„Es gibt noch viel zu tun!“

Mit einem eindringlichen Gedicht über einen Vater-Sohn-Dialog verdeutlichte der Poetry-Slammer Tobias Kunze den aktuellen Generationen-Konflikt um die Klima-Diskussion. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Luca Schneider (von links) und Birte Hofmann stellten mit Moderator Elvin Hülser im Antikriegshaus vor 30 interessierten Besuchern die Ziele der Lehrter Fridays For Future-Gruppe vor. (Foto: Susanna Veenhuis)

Fridays For Future-Vertreter stellen sich im Antikriegshaus Besucherfragen

SIEVERSHAUSEN (sv). „Wir sind eigentlich ziemlich zufrieden mit dem Ratsbeschluss“, kommentierte Luca Schneider die jüngsten Ergebnisse in Sachen Klimaschutz in Lehrte beim Diskussionsabend im Antikreigshaus in Sievershausen. Zum Beginn der diesjährigen Friedensdekade hatte das Nagelkreuzzentrum im Antikriegshaus nach einem Gottesdienst Vertreter der Ortsgruppe Lehrte der internationalen Klimaschutzbewegung „Fridays For Future“ (FFF) zur Diskussionsrunde eingeladen. Der Geschäftsführer des Antikriegshauses und Referent für Friedensfragen, Elvin Hülser, moderierte die Diskussion. Die Abiturientin Birte Hofmann und der Schüler Luca Schneider stellten sich den Fragen der rund 30 Besucher.
Doch zuvor stimmte ein ehemaliger Lehrter aus dem Publikum auf das Thema ein. Tobias Kunze, Poetry Slammer und Autor, trug spontan ein Gedicht über einen Vater-Sohn-Streitgespräch vor. Der eindringliche Dialog zwischen dem höchst alarmierten Sohn und seinem selbst noch angesichts drohender Lebensgefahr beschwichtigenden Vaters spiegelte den Generation-Konflikt wider, der sich oft im ablehnenden Verhalten Älterer gegenüber den FFF-Aktiven äußert.
Insgesamt 600 Ortsgruppen der internationalen Organisation FFF gibt es mittlerweile in Deutschland, führte Schneider aus. In 123 Ländern werde nach dem Vorbild der schwedischen Schülerin Greta Thunberg der Schulunterricht an bestimmten Tagen bestreikt. Eigentlich hatten die jungen Lehrter Protestler mittels einer Petition mit immerhin 700 Unterschriften erreichen wollen, dass in ihrer Stadt der Klimanotstand ausgerufen wird. Dies hätte bedeutet, dass jeder künftige Ratsbeschluss auf seine direkten und indirekten Auswirkungen auf das Klima und Umwelt hin überprüft werde, beispielsweise bei Verkehrs- oder Bauvorhaben, aber auch bei vielen anderen in irgendeiner Form umweltrelevanten Themen. Das war zwar abgelehnt worden, aber die Ratsmitglieder hatten für einen 16-Punkte-Klimaschutz-Plan gestimmt, mit dem sie, wie eingangs beschrieben, „eigentlich zufrieden“ seien. „Aber es gibt dennoch viel zu tun“, sagte Schneider.
Seine Mitstreiterin, die Abiturientin Birte Hofmann, musste erleben, wie ein älterer Mann ihr jegliche Glaubwürdigkeit und Kompetenz absprach. „Bei der Veranstaltung 'Lehrte is(s)t multikulturell' sagte der: Ich werde so etwas nicht mit Kindern besprechen, es geht bei Euch ja nicht um Geld und Arbeitsplätze, Ihr arbeitet ja noch nicht“, berichtete Hofmann. „Aber wir erfahren auch viel Unterstützung von Älteren.“ Ihre Eltern hätten beispielsweise den Haushalt umgestellt, die Kirchengemeinde stelle ihnen einen Raum zur Verfügung, und viele Leute begrüßen ihre Aktionen und unterstützen sie dabei.
„Dass die Regierung sich erst Ziele setzt, sie dann aber nicht einhält, ist vorher nicht angeprangert worden. Das tun wir jetzt, und ich kann nicht nachvollziehen, wieso die Politiker sich dadurch angegriffen fühlen“, sagte Luca Schneider. „Die müssen verstehen, dass es um unsere Zukunft geht, um unser aller Zukunft“, bekräftigte die Abiturientin. Sie sei schon durch ihre Eltern für einen achtsamen Umgang mit Energie und Ressourcen sensibilisiert worden. Schon immer habe sie das Licht ausgemacht, wenn sie einen Raum verließ, die Heizung vor dem Lüften herunter gedreht und nach Möglichkeit dem Fahrrad oder Öffis den Vorzug vor dem Auto gegeben. Bei FFF könne sie sich in größerem Umfang für den Klimaschutz engagieren. Ähnlich sieht das auch ihr Mitstreiter.
„Toll! Ich bin überzeugt, dass das alles immer noch kein Thema wäre, wenn Ihr nicht dafür auf die Straße egehen würdet“, sagte SPD-Stadtratsmitglied Petra Drescher. Der 16-Maßnahmen-Katalog beinhalte konkrete Vorhaben, der Klimanotstand sei dagegen nur ein undefiniertes Signal. Deshalb habe man sich für den 16-Punkte-Plan entschieden. „Der ist nicht festgeschrieben, sondern immer erweiterbar“, sagte sie.
Da das Lehrter Gymnasium als konservativ gelte, so ein Besucher, interessiere es ihn, wie Lehrer und Mitschüler reagieren. Etwa 30 Leute in der Schule seien in Sachen FFF engagiert, der harte Kern bestehe aus sechs Leuten, gab Luca Schneider Auskunft. „Die Lehrer dürfen nicht sagen, dass sie dafür sind, aber privat finden die meisten unser Anliegen unterstützenswert.“ Auch sei der Vorwurf, sie wollten nur die Schule schwänzen, mittlerweile im Wesentlichen entkräftet. Für ein paar Aktive stehe da einiges auf dem Spiel. Am Lehrter Gymnasium stellen die FFF-Aktiven mit etwa 200 von 1.200 Schülern eine Minderheit dar.
Lobende Worte fand ein pensionierter Politik-Lehrer für die engagierten jungen Leute: „Ihr greift ein altes Unterrichtsideal auf: die so genannte Handlungsorientierung. Ich würde mich freuen, wenn ich solche Schüler hätte. Ihr seid da total auf dem richtigen Weg. Aber ihr werdet einen langen Atem brauchen. Bleibt dran und lasst Euch nicht entmutigen!“
Das tun die Lehrter FFF-Aktiven offensichtlich nicht: Unter dem Motto „Wir bringen Licht ins Dunkel“ laden sie für Freitag, 22. November, um 19 Uhr zum Laternenumzug ein. Start ist am Neuen Zentrum. Auch beim weltweiten Klimastreik am Freitag, 29. November, sind die Lehrter dabei.