Die Stunden des Wartens auf die Wählerentscheidung in Lehrte und Sehnde …

Gesteigertes Interesse an der Gestaltungspolitik vor Ort: Selbst im größten Saal der Lehrter Kernstadt im Tennis- und Kegelcenter reichten bei der Diskussion des DGB mit den SpitzenkandidatInnen die Sitzplätze nicht aus. (Foto: Walter Klinger)
 
Mit Björn Rust (li.) wollen die Lehrter Christdemokraten nach 39 Jahren wieder den Chefsessel im Lehrter Rathaus erobern. Auch Fraktionschef und Landtagsabgeordneter Dr. Hans-Joachim Deneke-Jöhrens (Mi.) und CDU-Statverbandsvorsitzender Jürgen Kelich (re.) sind sicher, dass die CDU bei der Wahl auch stärkste Kraft im Lehrter Stadtrat wird. (Foto: Walter Klinger)
 
Bringt Bewegung in den Lehrter Wahlkampf: Ronald Schütz, Bürgermeisterkandidat der Grünen für den Stadtrat, hier mit seiner ebenfalls für den Stadtrat kandidierenden Ehefrau Gloria Ilsemann-Schütz beim Sportfestival „Mission Olympic“ Lehrte. (Foto: Walter Klinger)
 
Trotz der Wahlkämpfe in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin nahm sich Parteiprominenz Zeit für Besuche vor Ort, hier SPD-Fraktionschef Walter Steinmeier (re.) bei den Bürgermeisterkandidaten Klaus Sidortschuk (neben Steinmeier) und Wolfgang Toboldt (neben Sidortschuk). (Foto: Walter Klinger)

