„Es ist toll, die Fortschritte zu sehen“

In einem Aufenthaltsraum im Erdgeschoss des Wohnhauses treffen sich die Teilnehmer jeden Freitag, um mit den vier ehrenamtlichen Frauen Deutsch zu lernen. (Foto: AWO)

Ehrenamtlicher Deutschunterricht läuft seit vier Jahren

LEHRTE (r/gg). „Wir wollten helfen, einfach nur helfen“, sagt Ingrid Michels rückblickend. Kurz nachdem viele Migranten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach Lehrte kamen, begann sie mit drei weiteren Frauen, ehrenamtlich Deutschunterricht im AWO-Wohnhaus an der Nordstraße zu geben. Mittlerweile kommen die vier Frauen, die dem Netzwerk „Lehrte hilft“ angehören, seit vier Jahren jeden Freitagvormittag in die Gemeinschaftsunterkunft und helfen beim Lernen der deutschen Sprache.
In einem Aufenthaltsraum im Erdgeschoss des Wohnhauses treffen sich die Teilnehmer jeden Freitag um 10.30 Uhr. Ihre Altersspanne ist groß: Der Jüngste ist Anfang 20, die Älteste über 60 Jahre alt. Sie bilden an Einzeltischen kleine Gruppen und nehmen die mehrsprachigen Lernmaterialien in Empfang, die sie dann mit Unterstützung der vier Ehrenamtlichen bearbeiten. „Manche haben bereits Deutschkurse belegt und bestanden, manche können noch gar kein Deutsch“, sagt Ingrid Michels, die früher Lehrerin war. Auch Analphabetismus sei keine Seltenheit, gerade bei älteren Frauen. „Wir haben auch Teilnehmer, die nie eine Schule in ihrem Leben besucht haben“, ergänzt Ingrid El-Sibay, die selbst ein wenig arabisch spricht. Die Motivation, Deutsch zu lernen, sei auch bei Teilnehmern mit solch schwierigen Voraussetzungen hoch, berichten die Frauen. „Und es ist toll, die Fortschritte zu sehen“, betont Ingrid Michels.
In dem Lehrter Wohnhaus leben derzeit 62 Migranten. Nach und nach ziehen sie aus, wenn sie eine Wohnung gefunden haben, und weitere Migranten kommen hinzu. An dem wöchentlichen Deutschunterricht nehmen bis zu zehn Bewohner teil. „Die Lernmaterialien stellt die AWO zur Verfügung. „Wir haben dafür ein Budget“, erklärt AWO-Mitarbeiterin Susanne Stanke. „Die Frauen sind sehr nett und helfen uns sehr“, sagt Haidar Puko Aarafat, der regelmäßig an dem Deutschunterricht teilnimmt. Der 30-Jährige stammt aus dem Irak und hat bereits die B1-Prüfung bestanden. Er möchte seine Deutschkenntnisse schnell weiter verbessern, um Arbeit zu finden. Erste Joberfahrungen sammelte er bereits als DHL-Paketbote, im Lager eines Supermarktes und den Führerschein hat er auch schon gemacht. „Ich lerne hier viel und hoffe, bald einen richtigen Job zu finden“, sagt er.
Auch Ausflüge haben die Frauen schon mit ihren „Schülern“ unternommen: Ans Steinhuder Meer und in die Herrenhäuser Gärten. Und Freundschaften seien entstanden, die auch nach dem Auszug aus dem Wohnhaus Bestand hatten, berichtet Ingrid Michels. Zum Beispiel zu einem aus dem Irak stammenden Mann, der mittlerweile eine Familie gegründet und eine Wohnung in Lehrte gefunden hat. „Ich besuche sie regelmäßig - und sie besuchen mich. Seine Kinder nennen mich schon Oma“, sagt Ingrid Michels und lacht. Mit ihrem ehrenamtlichen Engagement treffen die Frauen in ihrem Umfeld manches Mal auch auf Ressentiments gegenüber Migranten. „Manche Menschen haben einfach Vorurteile. Ich sage ihnen dann immer, dass sie einfach mal dazu kommen sollen. So könnten sie ihre Vorurteile und Ängste ganz leicht hinter sich lassen“, betont Ingrid Michels.
Wer sich ebenfalls ehrenamtlich engagieren und Deutschunterricht geben möchte, kann sich im AWO-Wohnhaus Nordstraße bei Susanne Stanke und Gülten Dündar unter der Telefonnummer 05132 83 03 508 melden.