Fibeln, Pferdeschmuck und Phallussymbole

Nach ihrem gut zweistündigen, höchst interessanten Vortrag wurden Karola Hagemann und Robert Lehmann (Mitte) von den Besuchern noch mit vielen Fragen bestürmt. Foto: Susanna Veenhuis (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Ein scharfes Auge muss der Finder dieser bei Müllingen aufgetauchten Figurine haben: Nur acht Zentimeter groß ist die Figur, die vermutlich einen Gott darstellt. (Foto: Susanna Veenhuis)

Funde bei Wilkenburg und Lehrte weisen auf Römer hin

LEHRTE (sv). Was trieb der römische Söldner, wenn er nicht gerade marschieren oder kämpfen musste? Alles mögliche offensichtlich wie Würfelspiel und wohl auch feine Körperhygiene. Darauf weisen über 6.000 Funde ganz in der Nähe bei Wilkenburg in der Gemeinde Hemmingen hin, die bei Grabungen entdeckt wurden. Die promovierte Historikerin Karola Hagemann und der ebenfalls promovierte Chemiker Robert Lehmann mit Schwerpunkt Archäologische Chemie informierten jetzt im Anderen Kino über die neuesten Nachweise römischer Präsenz im Raum Hemmingen – Lehrte – Sehnde.
Eingeladen hatte wieder Hartmut Henning vom Institut MPC – aus Interesse an der Sache und dem Wunsch, das Wissen auch anderen Interessierten zuteil werden zu lassen. Seinem privaten Engagement verdanken die Lehrter mittlerweile auch neueste Erkenntnisse über den Mars, vermittelt von Professor Franz Renz von der Leibniz-Universität Hannover, und diverse Vorträge über Wölfe sowie zwei Lesungen mit der Bestseller-Autorin Elli Radinger.
Diesmal waren die Umtriebe der Römer kurz nach Christi Geburt im damaligen Germanien Thema. „Ich hatte bis Herbst vergangenen Jahres noch nie etwas von dem Römerlager gehört“, gestand Hartmut Henning bei der Begrüßung der über 60 Besucher aller Altersklassen im Anderen Kino. Den meisten davon ging es ähnlich, wie den Gesprächen in der Pause zu entnehmen war. Hartmut Hagemann und Robert Lehmann, beide ehrenamtlich in der Römerforschung vor Ort engagiert, bedienten die Wissbegierde ihres Publikums zwei Stunden lang, so weit es ihnen möglich war.
Schon in den 1990er-Jahren waren auf Luftaufnahmen bei Wilkenburg Auffälligkeiten festgestellt worden. Doch erst 2015 bestätigten Grabungen einen in Fachkreisen lange gehegten Verdacht: Auf etwa 30 Hektar heutigem Ackerland erstreckte sich vor über 2.000 Jahren ein Marschlager der Römer mit bis zu 20 000 Legionären inklusive Reitern und Versorgungstross. Zur Unterwerfung der germanischen Stämme sandte Kaiser Augustus seine Truppen über die Alpen nach Norden, um auch jene Stämme östlich des Rheins zu unterwerfen. Sein Adoptivsohn und späterer Nachfolger auf dem Kaiserthron, Tiberius, führte zwei Feldzüge gegen die Cherusker im Bereich Leine- Mittelweser-Deister-Harz und die Langobarden an der Elbe. Aufgrund vieler Münzenfunde, darunter Gold- und Silbermünzen, hauptsächlich aber fünf bis zehn Millimeter großen, meist als Kleingeldersatz benutzten keltischen Münzen bei Wilkenburg ließen sich diese auf die Jahre 4 und 6 nach Christus datieren. Zusammen mit vielen Würfeln – darunter auch gezinkte – ließe dies auf einen längeren Aufenthalt der römischen Legionäre dort schließen, erklärte Hartmut Hagemann.
Zur genauen Legierungs- und damit Altersbestimmung habe man sogar das Mößbauer-Spektrometer unter Leitung des Marsforschers Franz Renz erfolgreich eingesetzt, berichtete Robert Lehmann.
Auch mit Silber eingelegte Pinzetten zur Haarentfernung, Anhänger von Rüstungen und Pferdegeschirren sowie Talismane in Form von Phallussymbolen seien bei den Wilkenburger Grabungen aufgetaucht. Hervorzuheben sei auch ein Wolfskopf aus Bronze, der zu einer Fibel zum Zusammenhalten von Umhängen gehöre.
Erst gegen Ende ihres Vortrags berichteten die Wissenschaftler von dem Fund bei Müllingen: Vermutlich Jupiter oder Herkules soll die acht Zentimeter große, eindeutig männliche Figurine darstellen. Wie und wo die antike Gottesfigur genau gefunden worden war, wollte Robert Lehmann nicht verraten. „Sonst haben wir hier einen Grabungstourismus, bei dem womöglich wertvolle Artefakte abhanden kommen oder zerstört werden“, sagte er mit Bedauern. Bei Lehrte wurden bereits weitere Funde gemacht, die aber der Öffentlichkeit noch nicht vorgestellt wurden. Auch darüber musste sich der Chemiker in Schweigen hüllen.
Besucherin Karen Baingo erinnerte an die Funde des Immenser Landwirts Irmfried Heineke, der beispielsweise auf seinem Acker das Grubenhaus entdeckte, das schließlich zum Bau des Eisenzeit-Hauses am Naturfreundehaus Grafhorn führte, und der wohl auch so manchen Fund aus Römerzeiten gemacht hatte. Möglicherweise ließe sich bei gezielten Untersuchungen im Raum Lehrte – Śehnde mehr entdecken, denn die Distanz zum Lager Wilkenburg entspräche einem Tagesmarsch eines solchen Heeres und der Bereich liege in der Marschrichtung nach Osten, so Robert Lehmann.
Durch den gesetzlich vorgegebenen Vorrang zur Rohstoffsicherung ist die Fundstätte In Wilkenburg allerdings sehr gefährdet; der Schweizer Holcim-Konzern, der bei Sehnde-Höver das Zementwerk betreibt, will auf dem Gelände Kies abbauen. „Es kann doch nicht sein, dass 2.000 Jahre altes Kulturgut dem schnöden Mammon geopfert werden soll“, sagte Karola Hagemann. Auf der Internetseite www.roemerlager-wilkenburg.org schaltet der Verein ab 1. Februar eine Petition zum Erhalt des Römerlagers, an dem mittlerweile vier Universitäten forschen. Denn nur der Bürgerwille kann der Zerstörung dieses historisch bedeutsamen Areals noch entgegenwirken.
Karola Hagemann und Robert Lehmann baten um reichlich Beteiligung an der Petition und luden zu den monatlichen Rundgängen und Vorträgen ein, die jeden ersten Samstag um 14 Uhr dort stattfinden. Am 2. Februar ist das Rollenverständnis von Männern und Frauen in der römischen Antike Thema. Einen Monat später geht es um die berühmte Varusschlacht, bei der der Cherusker Arminius die römischen Legionen vernichtend schlug. Weitere Termine und Informationen gibt es auf der Internetseite. „Da lassen wir für Sie die alten Römer wieder auferstehen“, sagte Karola Hagemann strahlend.