„Fragen Sie nach, was passiert ist“

Vom Kinderschutzbund begrüßen Karsten Oppermann (von links) und Zehra Aslan-Kelloglu die Gastrednerin Anette Debertin in der Albert-Schweitzer-Schule; Schulleiterin Christiane Nustede beim Vortragsabend.  (Foto: Wiebke Molsen)

Kindesmissbrauch: statistisch ein Kind pro Klasse betroffen

LEHRTE (wim) Wie erkennt man den Missbrauch an Kindern? Der Einladung des Kinderschutzbundes zu diesem düsteren Thema waren am Dienstag etwa 50 Erzieherinnen, Lehrerinnen und Tagesmütter in die Albert-Schweitzer-Schule gefolgt. „Ärzte werfen meist nur einen kurzen Blick auf die Kinder, Lehrer sehen sie viel länger und öfter “, begrüßte die promovierte Medizinierin Anette Debertin, Professorin am Institut für Rechtsmedizin an der MHH, das Interesse. Immerhin seien statistisch gesehen ein bis zwei Kinder pro Schulklasse betroffen. „Wir stehen auch an unserer Schule manchmal vor der Frage, was wir machen sollen“, bestätigt Schulleiterin Christiane Nustede. Ob Verletzungen von einem Unfall stammen oder absichtlich zugefügt wurden, sei auch von Ärzten schwer festzustellen. Das Fehlen von Verletzungen spreche zum Beispiel nicht gegen sexuellen Missbrauch. Kinderärzte und Kliniken können sich daher bei der Kinderschutzambulanz der MHH kostenlos beraten lassen.
Um den Lehrerinnen in ihrem täglichen Schulalltag Sicherheit zu geben, wurden in dem Vortrag anhand von Fotos sehr konkrete Verletzungen gezeigt. Da waren Abdrücke von Händen und Stöcken genauso abgebildet, wie Spuren heißer Messer. „Wenn sie das einmal gesehen haben, erkennen sie das wieder“, sagt Anette Debertin und hofft auf die Unterstützung der Zuhörerinnen. Im Verdachtsfall stehe jedoch die Aussage des Kindes im Zentrum. „Fragen Sie ruhig nach, wie das passiert ist“, ermutigt sie die Pädagoginnen, einzelne Puzzleteile zusammenzusetzen. Denn die Geschichte müsse zu der Verletzung passen. Und Schienbeine voller blauer Flecken hätten schließlich alle Kinder mit einem „natürlichen Freizeitverhalten“. Würden Kinder aber tatsächlich geschlagen, sei ein Eingreifen wichtig, um weiteren Missbrauch zu verhindern. „Wer einmal schlägt, schlägt öfter“, weiß Anette Debertin aus Erfahrung. Im Bundeskinderschutzgesetz sei daher ein Schutzauftrag verankert, der schwerer wiege, als die Schweigepflicht.
„Holen sie im Zweifel die Polizei dazu, um das Spurenbild sichtbar zu machen“, rät Anette Debertin. Im besten Fall könne dadurch der schwere Vorwurf eines Kindesmissbrauchs auch entkräftet werden. Bestätige sich der Verdacht jedoch, sei es wichtig, Beweise und Spuren zu sichern. Das Projekt "Pro Beweis" biete dazu ein zusätzliches niedrigschwelliges Angebot, unabhängig von der Polizei. Vielen niedersächsischen Kliniken wurden durch das Projekt Spurensicherungskoffer zur Verfügung gestellt. „Damit können Beweise gesichert werden, bevor man sich zu einer Strafanzeige entscheidet“, erläutert Anette Debertin. Denn der Schritt zur Polizei sei für viele nicht der einfachste Weg. Entscheidend darüber, wie es in den Familien nach so einem Vorfall weitergehe, sei die Zusammenarbeit mit Jugendämtern und Kinderschutzbund. „Nur gemeinsam sind wir im Kinderschutz stark“, sagte Anette Debertin und hofft, mit ihren Ausführungen etwas zur zukünftigen Erhellung dieses düsteren Themas beigetragen zu haben.