Einige Anmerkungen zu den hier besonders spannenden Bürgermeisterwahlen

LEHRTE/SEHNDE. Die Parteifreunde aus Hannover und Berlin sind verabschiedet, die letzen Wahlkampfbroschüren verteilt – jetzt haben die Stunden begonnen, in denden die KandidatInnen der Entscheidung des eigentlichen Soveräns, der WählerInnen harren. Eine erste positive Bilanz des Kommunalwahlkampfes aber kann bereits gezogen werden, denn trotz der besonderen Spannung bei den Bürgermeisterwahlen „auf gleicher Augenhöhe“ in Lehrte und Sehnde, hat es dieses Mal, unaufgeregt trotz allgemein aufgeregter Zeiten – ausschließlich sehr sachliche Darstellungen und Argumentationen gegeben: ein einer gewachsenen Demokratie würdiger Wahlkampf also. Ob die WählerInnen – die solch verantwortungsvolles Handeln ja des öfteren fordern – das honorieren, wird die Beteiligung morgen von 8.00 bis 18.00 Uhr in den Wahllokalen zeigen.
Vorinformationen vor den Ferien, und nur eine kurze dreiwöchige „heiße“ Phase danach haben dazu geführt, dass die WählerInnen a) gut informiert und b) fast gar nicht von Wahlkampfgetöse genervt scheinen. Fast überall deutlich jüngere und in der Zahl mehr KandidatInnen der Parteien belegen ein wieder gesteigertes Interesse an der politischen Gestaltung vor Ort.
Nicht alles konnte in diesen drei Finalwochen umgesetzt werden, zumal zusätzliche Großveranstaltungen in beiden Städten sich in das Medieninteresse teilten. Ein kurzer Computerstillstand in unserer Redaktion – und schon war eine Darstellung des Wahlprogramms der Lehrter Grünen nicht mehr möglich. Aber auch sie waren – auf der Homepage ihres Bürgermeisterkandidaten Ronald Schütz – selbst medial aktiv, saßen noch am Dienstag zum Thema Bürgerbeteiligung bei ihrer letzten Wahlveranstaltung zusammen.
Die Bürger zu informieren, bevor die Anträge ins Rollen kommen, das ist ein wichtiges Anliegen für sie vor Ort und auch in der Region, wo sie mit der sttellvertretenden Regionspräsidentin aus ihren Reihen, Doris Klawunde, Einfluss nehmen. Zum Thema Bürgerbeteiligung ist Schütz aus seinem politischen Start bei der Bürgerinitiative zum Standort des GVZ besonders glaubwürdig – und mit seiner Partei bis heute gegen unreflektierte Großansiedlung von Logistik.
Seit zwei Jahrzehnten in der Kommunalpolitik und stets sachlich geblieben im Dialog mit dem Bürger – das hat Ronald Schütz Wahlempfehlungen aus dem bürgerlichen Lager (wir berichteten über die des ehemailgen Zuckerfabrikchefs) wie auch von den Linken eingetragen.
Als Regionsgeschäftsführer und ehemaliger Landesschatzmeister der Grünen, auch in Sonderaufgaben wie der Sichtung der Asse-Akten erfahren, sieht sich Schütz (übrigens ein ein gelernter Bauingenieur) auch mit genügend Verwaltungserfahrung ausgestattet. Und hat ein Ohr auch für MitarbeiterInnen in der Verwaltung – ein Gespräch mit ihrer Personalvertretung zu dessen aktuelle Klagen über die Arbeitsatmosphäre im Rathaus war sein erster Termin im beginnenden Wahlkampf.
Auf mehr Bürgerbeteiligung mit Bürgerbefragungen und Bürgerversammlungen setzt auch die SPD Lehrte, die damit den Riss durch die Partei wegen des OBI-Baumarktes gekittet sieht. Mehrere KandidatInnen, die ihre Gewissensentscheidung vor die Ergebnisse der Bürgerbefragung zu OBI stellten, treten nicht mehr an. Andere, die neben Bürgermeisterkandidat Klaus Sidortschuk in der Bürgerinitiative mitwirkten, stehen wieder auf den Kandidatenlisten.
Die SPD will ihre erfolgreiche Arbeit für Lehrte fortsetzen – mit Klaus Sidortschuk, der als Bürgermeister auf die Erfahrungen aus zehn Jahre Kommunalpolitik, der stellvertretenden Leitung des Referates für Rechtsfragen im Kultusministerium und seiner (in Lehrte begonnenen) Verwaltungsausbildung bis zum Fachhochschulstudium zum Verwaltungsfachwirt (Schwerpunkt: Verwaltungsorganisation und -struktur) zurückgreifen kann. „Kompetenz wählen“ heißt denn auch der SPD-Wahlslogan. Respekt in Sachen Tagesstätten- und Schulversorgung hat sich Sidortschuk auch durch mehrjährige Vorstandstätigkeit in Elternbeiräten erworben.
Demografischer Wandel, Schullandschaft, sinnvolle Ergänzungen bei der Gewerbeansiedlung nach dem neuen Einzelhandelskonzept: Mit intelligenten Lösungen sieht Sidortschuk noch vieles machbar in Lehrte, auch bei der Verkehrsführung.
Intern schlichtweg als „politisches Massaker“ kennzeichnen dagegen die Lehrter CDU-Politiker die personellen Veränderungen bei der SPD nach der OBI-Debatte. sie sehen sich als einzige kontinuierlich handelnde Kraft im Lehrter Rat. Ihre Meinungsbildung zu OBI, Verkehr und Energie geschah schon vor mehr als zwei Jahren, seitdem wird – auch zur Gewerbeansiedlung mit Akzeptanz wirtschaftlicher, aber keiner überdimensionierten Größen – eine einheitliche Linie verfolgt. Erwartet wird, dass die Wählerinnen diese Entscheidungsfähigkeit honorieren und die CDU zur stärksten Kraft im Lehrter rat machen. Fast nämlich hätte es auch letztes Mal schon zu nur einem Mandat Unterschied gereicht.
