erscheint mir eine Sensibilisierung durch beispielsweise eine öffentlichkeitswirksame Kampagne denkbar. Es ist wünschenswert, dass die Lehrter in dieser Angelegenheit an einem Strang ziehen und sich, wo möglich, auch gegenseitig unterstützen.“
Für die Grünen im Rat nimmt der Fraktionsvorsitzende Ronald Schütz Stellung. Er schreibt zur steigenden Müllmenge: „Ja, das ist mir in der Feldmark auch schon aufgefallen. Die Ursachen sind nicht eindeutig zu erkennen. Ursache könnte sein, dass das Verhalten der Verschmutzer immer skrupelloser wird. Die dunkle Jahreszeit spielt sicher ebenso eine Rolle, da es einfacher ist unerkannt eine Ordnungswidrigkeit zu begehen. Grund kann auch Corona sein, da viele einen Hausputz gemacht haben und außerhalb der Öffnungszeiten den Recyclinghofes anfahren, um ihren Müll loszuwerden.“
Eine gute Möglichkeit, dies umgehend entfernen zu lassen, sei schnell per Online-Meldung unter www.lehrte.de unter „Bürgertipp“ gegeben. „Das funktioniert auch direkt in der Feldmark am Fundort, belegt mit einem Foto und dem genauen Standort“, so der Hinweis von Ronald Schütz. Dieser Weg sei auch für die Verursacher-Ermittlung richtig, da der städtischen Betriebshof oder aha gleich vor Ort eine mögliche Müllidentifikation vornehmen könne. Der Bußgeldbescheid folge dann. Sein Tipp: „Nicht nur immer klagen, sondern handeln ist wichtig.“