Essen verbindet, in allen Kulturen

Mit Konzentration und Können tritt David Michel, zehn Jahre alt, vom Postsport-Verein das Brett in den Händen von Trainer Hans Bernd Will und seinem Helfer in zwei Teile. (Foto: Foto: Susanna Veenhuis)
 
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Miersch sprach den Organisatorinnen Michèle und Isabelle Peiffert seinen Dank für das Multikulti-Fest als Zeichen gegen Hass und Intoleranz aus. (Foto: Susanna Veenhuis)

Multikulti-Fest des Stadtjugendrings auf dem Rathausplatz

LEHRTE (sv). Kinder springen in der Hüpfburg, spielen Ballspiele, malen oder sprayen ein buntes Bild auf eine Pappwand; Erwachsene schauen dabei zu, helfen und unterhalten sich – beispielsweise über die Rezepte von Zigara-Börek, pikantem Schafskäsekuchen oder würzigem Bulgursalat. Seinem Motto „Lehrte is(s)t multikulturell“ wurde das Fest des Stadtjugendrings in jeder Weise gerecht. Das gute Sommerwetter tat ein übriges dazu, dass sich ein buntes Völkchen auf dem Rathausplatz tummelte und auch das abwechslungsreiche Bühnenprogramm aufmerksam verfolgte.
Als ein Zeichen gegen Nationalismus, Populismus und Rassismus wollten die Organisatorinnen Michèle Pfeiffert und Isabell Peiffert und ihre Mitstreiter vom Stadtjugendring das bunte Fest verstanden wissen. Das kam bei Besuchern wie Gastrednern gut an. „Rechtsextremistische Äußerungen dürfen nicht salonfähig werden“, sagte Michèle Peiffert. Essen sei in jeder Kultur Liebe und Genuss, deshalb habe man sich für dieses Thema entschieden.
„Wir leben in einer Zeit, in der man zu Rechtsextremismus und Populismus nicht schweigen darf“, sagte der stellvertretende Bürgermeister Wilhelm Busch. Hier werde sehr schön dargestellt, wie Musltikulti funktionieren kann. „Hut ab, dass Sie sich dieser Verantwortung für das Fest stellen“, setzte er in Richtung der beiden Stadtjugendring-Mitglieder hinzu. Guelten Gailus von der Stadt Lehrte erzählte eine kleine Anekdote über exotisches Essen: „Zum ersten Mal Sauerkraut oder Grünkohl bei den Schwiegereltern – das war exotisch, glaubt mir!“ Auch Matthias Miersch, Bundestagsmitglied, und Landtagsmitglied Thordies Hanisch sparten nicht mit Lob für das Fest, an dem sich viele Lehrter Vereine und Organisationen beteiligten: „Es ist Zufall, dass wir hier in Deutschland geboren sind, keine eigene Leistung“, erinnerte Hanisch. Integration heiße für sie nicht, dass alle gleich würden, sondern voneinander lernen könnten. Matthias Miersch erinnerte an den Beginn des zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren und nannte die Aktion ein deutliches Zeichen gegen Hass und Intoleranz. „Und deshalb muss ich Euch als Bundestagsabgeordneter dafür Danke sagen!“
Weniger Worte, mehr Taten: Die Bühne blieb nicht den Rednerinnen vorbehalten. Hauptsächlich zeigte der Lehrte Nachwuchs, was ihn antreibt. So führten die Kampfsportler vom Postsportverein und vom Mu-Do-Kwan beeindruckende Bewegungsabläufe bei ihren Taek-Won-Do-Übungen vor. Bei den vielen Tanzbegeisterten des Lehrter Sport-Vereins unter Leitung von Leena Stratmann und Yvonne Profft hatten schon die Kleinsten rasante Choreografien einstudiert, deren Schwierigkeitsgrade sich mit jeder Altersgruppe steigerten. Taek-Won-Do und Musik - beides kann Lydia Siemke, die Trägerin des ersten Dan begeisterte auch mit ihrer klaren Singstimme. An ihrem hölzernen Übungspferd, das auch mit der großen Hitze gut klarkam, zeigten die Voltigiererinnen von den Ramhorster Pferdefreunden, welche kunstvollen Figuren ihre Trainerin Sina Spatharakis für den wackeligen Rücken eines Pferdes mit ihnen einstudiert hat. Um Gerechtigkeit ging es in dem kleinen Bühnenstück, das die Jugendlichen aus der freikirchlichen Gemeinde in Arpke einstudiert und locker präsentiert hatten.
Yurdumspor hatte die Anlage fürs Torwandschießen und Truthahn-Bratwürstchen mitgebracht, die muslimische Gemeinde hatte ein riesiges Spezialitätenbuffet aufgebaut. Süßes vom Kuchen bis hin zur dreistöckigen Torte gab es ebenfalls zu verkosten. Vereine wie Lehrte hilft, der Humanistische Verband, der Kulturverein Azadi, die Naturfreunde, der Schachclub, die Band Escalation und die Dolls-Tänzer aus Hannover und viele andere waren ebenfalls mit von der musltikulturellen Partie. Auch Graffiti-Sprayer und solche, die es werden wollten, konnten unter sachkundiger Anleitung von Jana und Julain Hay aus Dresden zur Farbdose greifen.
„Ich komme aus Lehrte, wo damals schon eine Moschee neben der Grundschule gebaut wurde, damals gab es keine Pegidisten, die buh riefen“, erinnerte der hannoversche Poetry Slammer und mehrfache internationale Preisträger Tobias Kunze an seine Wurzeln. Nach einer ebenso witzigen wie wortgewaltigen Analyse der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation samt drastisch weiterentwickelter Szenarien machte Kunze seinem Ruf als Freestyler alle Ehre. Das Publikum rief ihm Begriffe wie Tanzen, Zusammenhalt, Freikirche, Frieden und Stadtjugendring zu, aus dem Stegreif formte er daraus Verse für eine versöhnende, musltikultrurelle Kultur mit dem Fest des Stadtjugendrings als einer Aktion davon.
Guelten Gailus sagte, sie hoffe, dass das Fest zur Tradition wird. „Lassen Sie uns zeigen, dass Lehrte immer multikulturell war und immer sein wird!“