"Gegen böse Geister und für gute Gesundheit"

Die Küchen- oder Kuhschelle bringt mit ihren frühen Blüten erste Farbtupfer ins Heilpflanzenbeet, das frisch geharkt vergeblich der Fangemeinde harrt: Wegen der Corona-Krise fällt auch die erste der Führungen, die die Kräuterhexen ab April jeden letzten Sonntag im Monat anbieten, aus. (Foto: Susanna Veenhuis)

Termine für Heilpflanzen-Führung im KRH-Garten folgen

LEHRTE (sv). Wer in alten Zeiten sein Haus vor bösen Geistern schützen wollte, pflanzte Eiben drum herum. Der hoch giftige Baum, aus dessen Nadeln heute ein wichtiger Grundstoff zur Krebsbekämpfung gewonnen wird, ist eine der Heilpflanzen, die bei der abgesagten Führung im Heilpflanzengarten des Klinikums vorgestellt werden sollte.
Doch auch die so genannten Kräuterhexen, die die gut 200 Heilpflanzen im Garten am Lehrter Krankenhaus pflanzen, vermehren und pflegen und die pflanzenkundlichen Führungen veranstalten, verfügen nicht über ein Mittel gegen das Corona-Virus – das hätte sich sicher auch schon herumgesprochen. Deswegen muss, wie so viele Veranstaltungen, wegen des Kontaktverbots auch die Führung unter dem Thema „Mit Nadel - ohne Faden“ ausfallen. Das betrübt nicht nur die Kräuterhexen um Margaretha Ehlvers, Karin Meisinger, Mechthild Smolinski und Anita Degen, die sich gut auf das Thema vorbereitet haben. Auch die treue, stetig anwachsende Fangemeinde der Kräuter-Shows mit Pröbchen-Verköstigung vermisst nach der langen Winterpause die Auftaktveranstaltung besonders.
Neben der Eibe hätten die Besucher auch die Fichte, die Kiefer, die Lärche und den Wacholder in einem anderen Licht gesehen als nur als Lieferanten für Bretter und Möbel. Die weichen, aber hoch giftigen Nadeln der Eibe wurden früher auch für Giftmorde verwendet. Aber auch zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden, Epilepsie, Diphterie, Mandelentzündungen, Wurmbefall, zur Abtreibung und äußerlich zur Wundbehandlung wurden sie eingesetzt. Heute wird ihnen in homöopathischer Verdünnung eine Heilwirkung bei Gicht, Rheuma und Lebererkrankungen zugeschrieben.
Wer kennt nicht die wohlig-entspannende Wirkung eines duftenden Fichtennadel-Schaumbads? Das ätherische Öl aus Nadeln, Zweigspitzen und Ästen wirkt durchblutungsfördernd und befreiend auf die Atemwege. Einer der wichtigsten Aromastoffe, Vanillin, wurde erstmals aus Fichtenrinden-Saft hergestellt. Durch das Absenken des Grundwasserspiegels und die Dürresommer der vergangenen beiden Jahre sind Kiefern als Flachwurzler vielerorts vertrocknet, vom Borkenkäfer befallen und in ihrem Bestand stark gefährdet.
Ähnliche Heilwirkungen wie die Fichte besitzt auch die Kiefer. Aus ihrem Harz wird durch Destillation Terpentinöl und Kollophonium gewonnen. Bei Saunagängern ist der Kiefernaufguss sehr beliebt. Das „Gold des Nordens“, Bernstein, ist oft 50 Millionen Jahre altes Kiefernharz.
Wie Fichte und Kiefer ist auch die Lärche ein Lieferant für Terpentin. Nach der Eibe, die allerdings holzwirtschaftlich kaum genutzt wird, hat sie das schwerste und härteste Holz, das sogar wasser- und feuerbeständig ist. Lärchentee wird in der Volksheilkunde gegen Husten und grippale Infekte empfohlen. Die ätherischen Öle werden für Einreibungen bei Gliederschmerzen, Rheuma und zur Inhalation verwendet. Wegen seiner entzündungshemmenden Wirkung kommt es auch in Salben gegen Abszesse, Furunkel und Nagelbett-Entzündungen zum Einsatz.
Was wären Sauerkraut, Sauerbraten, Pökelmischungen oder Wildgerichte ohne Wacholderbeeren? Nicht nur geschmacklich wesentlich ärmer, sondern wohl auch schwerer verdaulich. Denn die positive Wirkung der Beeren des Wacholderstrauchs auf die Verdauungsorgane ist nicht nur seit langem in der Volksmedizin bekannt, sondern auch wissenschaftlich bestätigt. Wacholderöl wirkt gegen Blähungen und Krämpfe im Magen-Darm-Trakt, entfaltet aber auch Heilwirkungen bei Rheuma, Gicht und Erkältungskrankheiten und kann sogar bei Psoriasis deutlich Linderung verschaffen. Die Beeren werden auch zur Herstellung von Gin und anderen Kräuter-Spirituosen verwendet oder zusammen mit den Zweigen zum Räuchern von Lebensmitteln oder zur reinigenden Räucherung benutzt. Wacholder genoss in vielen Kulturen hohes Ansehen, auch ihm wurden Kräfte gegen böse Geister zugeschrieben. Und wer ein Zweiglein davon unter dem Hut trüge, der würde nicht so schnell ermüden, heißt es in alten Schriften.
Immer am letzten Sonntag im Monat um 11 Uhr während der Vegetationsperiode bieten die Kräuterhexen die spannenden, stets neu verfassten Führungen am Heilpflanzenbeet an. „Blau und rau“ heißt es am Sonntag, 24. Mai. Borretsch, Natternkopf, Beinwell, Ackervergissmeinnicht sind Thema, bei dem auch Hänsel und Gretel eine Rolle spielen. „Ungeliebtes Kraut – geliebtes Unkraut“ wird am 28. Juni behandelt. Um die „Flower Power“ von Eibisch, Wegmalve, Stockrose, Wilder Malve und Moschusmalve dreht es sich am 26. Juli. Wie eine „Männerwirtschaft“ im Blumenbeet aussieht, ist am Beispiel von Adonis, Guter Heinrich, Johanniskraut, Benediktenkraut und Jakobskreuzkraut am 30. August zu erfahren. In den Untergrund geht es bei der letzten Führung des Jahres am 30. September: Wegwarte (Heilpflanze des Jahres 2020), Meerrettich, Blutwurz, Nelkenwurz und Klette werden buchstäblich „An der Wurzel gepackt“.
Von der Entwicklung der Corona-Pandemie hängt es ab, ob und ab wann die Führungen wieder stattfinden, die Termine werden rechtzeitig im MARKTSPIEGEL bekanntgegeben.