Für Nützlinge gilt keine Ausgangssperre

Viel Rauch: Bevor überhaupt irgendetwas am Bienenstock getan wird, gibt es von Imker Jan Gronwald erstmal eine Dosis Qualm aus dem so genannten Smoker, damit die kleinen Bewohner friedlich bleiben. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Die Sonne täuscht: Ein eiskalter Polarwind fegt über die Streuobstwiese, und die Imker Markus Toloczyki und Jan Gronwald behelligen die Bienenvölker so wenig wie möglich. (Foto: Susanna Veenhuis)

Später als üblich: Imkerverein wintert Honigbienen aus

LEHRTE (sv). Die Sonne knallt von einem makellos blauen Himmel. Aber ein biestig kalter Wind fegt über die noch etwas bräunliche Streuobstwiese im Hohnhorstpark. Deswegen beeilen sich Markus Toloczyki und Jan Gronwald auch sehr bei ihrem Tun. Denn die Tiere, mit denen sie befasst sind, schätzen Kälte überhaupt nicht – obwohl sie doch einen schicken Pelz tragen: Zum „Auswintern“ der Bienen hatten sich die beiden Imker an den rund 20 Bienenstöcken an der Obstwiese getroffen.
Eigentlich sollten an diesem kalten Tag zehn Bienenvölker an Interessenten aus dem Kreis der Neu-Imker übergeben werden, die im vergangenen Jahr bei Gronwald und Toloczyki den Imkerkursus absolviert hatten. Ein Jahr lang hatten rund 40 Frauen und Männer alles über die Pflege von Honigbienen, ihre Staatenorganisation, das Verhalten in den verschiedenen Jahreszeiten, die Aufzucht von Nachwuchs, Erkennen und Bekämpfen von Krankheiten und Parasitenbefall, die Lebensphasen von Bienen, Futterpflanzen und -zusätze, gesetzliche Vorschriften und nicht zuletzt die Einflüsse von Umweltbedingungen gepaukt. Neben der Theorie gab es auch ganz praktische Lektionen direkt draußen an den Beuten, wie die Bienenstöcke in der Imkersprache heißen. Denn trotz jahrtausendealter bewährter Selbstorganisation und -hygiene kann es auch bei den Honigbienen Probleme geben, wenn beispielsweise ungebetene Gäste wie Wachsmotten oder gar die gefürchtete Varroamilbe sich ausbreiten. Deshalb müssen Imker ihre ansonsten autark arbeitenden Völker gut im Auge haben, wie jetzt auch die Neulinge wissen.
Imkerei wird der Landwirtschaft zugeordnet, und so ist auch die Bienenvölker-Pflege vom Kontaktverbot ausgenommen. Die Kontaktsperre der Corona-Pandemie machte aber der geplanten Abgabe der Bienenvölker einen Strich durch die Rechnung, so dass Toloczyki und Gronwald die Auswinterung an diesem Tag alleine vornehmen. Ein Kursteilnehmer aus Hohenhameln hat sich bereit erklärt, diese Aktion für seine Mitstreiter zu filmen – selbstverständlich mit gebührendem Abstand – und zur Information ins Netz zu stellen.
Während Gronwald mit dem Smoker fleißig Qualm erzeugt, um die stachelbewehrten Insekten abzulenken, öffnet sein Kollege Toloczyki kurz die Beuten, trennt mit dem Stockmeißel höchstens kurz ein, zwei der Rähmchen mit den Bienenwaben heraus und kontrolliert Farbe und Aussehen sowie die Anzahl der Tiere, die den Winter überstanden haben. Die es nicht geschafft haben, liegen auf einem speziellen Auffanggitter und werden ausgefegt. Wegen der eisigen Kälte geschieht dies alles mit sehr schnellem Kennerblick und mit routinierten Abläufen. Anschließend wird alles gleich protokolliert.
Die Bilanz ist positiv: Die Völker scheinen den Winter gut überstanden zu haben, verfügen noch über genügend Futter und haben auch schon teilweise vor Wochen begonnen zu „stiften“. Das heißt, die Bienenköniginnen haben ihre Legetätigkeit aufgenommen, es finden sich in bestimmten Waben die kleinen weißen, stiftförmigen Eier oder sogar schon kleine Larven.
Die Flugloch-Verkleinerung, die die Bienen im Winter schützen soll, wird herausgenommen, denn die Saison startet mit dem guten Wetter und dem Aufblühen der ersten pollen- und nektarhaltigen Pflanzen wie Krokusse und andere Zwiebelpflanzen, Weißdorn und Schlehe sowie Mahonie und Weidenkätzchen als Buffet sowohl für Honig- als auch für Wildbienen und andere Krabbeltiere. Alsbald folgen die zahllosen Blüten der Obstbäume auf der Streupobstwiese – direkt vor der Haustür der kleinen Brummer.
Blumen und Bäume blühen hoffentlich in großer Zahl auch in Ahlten, Aligse. Bilm, Immensen, Hohenhameln und in der Lehrter Kernstadt, wo die Neu-Imker die mittlerweile mit vorschriftsmäßigem Abstand übergebenen Völker aufstellen, damit sie sich in ihrer neuen Umgebung orientieren und auf die Hauptphase des Sammelns, Wachsens und Vermehrens und die Honigprodiktion vorbereiten können. Die beiden Imker-Kursleiter leisten dabei gerne Telefon-Support, denn bald geht es in die „heiße Phase“.