Fliegerbombe zwingt bei 28 Grad 7.000 Lehrter aus ihren Häusern

Bei 28 Grad Außentemperatur war die Evakuierung aus den eigenen vier Wänden zwar kein Vergnügen - dank der freundlichen Helfer aber akklimatisierten sich die zur Sammelunterkunft transportierten LehrterInnen schnell. (Foto: Walter Klinger)
 
Bis in die Lehrter "Einkaufsmeile" Burgdorfer Straße auf der anderen Seite der Bahnstrecken (einschließlich Bahnhof und "Neues Zentrum") reichte der Ein-Kilometer-Radius des Sperrgebietes, das vor der Entschärfung 7.000 Bewohner verlassen mussten. (Foto: Walter Klinger)
 
Radio, Handy, Internet: Zur Information über den Verlauf der Aktion und für den Kontakt zu ihren Liebsten nutzten Evakuierte in der Sporthalle Lehrte-Süd alle technischen Kommunikationsmittel. (Foto: Walter Klinger)

Kurzfristige, aber reibungslose Evakuierung: Lob für die Helfer

LEHRTE. Alle in der Urlaubszeit noch besetzten Einsatzfahrzeuge in der Region, so schien es am frühen Montagnachmittag den Lehrtern, fuhren mit Blaulicht in ihre "Eisenbahnerstadt" ein, die sich ab 15.00 Uhr nur noch mit einem Geisterbahnhof präsentierte: Nur zweieinhalb Stunden Vorbereitungszeit hatten Stadtverwaltung, Polizei, Feuerwehr und DRK (auch durch die Stadtfeuerwehr Sehnde THW und Malteser sowie private Rettungsdienste unterstützt), um vor der Entschärfung einer gegen 10.30 Uhr bei Erdarbeiten auf einem Kleingartengelände im Fuhrenweg gefundene amerikanischen Fliegerbombe in einem Kilometer Umkreis gut 7.000 Menschen zu evakuieren.
Bei den bisherigen fünf Evakuierungsaktionen in den vergangenen fünf Jahren konnte die Bevölkerung noch Tage im voraus gewarnt werden. Urlaubszeit auch bei den Helfern, gleißende Sonne mit 28 Grad Außentemperatur und die Sperrung auch der Trogstrecke unter der Bahn und somit weite Umfahrungswege sowie eine dieses Mal besonders hohe Zahl an zu transportierenden bettlägerigen Personen sowie immer wieder auf Schleichwegen ins Sperrgebiet eindringende Gaffer (ein Grund für zusätzliche Verzögerungen) stellten besondere Anforderungen an die insgesamt mehr als 350 Einsatzkräfte, darunter auch die Reiterstaffel der Polizeidirektion Hannover.
Von den betroffenen Bürgern gab es viel Lob für die Retter und Helfer, denen dieser Einsatz ihren Feierabend verhagelte: Trotz der Kurzfristigkeit und des besonderen Schwierigkeitsgrades lief eigentlich alles wie am Schnürchen. Die Atmosphäre in der auf dem Rathausparkplatz postierten Einsatzleitstelle war demonstrativ entspannt. Einsatz- und Ordnungsamtsleiter Michael Großmann und der Einsatzstab um Bürgermeister Klaus Sidortschuk, der Leiter des Einsatz- und Streifendienstes der Lehrter Polizei, Peter Wengler, Stadtbrandmeister Jörg Posenauer und sein Sehnder Kollege Jöchen Köpfer und ihre Teams hatten alles im Griff. Lediglich Einzelpersonen, welche mehrfach die Absperrungen umgingen und so den Beginn der Bombenentschärfung zusätzlich verzögerten, ärgerten die Helfer doch sehr.
Die Einsatzkräfte zeigten sich dennoch in freundlicher Laune, die besonders in der Sammelunterkuft in der Sporthalle des Schulzentrums Lehrte-Süd auch die älteren und mobiltätseingeschränkten Evakuierten beruhigte.
Die auch von der Lehrter DRK-Bereitschaft getragene DRK-Schnelleinsatzgruppe Burgdorf unter Leitung von Andreas Klingberg aus Lehrte hatte hier 36 Einsatzkräfte für die Versorgung von zeitweilig gut 850 Menschen im Einsatz, die in der Sporthalle Zuflucht suchten, vor allem aber unter den vielen Schatten spendenden Bäumen im Schul- und Sportpark Lehrte-Süd. Fast Picknick-Stimmung herrschte hier, trotz Hitze und dem Zwang zum Verlassen der eigenen Wohnung heiterten sich die Evakuierten hier gegenseitig auf.
