Heimatgeschichte aufbereitet

Hans-Henning Brandes und Ursula Prüße lesen aus den Barnstorf-Aufzeichnungen. (Foto: Verein "Lebendiges Ahlten")

Ansichten des früheren Gemeindevorstehers

Ahlten (r/gg). Ortschronist Hans-Henning Brandes hat sich der bisher unveröffentlichten handgeschriebenen Aufzeichnungen des früheren Gemeindevorstehers Hermann Barnstorf angenommen und diese in mühsamer Arbeit aus der Kurrentschrift in die heute allgemein lesbare Schrift übertragen. Aus den „Nachrichten über mein Leben“, wie Hermann Barnstorf einen Teil seiner Aufzeichnungen betitelt hat, haben Hans-Henning Brandes und Ursula Prüße im Rahmen der Reihe „Lesen an besonderen Orten“ des Vereins "Lebendiges Ahlten" einige Passagen per Videokonferenz vorgelesen. Sie gaben Einblick sowohl in das schicksalhafte Privatleben als auch in die Amtsgeschäfte als Gemeindevorsteher.
Zum Werdegang: Hermann Barnstorf hat die Ahltener Volkschule nach acht Schuljahren mit der Konfirmation als 14-Jähriger beendete. Obwohl er ein sehr guter Schüler war und eine wohl selten starke Neigung zu den Wissenschaften hatte, war ihm eine höhere Schulausbildung verwehrt worden. Dies wirft der Sohn eines Hofbesitzers vor allem seinem Vater vor, der anders als die Mutter, von dem Besuch einer höheren Schule nichts wissen wollte. Weil er auf keinen Fall zuhause bleiben wollte, nahm er bei einem Versicherungsbüro in der Hannoverschen Innenstadt eine Stelle an und bezog dort ein Zimmer. Auch wenn er in diesem Jahr viel Nützliches gelernt und das gesellschaftliche und betriebliche Leben in der Stadt interessiert aufgenommen hatte; zum Versicherungsbeamten wollte er sich nicht ausbilden lassen. Sein Ziel, weiter zur Schule zu gehen, hatte er nicht aufgegeben. Aber auch alles Bemühen, einen Onkel und eine Tante, die beide unverheiratet waren und viel Kapitalvermögen besaßen, zur Übernahme der Kosten für den Besuch einer höheren Schule zu bewegen, blieb umsonst. Als alles nichts half, entschied er sich für die Landwirtschaft. Im Alter von 35 Jahren nahm sein Leben eine für ihn unerwartete Wendung. Am 19. September 1893 wurde er zum Gemeindevorsteher gewählt und nahm trotz schwieriger Umstände – seine erste Frau war jung verstorben, Onkel und Tante machten ihm mit ihrer Gehässigkeit das Leben schwer und die Feldarbeit war zu besorgen – das Amt an. Zu den Gründen schrieb Hermann Barnstorf damals: „Zur Ablehnung hätte auch ohnehin kein gesetzlicher Grund vorgelegen. Es gab da viel Neues, und hatte ich mir manches anzueignen. Aber diese neuen Arbeiten und Obliegenheiten waren mir nicht zur Last. Sie waren mir eher eine gewisse Genugtuung. Ich kam zur Betätigung in schriftlichen Arbeiten und hatte Gelegenheit mir wichtige Gesetzeskenntnisse zu verschaffen. Mir selbst auffällig war auch, dass ich durch die Übung in sprachlicher Hinsicht etliches klarer erkannte, als es in jugendlichen Jahren der Fall gewesen war. Es muß doch an dem reiferen Verstande gelegen haben.“
Fazit des Chronisten Hans-Henning Brandes: "In der langen Amtszeit Barnstorfs wurde viel bewegt. Die Schule und das Spritzenhaus mit Schlauchturm und Arrestzelle wurden neu gebaut. Sowohl über die Schiene als auch auf dem Landwege wurden befahrbare Verbindungen nach Lehrte und Hannover geschaffen oder ausgebaut, so dass sich die Wegezeiten erheblich verkürzten. Die Straßenbahn von Hannover bis Haimar erhielt einen Abzweig nach Ahlten, Auch der Ahltener Bahnhof wurde 1906 eingerichtet."
Zu einem besonderen Ereignis hier das Zitat aus den Barnstorf-Aufzeichnungen: "Ich habe die Freude, noch von einem bedeutsamen, und für die Gemeinde recht glücklichen Ereignisse berichten zu können. Als ich Ende Juni 1896 von einem Besuche in Ilten zurückkam, es war abends, kam Hofbesitzer Heinrich Däwes, nebenher bemerkt ein Jugendfreund von mir, zu mir mit der Nachricht, daß der Kaufmann Heinrich Backhaus sehr krank sei und ein Testament zu errichten gedenke, und zwar zugunsten der Gemeinde. Ich ging selbstverständlich mit Heinrich Däwes rasch hin und fand den jungen Backhaus sehr schwach, im Bett liegend, vor. Er sagte mir, daß er der Gemeinde 30.000 Mark vermachen wollte. Von diesem Geld solle ein neue Turmuhr für die Kapelle in Ahlten angeschafft werden, und die Dorfstraße von meinem Hofe an und dann weiter die sogenannte Mühlenstraße entlang landstraßenmäßig ausgebaut werden. Spätestens im Jahre 1899 müßte der Straßenbau geschehen. Das letztere richtete ich so ein, weil wir bis 1898 einschließlich mit dem Ausbau des Weges nach Lehrte zu tun hatten. Ich schrieb, und er unterschrieb. Es machte ihm schon viel Mühe; ich mußte ihn dabei stützen. In der Nacht war er verschieden. Ich reiste nach Burgdorf zum Amtsgerichtsrat Freydank; das Gericht kam heraus, und es fand in unserer Wohnstube die Bestätigung des Testaments und die Übergabe der Wertpapiere durch Frau Backhaus, die Mutter des Verstorbenen, statt.“
Die in Würdigung des Spenders benannte Backhausstraße wurde gerade erneut ausgebaut.
An den Gemeindevorsteher Hermann Barnstorf erinnert außer dem Namen des Platzes eine vom Verein Lebendiges Ahlten am alten Spritzenhaus angebrachte Tafel - so der Bericht von Günter Friedrich vom Verein "Lebendiges Ahlten".