„Finger weg von Julia!“

Die Grundschüler lauschten interessiert der Geschichte von Julia.
 
Präventionsprojekt gegen sexualisierte Gewalt an Kindern an Sehnder Grundschulen in Form einer Theateraufführung.

Präventionsprojekt gegen sexualisierte Gewalt an Kindern in der Grundschule Rethmar

VON DANA NOLL

SEHNDE. Mit dem Präventionsprojekt „Finger weg von Julia!“ kommt ein Thema auf die Bühne, das – leider – noch immer hochaktuell ist. In dem Stück geht es um sexualisierte Gewalt an Kindern, dargestellt in Interaktion zwischen Handpuppen und realen Darstellern.
„Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Kindern ist uns ein wichtiges Anliegen. Wir haben daher das vom Hildesheimer Civitan Club durch eine Jugendpsychiaterin und eine Sonderpädagogin erprobte Präventionskonzept übernommen, das in Hildesheimer Grundschulen und Kindertagesstätten bereits seit mehr als 10 Jahren durchgeführt wird“, erklärt Renate Grethe vom Civitan Club Sehnde.
Auch an der Grundschule Rethmar sahen am letzten Montagvormittag etwa 150 Kinder die Aufführung, die vom Civitan Club Sehnde initiiert und auch finanziert wird.
„Die Finanzierung 2019 erfolgt aus den Spenden von sechs Grillteams der Civitan Grillmeisterschaft 2018 und einem Zuschuss des Präventionsrates und des Fördervereins“, berichtet Renate Grethe, „Eine kontinuierliche Fortsetzung des Projektes in Sehnder Grundschulen oder Kindergärten erscheint uns unerlässlich, solange nicht das Niedersächsische Kultusministerium in diesem Bereich präventiv tätig wird. Wir werden uns auch zukünftig dafür engagieren. Der Überschuss unserer Grillmeisterschaft von diesem Jahr wird ein Teil der finanziellen Grundlage des Präventionsprojektes im Jahr 2020 sein.“
Die Aktion umfasst neben dem Theaterstück je eine Informationsveranstaltung mit Fachleuten sowohl für das Lehrerkollegium als auch für die Eltern.
„Wir sind beeindruckt von den Zielen und der Praxisnähe des Projektes, das Kinder in behutsamer Weise stärken soll, Eltern einbindet und Pädagoginnen sowie Erzieherinnen sensibilisiert und ihre Kompetenzen unterstützt“, so Renate Grethe weiter.
Unterstützt vom Sehnder Bürgermeister, der Gleichstellungsbeauftragten, der Leiterin des Fachdienstes Kindertagesstätten und Jugend sowie dem Präventionsrat der Stadt Sehnde und seinem Förderverein, konnte das Präventionsprojekt seit 2011 bereits elf Mal in den Sehnder Grundschulen Rethmar, Breite Straße, Astrid- Lindgren und in der Wilhelm-Raabe-Grundschule Ilten aufgeführt werden. So konnten bislang insgesamt 1.827 Kinder erreicht werden!
„Wir möchten damit zur Stärkung der Sehnder Grundschulen als Lern- und Lebensort für Kinder beitragen“, so Renate Grethe.
Wie aktuell und wichtig das Thema ist, unterstreicht auch Michael Huwald, Kriminalhauptkommissar, Zentraler Kriminaldienst Hannover, Beauftragter für Jugendsachen und Kriminalprävention: „Es ist wichtig darüber zu sprechen, obwohl es für alle, besonders natürlich für Betroffene, ein hoch emotionales Thema ist.“
Etwa 100 Fälle von sexualisierter Gewalt wurden 2018 zur Anzeige gebracht – die Dunkelziffer ist weitaus höher. Die meisten Täter kommen aus dem näheren Umfeld wie Familie, Nachbarschaft oder dem Freundeskreis.
„Es gibt nur selten Fälle, wo beispielsweise Kinder von der Straße in ein Auto gezerrt werden, die Mehrzahl der Täter nähert sich geschickter. Sie beobachten genau, bauen eine Beziehung zum Opfer oder auch zu den Eltern auf, schaffen Vertrautheit“, berichtet Michael Huwald.
Für die Kinder beginnt hier ein sehr schwieriger Weg, denn der „Täter“ gab ihnen bislang ein gutes Gefühl – sie sind verwirrt. In dieser Phase sollten Eltern besonders gut hinhören und Signale erkennen.
„Wichtig ist, dass Kinder Stärke zeigen, dann lassen die Täter meistens ab. Denn diese haben den Drang Macht auszuüben, Kinder eignen sich gut dafür, weil sie schwächer sind“, so Huwald weiter.
An die Kontakt- und Beratungsstellen können sich sowohl Betroffene als auch Eltern, Pädagogen oder jede Person, die helfen möchte, wenden. Hier gibt es Informationen, Beratung, Hilfe und jegliche Art von Unterstützung, für Menschen, die aktuell oder in der Vergangenheit, sexuelle Gewalt erlebt haben oder damit konfrontiert wurden. Die Beratungen sind anonym und kostenfrei.
Auch die Broschüre „Mutig fragen – besonnen handeln“ ist zu empfehlen. Sie steht als kostenloser Download auf der Seite vom Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Verfügung. (www.bmfsfj.de)