Fünftklässler sollen Ängste überwinden

Ganz schön hoch, diese Himmelsleiter: Julian wird immer kleiner – und für ihn die Welt unten auch. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Sozialarbeiterin und Kletterpädagogin Pascale von Rohr bestärkt die Schüler in ihrem Tun um Teamgeist und Verantwortung – und freut sich über die kleine Meise, die sich auf ihrem Arm niedergelassen hat. (Foto: Susanna Veenhuis)

Gymnasium bot Kletteraktion im Stadtpark

LEHRTE (sv). „Oh, wahrscheinlich werde ich heute nacht nicht gut schlafen!“ Julians Blick nach unten ist leicht verzweifelt. Der Schüler der Klasse 5f1 vom Lehrter Gymnasium befindet sich bereits auf einer Höhe, die üblicherweise dem ersten Stock von einem Haus entspricht. Gut gesichert mit Klettergurt, Sicherungsleine und Helm arbeitet sich der Elfjährige immer weiter auf der wackeligen Strickleiter empor – in 20 Metern Höhe ist die Leiter in einem hohen Baum im Stadtpark befestigt. Stufe für Stufe klettert er immer höher und wird dabei immer kleiner – das gilt auch für alles, was er von oben sehen kann, und das gefällt ihm überhaupt nicht.
„Am besten beim Klettern nicht nach unten schauen“, rät Pascale von Rohr. Die Sozialpädagogin hat die so genannte Himmelsleiter mit nach Lehrte gebracht und in dem Baum stabil installiert. Damit die schwabbelige Leiter überhaupt benutzt werden kann, muss sie stabilisiert werden. Julians Klassenkameradin Lea hat das übernommen und hängt sich an der Basis richtig rein, damit das Gebinde nicht hin und her schlägt und Julian womöglich schmerzhaft gegen den Baum kracht. Aber er kann sich darauf verlassen, Lea macht ihre Sache sehr gut. Auch auf sechs andere Mitschüler muss er sich verlassen können, denn die sind seine Versicherung gegen den Sturz in das Leere, falls er abrutscht oder die Kraft verliert. Sie halten die Sicherungsleine, und am Ende steht Nuur, ebenfalls mit Klettergurt, an dem die Leine befestigt ist. Auch sie muss Vertrauen in die Truppe haben, denn wenn die im Fall eines Absturzes das Seil nicht festhalten, ist sie das einzige Gegengewicht zum Kletterer und landet vermutlich ebenso unsanft am Baum. Also passt sie auf, dass alle ihre Hände an der Leine haben, in einer geraden Linie stehen und dass immer jemand den Kletterer im Auge hat. Nuur war schon oben und weiß, worauf es ankommt. „Ich habe Höhenangst, aber die hab ich überwunden, ich hab einfach nicht nach unten geschaut und bin bis oben geklettert“, sagt sie stolz.
„Die Schüler setzen sich hier mit ihrer Angst und ihren Grenzen auseinander“, erklärt Pascale von Rohr, die auch in einem hannoverschen Kletterpark tätig ist und über die entsprechende Ausbildung verfügt. Denn das Klettertraining geschieht nicht um der schönen Aussicht willen, sondern ist eine Intensiv-Lektion in Sozialtraining. Die jungen Kletterer müssen außerdem Verantwortung füreinander übernehmen; eine Portion Angst sorgt dafür, dass sie diese Verantwortung auch ernst nehmen und erfüllen. „Hier kann man mit der subjektiven Angst in einer Lernsituation spielen, die daurch sehr nachhaltig wird“, sagt die Sozialpädagogin. Die Schüler müssen sich absprechen, ob alles am Platz und gesichert ist. Klare Kommandos haben definierte Handlungsabläufe und klare Antworten zur Folge, das bietet Verlässlichkeit. Hinterher wird abgeklatscht. Auch, wenn sich jemand nicht ganz nach oben traut oder überhaupt nicht mitmachen will, akzeptiert die Gruppe das – ohne dumme Sprüche. „Klar kommen anfangs blöde Kommentare, aber sie merken bald, dass das keiner hören will“, hat von Rohr festgestellt. Jeder habe die Möglichkeit, einmal im Mittelpunkt zu stehen wie auch in einem Team mit anderen zusammen zu arbeiten.
Auch die anderen fünften Klassen im Gymnasium sollen nacheinander die Himmelsleiter bezwingen.
Seine Angst bezwungen hat auch Julian, der zunächst gar nicht vorhatte, bis nach oben zu klettern. Doch plötzlich ertönt die kleine Tröte ganz an der Spitze. Julian hat sie gedrückt und kann einen Moment die Aussicht über einen Teil der Manskestraße und den Stadtpark genießen, bis er frei und sanft in seinem Gurt nach unten schwebt – die Mitschüler mit der Sicherungsleine gehen dazu langsam in Richtung des Baums. Nach Julians Landung klatschen sich alle ab. „Sowas sieht man auch nicht alle Tage, das war eine einmalige Chance“, sagt Julian und ist auch ein bisschen stolz auf seine Leistung. Vermutlich hat er doch ganz gut geschlafen.