Als jüngster der drei Bürgermeisterkandidaten punktet Björn Rust, der nach 39 Jahren das Lehrter Rathaus wieder für die CDU erobern soll, unter anderem damit, dass er vom Alter her auch für zwei Wahlperioden als Bürgermeister zur Verfügung steht – so müssten Erfahrungen nicht immer wieder neu gemacht werden. In einem Jahrzehnt hat es der gelernte Gas- und Wasserinstallateurmeister bis zum „ständigen Vertreter“ des Landtagsabgeordneten Dr. Hans-Joachim Deneke-Jöhrens als Fraktionsvorsitzender im Rat gebracht.
Verwaltungserfahrung bringt Rust aus seiner Tätigkeit in verschiedenen Funktionen für die Stadtwerke Lehrte mit. Vor diesem Hintergrund traut er sich zu auch, die Fachkompetenz der Diplom-Ingenieure in der Stadtverwaltung wieder auf mehr selbst erstellte als nach außen vergebene Planungen zu lenken.
Durch das von ihm mit der CDU angeregte Energiecontracting bei der Straßenbeleuchtung spart Lehrte schon heute mehrere 100.000 Euro im Jahr. Im Energiebereich wie der Straßensanierung will Rust solch intelligente Lösungen vorantreiben. Besseres Beschwerdemanagement unter anderem bei Schlaglöchern und ein Baulückenkataster gehören zu seinen Anliegen.
Björn Rust hat zudem den Arbeitskreis zur Attraktivitätssteigerung der Hallen- und Freibäder wesentlich mitintiiert und geleitet – unter den vielen von diesem erarbeiteten Vorschlägen, die schon mit einfachen Mitteln umzusetzen wären, war die jetzt von der Bädergesellschaft vereinbarte Auflösung der Bad-Gastronomie und die Vermietung dieser Räume an ein Fitnessstudio indes definitiv nicht.
„Aktiv & besser für Lehrte“ heißt das Motto des CDU-Bürgermeisterkandidaten. Dessen Nominierung schon eine Überraschung war. Der bei der Wahl noch für eine weitere sorgen könnte. Unterschätzt, so sagen Beobachter von Rust's dynamischen Auftritten etwa bei Ortsfesten, werde zum Beispiel auch, dass viele Frauen gerade ihn gern dauerhaft als Bürgermeister sehen würden.
So ein Argument hat unseres Wissens zwar noch nie eine Rolle bei einer Lehrter Bürgermeisterwahl gespielt, aber dass aus zahlreichen Plakaten und Aufstellern fein säuberlich nur das Konterfei des Kandidaten heraus geschnitten wurde, macht da doch nachdenklich. Nicht nur unser Redakteur möchte doch zu gern wissen, wo die stibitzten Rust-Konterfeis jetzt hängen …
Andere Fragen wird erst die morgige Wahl beantworten: Bindet die erstmals antretende Piratenpartei vielleicht Protestpotenzial, das früher bei den Grünen war? Die haben dieses Mal mehr als doppelt so viele KandidatInnen, ziehen die (und der Bundestrend) mehr Stimmen? Auch die Linke schickt dieses Mal mehr Bewerber ins rennen, als sie vor einem Jahr noch mitglieder hatte. Beschert der im Rat bereits eingeleitete Generationswechsel der FDP wieder mehr Wähler? (Hinweis: Mehr zu solchen Themen auch unter www.marktspiegel-verlag.de).
Sicher in Sehnde ist nur, dass sich hier die beiden zweifellos bekanntesten Politiker von CDU und SPD gegenüberstehen. Bürgermeister Carl Jürgen Lehrke (CDU), ein gelernter und diplomierter Betriebswirt der Landwirtschaft, der wieder zur Wahl antritt, kann mit in zehn Jahren halbierter Verschuldung, dennoch aber auch regional hoher Investitionsquote bei Krippen, Schulen und Mensa, Sporthallen und nicht zuletzt der – ein Jahrzehnt von keiner Partei angefassten – Walbadsanierung eine Erfolgsbilanz vorlegen.
Was Lehrke in der Landwirtschaft, ist sein im Kultusministerium arbeitender Herausforderer, der SPD-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Toboldt, in der Verwaltung. Auch er hat in der örtlichen Stadtverwaltung begonnen. Als Regionsabgeordneter hat Toboldt im Wahlkampf die enge und wichtige Verzahnung mit der Region deutlich gemacht und mehrere Fachausschüsse mit der Situation und Enrwicklungswünschen in Sehnde vertraut gemacht, nicht zuletzt das jährliche Sportgespräch der Regions-SPD zu den Neubauvorhaben nach Ilten geholt.
Die über Jahrzehnte SPD Sehnde sieht sich als Architekt der Erfolge, welche die CDU heute für sich reklamiert. Und mit zukunftswichtigen eigenen Akzenten nicht nur im sozialen und im Schulbereich, sondern etwa auch bei der Forderung von Toboldt nach einem versierten City-Manager für die Attraktivitätssteigerung der Innenstadt. Linke und Grüne haben denn auch eine Wahlempfehlung für Toboldt abgegeben, weil sie ihn schlichtweg für initiativer halten. Die Chance, nach zehn Jahren wieder die gestalterische Verantwortung in der Stadt Sehnde zu übernehmen, scheint für die SPD also greifbar nahe …
„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht!“, betonen dagegen Lehrke und die Sehnder CDU, nicht nur auf den Apell der Grünen (siehe nächste Seite), energiepolitisch konsequenter zu handeln: BHKW und Solaranlage an der KGS und atomfreien Strom ab dem Jahreswechsel für alle städtischen Gebäude gäbe es schon, auch eine City-Koordinatorin aus dem eigenen Hause und die Erstellung eines Masterplans für die Mittelstraße machten Sehnde zukunftsfähiger. Allerdings kämen die Grünen nicht einmal zu den Energie-Workshops der Stadt.
Entscheiden könnten sie meist aus eigener Kenntnis der beiden Kandidaten. Aber kommen die WählerInnen auch in Sehnde so zahlreich, dass es eine klare Entscheidung gibt? Oder wird es so knapp, dass schon das Wetter (bei schlechterem reklamieren indes beide große Parteien, sie hätten Einbußen) den Ausschlag gibt? Auch das, liebe LeserInnen und MitbürgerInnen, liegt am morgigen Wahltag ganz bei Ihnen … Walter Klinger