"Die Blaue Blume ist immer noch blau"

„Man kann noch so viel trödeln, es wird nicht früher“, zitierte Oskar Ansull den Schriftsteller Günter Eich im Antikriegshaus. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Das Publikum spendete begeistert Beifall für den intensiven und spannungsgeladenen Parforce-Ritt durch die Literatur der '68er-Generation. (Foto: Susanna Veenhuis)

Oskar Ansull bringt die Literatur der '68er ins Antikriegshaus

SIEVERSHAUSEN (sv). Obwohl bis auf zwei seiner Zuhörer im Antikriegshaus allesamt noch echte Zeitzeugen dieser Ära waren: Zum wehmütigen Schwelgen in blumigen Erinnerungen an 1968 und die Vor- und Folgejahre ließ Oskar Ansull seinem Publikum keine Gelegenheit. Der Schriftsteller und Literaturforscher nahm die Besucher zwar mit auf eine Zeitreise in jene heiße Phase Deutschlands, ließ aber mit seinen Zitaten zeitgenössischer Literaten und seinen Erklärungen romantische Verklärungen gar nicht erst aufkommen.
„Schlagt die Blaue Blume tot, färbt die Germanistik rot!“ So - und gern auch umgekehrt - skandierten Studenten damals in ihrem Streben nach Erneuerung, und das war auch der Titel der Veranstaltung jetzt in Sievershausen mit dem Untertitel „Literatur im Spannungsfeld zwischen Vater Staat und Mutter Natur“. „Aber die Germanistik lebt immer noch mehr oder weniger munter und die blaue Blume ist immer noch blau“, erklärte der Schriftsteller und Literaturforscher in Bezug auf das von Friedrich von Hardenberg unter dem Pseudonym Novalis beschriebene Symbol der Romantik. „Die Literatur konnte auch gar nicht sterben, so viel wurde über sie diskutiert“, sagte Oskar Ansull und zitierte beispielsweise aus der Prosasammlung „Der Maulwurf“ von Günter Eich : „Man braucht nur morgens an den Zeitungsstand zu gehen, dann weiß man, was Zeit ist. Dann fällt es einem wie Brillen von den Augen: Man kann noch so viel trödeln, es wird nicht früher.“
Einen kleinen Maulwurfs-Korb mit Eich-Texten hatte Ansull dabei, in den er immer wieder für ein neues Zitat griff. Aus dem „Tintenfisch“, Wagenbachs Jahrbüchern der Literatur, zitierte er Ernst Jandl. Trotz der augenzwinkernden Ironie machte Ansull es seinem Publikum nicht bequem, indem er unter anderem auch Beispiele offener Ironie bis hin zu blankem Hass ohne jegliche Ironie einbezog. So hatte sich Hans Magnus Enzensberger mit dem Hass-Phänomen der '68er auseinandergesetzt und festgestellt: „Intellektuelle sind gute Quellen für Hass.“ Viele Dichter und Denker hätten sich als Hassproduzenten hervorgetan – allen voran Heinrich von Kleist.
Ansulls Vortrag war ein spannender, zweistündiger Parforce-Ritt durch die literarische Welt der 68er-Generation, die brutale Taten wie das Massaker von My Lai, die Ermordung von Martin Luther King und von Rudi Dutschke und die grausame Niederschlagung des Prager Frühlings und nicht zuletzt eigene Kriegs- und Nachkriegstraumata verarbeiten musste. Ingeborg Bachmann, Ernst Jandl, Renate Rasp, Helga M. Novak, Thomas Bernhard, Wolf Biermann, Volker Braun, Peter Handke, Nicolas Born, Marie Luise Kaschnitz, Peter Huchel, Horst Wienek, Peter Bichsel, Wolf Wondratschek und Rolf-Dieter Brinkmann lieh der Literat seine Stimme und vermittelte deren Wirken im Kontext von Studentenrevolte und Kaltem Krieg.
„Auch wenn die 68er im vergangenen Jahr 50-jähriges Jubiläum feierten, passt das gut zum 51. und 1969 war auch noch genug los“, hatte Antikriegshaus-Vorsitzender Berndt Waltje zur Begrüßung gesagt. Ein Jubiläum feiert in diesem Jahr auch das Antikriegshaus, nicht zuletzt auch ein Kind dieser Ära und ihrer Protagonisten: Im September vor 40 Jahren wurde der Grundstein für die Dokumentationsstätte für Kriegsgeschehen und Friedensarbeit, kurz Antikriegshaus, gelegt. Schon seit 1967 hatte Pastor Klaus Rauterberg gemeinsam mit Freiwilligen des Christlichen Friedensdiensts und Gemeindegliedern auf dem Gelände zu Veranstaltungen der Friedensbewegung eingeladen und die Antikriegswerkstatt als Seminar- und Tagungshaus initiiert. Mit einem großen Friedensfest soll das Jubiläum am 25. Mai gefeiert werden.