„Ich finde das Eszett superschön!“

Ein Jahr lang stellen Nicolás Hernandéz Chimenéz und Samir Mührasst Iriarte aus Kolumbien ihre Arbeitskraft dem Antikriegshaus zur Verfügung und möchten gleichzeitig ihre hervorragenden Deutschkenntnisse in einem interkulturellen Austausch weiter vertiefen. (Foto: Susanna Veenhuis)

Freiwillige aus Kolumbien engagieren sich ein Jahr lang im Antikriegshaus

SIEVERSHAUSEN (sv). Seit rund acht Wochen sind sie hier zu Gast. Doch wer sich mit ihnen unterhält, könnte meinen, dass die beiden jungen Männer schon seit Jahren in Deutschland leben, denn sie beherrschen die Landessprache ganz ausgezeichnet. Dabei haben der 22-jährige Nicolás Hernandéz Chimenéz und Samir Mührasst Iriarte, 20 Jahre alt, aus Kolumbien jeweils nur drei Jahre lang Deutschkurse an der Universität in Bogotá absolviert, bis sie sich über den Internationalen Christlichen Jugendaustausch ICJA um ein Freiwilligen-Jahr in Deutschland bewarben und nun ihre Arbeitskraft dem Antikriegshaus in Sievershausen zur Verfügung stellen.
„Wir waren unter den Kolumbianern die einzigen mit Deutschkenntnissen“, berichtet Nicolás. Die Organisatoren in der Dokumentationsstätte, Angelika Schmidt und Berndt Waltje, freuen sich über die Unterstützung der freiwilligen deutschsprachigen Mitarbeiter, da diese auch Büroarbeit übernehmen können. „Und gibt es sehr viel zu tun“, sagt Waltje. Nicolás und Samir haben Acht-Stunden-Arbeitstage mit einer Mittagspause und am Wochenende frei – sofern nicht Abend- und Wochenend-Veranstaltungen anstehen. „Aber es ist alles sehr gerecht eingeteilt und gut geregelt“, sind sich die beiden Kolumbianer einig.
Dass sie sich für die deutsche Sprache interessieren, ist in ihrem Heimatland ungewöhnlich, meistens wählen die Studenten Französisch. „Ich habe mich für Deutsch entschieden, sagt Nicolás, der in Bogotá Maschinbenbau studiert. „Deutsch gilt in Südamerika als grob und hässlich. Ich habe herausgefunden, dass das nicht stimmt“, erklärt Samir. Er studiert Germanistik. „Und ich fand das Eszett so superschön!“
Über Stipendien konnten sie an den Deutschkursen teilnehmen, die sonst sehr teuer sind. Auch ein regulärer Flug nach Deutschland wäre für normal verdienende Kolumbianer nicht drin. Viele müssten sogar nur mit einem Euro pro Tag auskommen, viele hätten nicht einmal den, beschreibt Nicolás. „Ich glaube, dass ich einfach Glück gehabt habe, aber wenn man sich Mühe gibt, Ziele zu erreichen, eröffnen sich immer weitere Möglichkeiten“, hat Samir festgestellt und sich wie Nicolás bei ICJA beworben.
Allerdings war es für die Südamerikaner schon ein kleiner Kulturschock, als sie nach dem Orientierungsseminar in Trebnitz in Sievershausen ankamen. „Bei uns ist es total anders als hier, es sind immer viele junge Leute draußen, alle kennen sich, man unterhält sich, hört Musik. Aber hier habe ich fast nie jemanden draußen gesehen, Ruhe ist hier sehr wichtig“, sagt Nicolás. „Ich dachte erst, die Menschen verstecken sich“, ergänzt Samir.
Ungewöhnlich erschienen ihnen auch die Namenschilder an den Haustüren: „Das ist doch sehr gefährlich, wenn alle wissen, wo man wohnt!“ In ihrem seit über 60 Jahren von einem inneren Krieg zerrütteten Heimatland steht es mit der persönlichen und der öffentlichen Sicherheit und den Menschenrechten nicht zum Besten, die Regierung gilt als eine der korruptesten der Welt. Das Leben auf dem Land ist gefährlich, deshalb sind die Städte überbevölkert. Der Friedensprozess in Kolumbien ist daher auch das Thema, zu dem sie einen Themenabend mit Ausstellung im Antikriegshaus vorbereiten.
Am Beispiel der öffentlichen Verkehrsmittel erklärt Nicolás den Unterschied zu Deutschland: „In Bogotá kann es passieren, dass man von einer Menschenmenge mit in einen ohnehin schon vollen Bus gezogen wird, obwohl man da gar nicht mitfahren will.“ Hier, wo sie zweimal wöchentlich zum Sprachkursus nach Burgdorf fahren, seien im Bus immer noch Sitzplätze frei.
Neben Bahn und Bus ist das Fahrrad bei ihnen beliebtes Verkehrsmittel. „Ich konnte das eigentlich gar nicht so gut, aber als ich hier eins geliehen bekam, bin ich gleich bis nach Braunschweig gefahren – über viele kleine Wege“, lacht Samir. So haben sie schon erste Eindrücke von einem Leben in Deutschland erhalten – im Dorf wie in der Stadt, denn gelegentlich geht es nach Hannover, wo Samir in Tandempartnerschaften sein Deutsch verbessert und seinem jeweiligen Sprachpartner gleichzeitig Spanisch beibringt. Im Zuge des sprachlichen findet gleichzeitig auch immer ein kultureller Austausch statt.
Den würden die beiden Kolumbianer auch sehr gern vor Ort mit Interessierten vertiefen. Wer also mehr über Kolumbien erfahren und vielleicht auch gleichzeitig etwas Spanisch lernen möchte, kann sie zu einzelnen Aktionen und Veranstaltungen einladen oder auch eine Patenschaft übernehmen. Zu erreichen sind Nicolás und Samir über das Antikriegshaus in Sievershausen.