Im Dialog mit Svenja Schulz

Mit kleinen Präsentenen aus Lehrte und Sehnde dankten Klaus Sidortschuk und Olaf Kruse Ministerin Svenja Schulz für ihren Besuch in Lehrte. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Rund 120 interessierte Lehrter und Sehnder waren der Einladung zum Bürgerdialog mit den Bürgermeistern und der Ministerin gefolgt. (Foto: Susanna Veenhuis)

Klimaschutz, Glyphosat und Nahverkehr bewegen die Lehrter und Sehnder

LEHRTE/SEHNDE (sv). Ein kleines bisschen erinnerte es an die NDR-Late Night Show „Inas Nacht“. Zwar saßen die Kandidaten nicht auf der Theke und es gab auch keine Musik. Aber Fragen auf Bierdeckelchen. „Auf ein Wort“ stand auf den extra von der SPD Niedersachsen gedruckten roten Pappuntersetzern, auf denen Besucher ihre Fragen an Politiker formulieren konnten. So hieß auch die Veranstaltung, zu der die beiden Bürgermeisterkandidaten der SPD für Lehrte und Sehnde, Klaus Sidortschuk und Olaf Kruse, die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Svenja Schulz in die Alte Schlosserei eingeladen hatten. Sie und ihre beiden Kollegen aus der Kommunalpolitik standen den gut 120 Besuchern Rede und Antwort.
Die SPD-Landtagsabgeordnete Thordies Hanisch moderierte den Bürgerdialog und las die Bierdeckel-Fragen vor, was manchmal der Handschrift wegen nicht so einfach war.
Für die Antworten waren Schulz für die Bundesebene und die beiden Bürgermeister in der Kommunalpolitik zuständig. „Als Standort nahe zweier Autobahnen mit entsprechendem Feinstaub- und CO2-Ausstoß von 120000 Autos täglich hat Lehrte großes Interesse an einer Verkehrswende“, sagte Klaus Sidortschuk. Das unterschrieb auch Olaf Kruse: „Wir spüren das unmittelbar auf der Bundesstraße 65, wenn die A2 mal wieder dicht ist“.
Umweltschutz in allen Belangen war denn auch eins der großen Themen der Besucherfragen. So finanziere ihr Ministerium über die Internationale Klimaschutzinitiative viele Projekte wie beispielsweise beleuchtete Radwege, die ihren eigenen Strom erzeugen, erklärte Schulz. Mit Fördergeldern der Initiative sei die Beleuchtung im Lehrter Forum auf energiesparende LED-Technik umgerüstet worden, nannte Sidortschuk ein Beispiel. Die Energiegenossenschaft Lehrte-Sehnde habe riesige Photovoltaik-Anlagen installieren können. In Sehnde konnte mit entsprechenden Mitteln bereits die Straßenbeleuchtung umgestellt werden, berichtete Kruse. Er macht sich auch für Fördergeld zugunsten des Ackerrandstreifen-Programms stark.
Beim Thema Landwirtschaft brannte dem Publikum aus Lehrte und Sehnde vor allem die Eindämmung des krebserregenden Unkrautvernichters Glyphosat unter den Nägeln, der beispielsweise Bestandteil des häufig gebräuchlichen Mittels Round Up ist und immer noch auch in privaten Gärten eingesetzt wird. „Viele Privatleute wissen gar nicht, was sie sich damit in den Garten holen. Wir müssen aus der Glyphosatgeschichte herauskommen“, sagte die Ministerin unter Beifall.
Die Stadt Sehnde habe dazu einen Pakt unterzeichnet, das Gift auf eigenen Flächen nicht einzusetzen, sagte Olaf Kruse. Man wolle erreichen, dass es auch auf an Landwirte verpachteten Flächen nicht verwendet werde. Sidortschuk stand einem Untersagen kritisch gegenüber, gleichwohl wolle man erreichen, dass man hier in kleinen Läden gesunde, hier erzeugte Lebensmittel kaufen könne. „Wir wollen die Agrarwende, denn sie ist gut für uns alle und für die biologische Artenvielfalt“, sagte die Ministerin.
Bei der Elektro-Mobilität sei noch viel zu tun, man rechne für 2030 mit 20 bis 30 Prozent Elektro-Anteil an Neuzulassungen, sagte Schulz.
Beim öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) wollen sich Sidortschuk und Kruse zugunsten attraktiver Alternativen zum Autoverkehr für einen Stopp der Kostenpirale bei den Fahrpreisen stark machen. „Warum ist ein Ein-Euro-Ticket wie in Hannover nicht auch im Umland möglich – oder kostenfrei“, sagte Kruse. Die Ministerin unterstütze dies, musste aber als Koalitionspartner dem Wunsch nach einem Tempolimit eine Absage erteilen: „Die CDU/CSU will das never ever. Wir wollen es um der Sicherheit willen. Und gut für den Klimaschutz ist es auch!“
Beim Lärmschutz ziehe sich die Bahn auf die gesetzlichen Vorschriften zurück und wolle lediglich die durch Bestandsschutz erforderliche Halbierung, sagte Sidortschuk. „Wir haben im Dialogforum Schiene Nord auf Vollschutz gedrungen.“
Beispielsweise durch Arbeitsplätze vor Ort will Kruse die Familienfreundlichkeit seiner Stadt weiter ausgestalten, damit die Bewohner nicht weit fahren müssten. Über die Entwicklung Lehrtes steuerte Sidortschuk seine eigene Erfahrung bei. Vor 30 Jahren sei er aus Celle nach Lehrte gezogen, was damals keiner aus seinem Umfeld nachvollziehen konnte. „Die Bundesstraße führte quasi durch die Schaufester, und wo man auch hinwollte, überall waren Schranken!“ Dies sei alles raus, es gebe den Stadtpark und sehr gute Wohnbedingungen und Bildungsmöglichkeiten für Familien, und ab Herbst müsse auch niemand ohne Kita-Platz auskommen.
Beifall aus dem Publikum gab es, als sich die Politiker positiv zu den „Fridays for Future“-Aktionen äußerten. Noch viele weitere Themen wie Mehrweg- und Pfandwesen, die Ausbreitung der Wölfe, das Bienen- und Insektensterben, Verteilung von Windenergie, Urananreicherung für Brennelemente, Strafen im EU-Vertragsverletzungs-Verfahren und die Dünger-EU-Verordnung waren auf den Bierdeckeln gefragt. „Wir finden, dass zum Thema Naturschutz eindeutig zu wenig gekommen ist“, sagte Bodo Kutzke vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (NABU). „Ich fand das sehr spannend und informativ, die Politiker waren emotional angenehm unaufgeregt“, urteilte Angelika Licht über die fast zweistündige Veranstaltung, in der zwar nicht so laut und so viel gelacht wurde wie bei „Inas Nacht“, es aber trotz ernster Themen doch das ein oder andere Lächeln gab.

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Svenja Schulz, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, beantwortete die Fragen der Besucher in der Alten Schlosserei. Foto: Susanna Veenhuis

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Mit kleinen Präsentenen aus Lehrte und Sehnde dankten Klaus Sidortschuk und Olaf Kruse Ministerin Svenja Schulz für ihren Besuch in Lehrte. Foto: Susanna Veenhuis

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Rund 120 interessierte Lehrter und Sehnder waren der Einladung zum Bürgerdialog mit den Bürgermeistern und der Ministerin gefolgt. Foto: Susanna Veenhuis