Debütantin Larissa singt sich in die Herzen der Besucher

„Ich war total verwirrt, dass mir die Hände und die Stimme nicht gezittert haben“, sagte Larissa nach ihrem Bühnendebüt, das das Publikum mit heftigem, Mut machenden Applaus bedachte. (Foto: Susanna Veenhuis)
 
Kaum zu überblicken war die Menge der Besucher: Moderator Tobias Kunze freute sich über die zahlreichen Gäste. (Foto: Susanna Veenhuis)

Musik und Poesie bis nach Mitternacht bei der Offenen Bühne im Anderen Kino

LEHRTE (sv). „Gitarristan muss ja ziemlich entvölkert sein, alle Gitarrenspieler sind hier!“ Tobias Kunze, Gründer und Moderator der Offenen Bühne im Anderen Kino, bezog sich damit auf die Liste derjenigen, die sich an diesem Abend mit Coversongs oder selbst Erdachtem auf diese Bühne wagen wollten. Langeweile kam für die gut 130 Besucher jedoch nicht auf, schließlich interpretierte jeder Künstler sein Instrument anders. Zwischen Melodiespiel und Storytelling, Liedermacher-Songs und ausgefeilten Spieltechniken hatten aber auch Hip Hop, Rap, Kurzgeschichten und ein Sketch Platz gefunden. Wie immer seit Beginn der Offenen Bühne vor rund 18 Jahren galt: Zehn Minuten hat jeder für seine Vorführung zur Verfügung, und wer sich daran hält, ist selber schuld, denn die Besucher sehen das nicht so eng.
Außerordentlich heiter und entspannt war die Stimmung, das Publikum war offen für alles und nur insofern gespannt, was dieser Überraschungsabend diesmal für Kopf, Herz und Seele zu bieten hat. Denn mit diesen Zutaten arbeiten auch die Protagonisten auf der Kino-Bühne – mal echt oder nur scheinbar ziemlich locker und cool, mal ganz offensichtlich aufgeregt und voller Lampenfieber. Dabei war das Niveau der Darbietungen auch diesmal sehr unterschiedlich. Die Besucher sind jedoch von Grund auf positiv eingestellt und nehmen auch Patzer locker hin, indem sie sie beklatschen und die mutigen Akteure immer wieder bestärken. Da tat es auch keinen Abbruch, dass die 98 Kino-Plüschsessel bei weitem nicht ausreichten; Stühle aus dem Café und sogar die Barhocker wurden herein geschleppt, und dennoch mussten viele stundenlang stehen, wollten sich aber um keinen Preis die vielfältige Show entgehen lassen.
„Wir hatten hier schon 20-köpfige Chöre auf der Bühne, Theater, Kabarett und sogar eine Strapatenkünstlerin, die an Tüchern Akrobatik machte“, blickte Tobias Kunze kurz zurück. Um das Eis zu brechen, trug er einen eigenen Text über den Generationenkonflikt vor. Mit dem Melodiestück „Jeden Tag hacke“ eröffnete ein junger Mann unter dem Pseudonym Bertold Bricht den Musiker-Reigen und entlockte seinem Instrument mit selten gesehenen Techniken durchaus harmonische Tonfolgen ganz ohne Gesang.
„Bei meinem ersten Auftritt vor einem Jahr konnte gerade ich drei, vier Akkorde und hatte nicht mal eine eigene Gitarre“, verriet „Till, das Geburtstagskind“ aus Peine. Da er tatsächlich an diesem Tag sein Wiegenfest beging, kam auch mal das Publikum zum Zug und schmetterte ein amtliches „Happy Birthday“ Richtung Bühne. Und konnte anschließend die beachtlichen spieltechnischen Fortschritte an der Gitarre verfolgen. Bei den Texten freilich ist durchaus noch Luft nach oben.
Viele Lacher und reichlich Applaus erntete Ingmar für die Schilderung seiner Züchter-Ambitionen putziger kleiner Silberfischchen als Haustieralternative für Tierhaarallergiker. Ganz ohne Gitarre kam auch André Ziegenmeier aus. Der Stammgast und Geschichtenerzähler hat mit seinen absurden Storys schon oft die Zwerchfelle erschüttert. Diesmal hatte er erprobte Erziehungstipps dabei. So habe seine dreijährige Tochter mit großer Beharrlichkeit Süßigkeiten statt gesundem Obst gefordert. Notgedrungen habe er ihr erzählt, das Keksgeld sei alle, er hätte nur noch Apfelgeld. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mit so einem billigen Trick davonkomme“, sagte der junge Vater grinsend. Kam er auch nicht. Beim nächsten Einkauf zeigte das Töchterchen auf ein Bankgebäude mit dem Hinweis, dort könne Papa bestimmt das Apfelgeld gegen Keksgeld eintauschen. „Das werde ich auch tun. Allein schon, um zu sehen, wie der Bankmitarbeiter reagiert“, sicherte der Autor dem Publikum zu.
Saturos aus Walsrode raste als HipHopper über die Bühne, „Ungehypt und pleite“ rappte MC Hektik aus Algermissen; „Liebesschreiber“ Detlef Rühe erzählte von einem Liebespaar, das aber leider Fans von gegnerischen Fußballfans war, die aber doch noch zusammen fanden. Henning aus Schwüblingsen ließ sich über einen kleinen März-Igel im Schnee aus – oder war es ein Mett-Igel? Der Erfolg des Offene-Bühne-Konzepts „Jeder so, wie er kann und will“ zeigte sich auch in einem Rekordergebnis in der gut gefüllten Spenden-Kaffeekanne, in der fast nur „leises Geld“ zusammen kam. Das geht zum Teil an die Vortragenden für ihre Fahrtkosten und zum Teil in die Kino-Vereinskasse.
„Bei der nächsten offenen Bühne bin ich auf jeden Fall wieder dabei!“ Die, die das sagte, war nicht nur die einzige Frau, die sich an diesem Abend auf die Bühne traute, sondern auch noch eine junge Debütantin: Nach anfänglichen Hakern und Verspielern kam Larissa aus Hannover bei ihrem eigenen Mutmach-Song „Im Spiegel“ richtig in Fahrt und erntete riesigen Beifall, mit dem das Publikum auch seine Sympathie ausdrückte.