Einer der wichtigsten "Einsatzwagen" auch an der Sammelstelle war der mit Getränkepaletten beladene Groß-Lkw aus dem REWE-Zentrallager Hämelerwald, den die Stadt angefordert hatte. Dennoch mussten DRK-Sanitäter drei Kreislaufschwächen zu versorgen. Im Ruhebereich der bettlägerigen Evakuierten, um den sich besonders der Lehrter DRK-Bereitschaftsleiter Jason Johnson kümmerte, gab es sogar eine Herzschwäche zu versorgen.
Da auch Hauptverkehrsadern gesperrt waren, mussten viele in der Tat die ganze Stadt sogar über die umliegenden Ortsteile umfahren, um zur Sammelstelle oder zu Verwandten zu gelangen.
Die Züge der Linien S 6, S 7 und S 3 sowie die Regional-Expresszüge (RE) von und nach Wolfsburg und Braunschweig hiellten ab 15.00 Uhr nicht in Lehrte. Gegen 18.30 Uhr wurde die Strecke im Bereich Lehrte für die Bombenräumung komplett gesperrt.
Die RE-Linie Rheine/Bielefeld–Hannover–Braunschweig fielen zwischen Hannover Hbf und Hämelerwald aus. Die RE zwischen Hannover und Wolfsburg fuhren nicht zwischen Hannover Hbf und Dollbergen.
Die S 3 zwischen Hannover und Hildesheim fiel zwischen Hannover Hbf und Sehnde aus, ebenso die S 6 und S 7 zwischen Hannover und Celle zwischen Hannover Hbf und Burgdorf aus. Insgesamt waren rund 200 Züge von den Umleitungen betroffen.
Die Fernverkehrs- und Güterzüge wurden über Hildesheim umgeleitet. Auf Grund der großräumigen Sperrung in Lehrte war ein Ersatzverkehr mit Bussen nur bedingt möglich.
Mehrere ältere Menschen ("ich habe den Krieg doch auch überlebt") mussten von den Rettern geduldig von der Notwendigkeit zur Evakuierung (Splitterteile bei Bombenexplosionen können bis über 900 Meter weit fliegen) überzeugt werden.
Auch wenn nicht jeder der von seiner Arbeit (und zum Teil sogar von Orten auf der anderen Seite von Hannover) nach Lehrte geeilten Helfer gleich über alles informiert sein konnte, gab es für das Informationsangebot der Stadt Lehrte viel Lob: Erneut waren die wesentlichen Hinweise und eine Karte des Sperrgebietes von Stadtspressesprecher Fabian Nolting schnell auf der Homepage der Stadt (www.lehrte.de) eingestellt worden, auch viele ältere Menschen informierten sich hier. Um 19.49 Uhr konnte die Stadt Lehrte Entwarung geben - jedenfalls für dieses Mal.
Zwar sind alle Grundstücke am Fuhrenweg mit Metallsonden abgesucht worden. Doch die Tiefe von gut 3,50 Metern, in welcher die Weltkriegsbombe gefunden wurde, verheißt nichts Gutes: hier könnten noch weitere Blindgänger ins anmoorige Erdreich und darunter durchs Grundwasser "geflutscht" und nur schwer zu orten sein.
Allerding: Schon zwei Mal in den letzten Wochen gab es auch Entwarnungen, weil die Bomben zerschellt waren. Insgesamt werden noch 2.000 Blindgänger in der Region Hannover vermutet (jährlich bis zu 25 Bombenenräumungen). Auch in Lehrte könnten aus den Bombenangriffen auf den Bahnhof und Notabwürfen von zur Deurag-Neurag-Raffinerie abdrehenden Bombern (deshalb auch die Entschärfung 2009 in Ahlten) noch Blindgänger verborgen sein.
Sprengmeister Marcus Rausch und sein Team vom Kampfmittelbeseitigungsdienst konnten fünf Stunden nach Evakuierungsbeginn am Montag dann auch den guten Grund vorweisen, warum solch umfassende Vorsichtsmaßnahmen nötig sind: Trotz der Lage bereits im Grundwasser wies der Zünder der entschärften amerikanischen Zwei-Zentner-Bombe eine noch fast neuwertige Qualität auf.
Bleibt bei allem, was da noch kommen könnte, ein Trost: Bei der mehrtägig im voraus geplanten Evakuierung von 10.500 Lehrtern am 3. Januar 2010 klappte bei Minusgraden alles so gut wie jetzt am Montag bei der in aller Schnelle auf die Beine gestellten zweitgrößten Evakuierungsaktion auch bei 28 Grad. Die Einsatzbereitschaft der gut organisierten Helfer kennt eben kein Verfallsdatum . . .