Autor des "Schwarze Herzog"-Buches spricht zum Thema "Wiener Kongreß"

Am Ende seines zweiten Vortrages im Juli siginierte der Historiker Prof. Dr. hc Gerd Biegel in Sievershausen sein neues Buch "Der Schwarze Herzog: Für Braunschweig gegen Napoleon". (Foto: AK Ortsgeschichte/Rolf Schmidt)
 
Der Wiener Kongreß 1814/15: Hier wurde über die Neuordnung Europas entschieden. (Foto: KEIN URHEBERVERMERK!!!!!!!!!!)
Lehrte: Antikriegshaus Sievershausen |

Den hiesigen Historikervorträgen von Prof. Dr. hc Biegel fehlt nur eines: Genügend Stühle!

SIEVERSHAUSEN (r/kl). So interessant kann Regionalgeschichte mit Bezug zu Europa sein: Der Arbeitskreis Ortsgeschichte Sievershausen unter Leitung von Giesela Schulz musste, als er zuletzt im Juli den Braunschweiger Historiker Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel zu einem weiteren Vortrag seiner Reihe „Auf dem Weg nach Waterloo“ zu Gast hatte, sogar die Bank vor dem Ortsgeschichtlichen Raum in der Antikriegswerkstatt (Kirchweg 4) hinein holen, damit alle der fast 100 Zuhörer/innen einen Sitzplatz fanden. Am Dienstag, 29. September, kommt der beliebte Historiker nun ab 19.00 Uhr zu seinem dritten und abschließenden Vortrag. Es stehen genügend Stühle bereit und als Thema der Wiener Kongreß und die Neuordnung Europas nach Napoleon an . . .
Im Rahmen seiner Reihe „Auf dem Weg nach Waterloo“ wird der Schwerpunkt des Wissenschaftlers vom Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte an der TU Braunschweig dieses Mal wird auf den Ergebnissen des Wiener Kongresses liegen, die das Europa des 19. Jahrhunderts nachhaltig verändern sollten.
Mit dem endgültigen Sieg über Napoleon im April 1814 entstanden für die Alliierten und für ihre kleinen Verbündeten neue Probleme. In den Verträgen und Konferenzen von Mitte 1812 bis März 1814 war die Beseitigung der napoleonischen Vorherrschaft und die Wiederherstellung eines Gleichgewichtssystems in Europa, mit einem starken bourbonischen Frankreich und zahlreichen Staaten zweiten und dritten Ranges, Konsens gewesen.
Ganz aus der Welt waren eigennützige Ansprüche auf Territorialvergrößerung jedoch nicht, weder bei den Alliierten, noch bei ihren kleineren Verbündeten. Begründet wurden diese in erster Linie mit den Lasten, die die einzelnen Länder in über 20 Kriegsjahren getragen hatten.
Zudem mußten manche Staaten überhaupt erst wiederhergestellt werden, so die "Welfenlande" Hannover und Braunschweig-Wolfenbüttel, oder zu alter Größe zurückkehren, wie das im Frieden von Tilsit 1807 arg verkleinerte Preußen.
Sollten diese Wiederherstellungen die Verhältnisse von vor den napoleonischen Kriegen getreulich widerspiegeln? Oder sollten sinnvolle Arrondierungen und Länderaustausche vorgenommen werden?
Und woher sollten die Gebiete für die Vergrößerungsansprüche genommen werden? Wie, schließlich, sollte das neue staatsrechtliche Band der deutschen Staaten aussehen? War ein Wiederaufleben des Alten Reiches möglich, oder welch’ andere zukunftsfähigen Möglichkeiten waren denkbar?
Diese Fragen sollten auf einem Kongreß beraten und beschlossen werden, der ab August 1814 nach Wien einberufen wurde und zu dem alle am gerade beendeten Krieg beteiligt Parteien aufgefordert wurden, Gesandte zu entsenden. Dieser "Wiener Kongreß" der Jahre 1814/15 beendete schließlich die Epoche tiefgreifender Umwälzungen, die mit der Französischen Revolution von 1789 und der ihr folgenden Herrschaft Napoleons das Antlitz Europas und das Leben seiner Einwohner nachhaltig verändert hatte.
Auf gesellschaftlicher Ebene läuteten die Ideen von Freiheit und Gleichheit das Ende der Vorherrschaft des alten Adels ein. Das internationale Staatensystem schließlich, das Gleichgewicht der Großmächte in Europa, wurde ebenso nachhaltig und wirkungsvoll neu geordnet, wie mit dem Deutschen Bund der Kern Europas, die deutschen Staaten. Es waren Entscheidungen, die bis heute nachwirken und sichtbar sind.
Noch während die Staatsmänner Europas auf dem »Wiener Kongreß« verhandelten, kehrte Napoleon überraschend zurück. Am Ende dieses Intermezzos standen am 18. Juni 1815 die Niederlage von Waterloo und die Verbannung auf die im Atlantik vor Afrika gelegene britische Insel St. Helena. Die Befreiungskriege veränderten Europa und bedeuteten den Ausgangspunkt der nationalen Einigungsbewegung in Deutschland.
Bei seinem letzten Vortrag referierte Biegel in gekonnter Weise humorvoll und spannend über den Schwarzen Herzog, Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels (1771-1815), der besonders im 19. Jahrhundert als Freiheitsheld verehrt wurde. Für ihn wurde auch in Burgdorf ein Gedenkstein gesetzt.
Von keinem weiteren Braunschweiger Regenten gibt es so viele Lieder, Gedichte, Bilder und Denkmäler. Er wurde zu einer identitätsstiftenden Symbolfigur für den Kampf gegen Napoleon.
Doch ohne patriotische Brille und mit Blick auf historische Quellen stellt sich nach Biegel dieser Herzog als höchst ambivalente Persönlichkeit dar. Er war kein das unsichere Land ordnender Herzog, eher ein ungestümer Militär, kein großer strategisch denkender Feldherr in den napoleonischen Kriegen, aber ein tapferer Soldat, der nur einen Feind seines Landes sah: Napoleon.
Ihn machte er auch für den Tod seines Vaters und seiner Frau verantwortlich. Zu dessen Niederlage wollte er mit allen Mitteln beitragen. Es gewinnt fast tragische Züge, dass er, der den größten Teil seines Lebens diesem Kampf geopfert hat, das „Waterloo“ seines Feindes Napoleon nicht mehr persönlich erleben konnte. Er wurde zwei Tage vor der berühmten Schlacht bei Quatre Bras tödlich verwundet.
Er konnte nicht ahnen, dass Quatre Bras der entscheidende Moment war. Napoleons Armee wurde dadurch aufgehalten und so konnten sich die Heere von Wellington und Blücher vereinen und gemeinsam Napoleon besiegen.
Zum Thema des Abends hatte Gerd Biegel sein neuestes Buch mitgebracht, das er zum Schwarzen Herzog herausgegeben hat und signierte es auf Wunsch am Ende der Veranstaltung.